Britischer Verkehrsinsel-Fanklub "Im Kreis zu fahren, ist Lebensqualität"

Echt britisch: Wenn Kevin Beresford in einen Kreisverkehr fährt, ist das für ihn ein Glücksmoment. Der Präsident des Kreisel-Fanklubs über seine ungewöhnliche Leidenschaft und die entspannende Wirkung von Extrarunden.

Kevin Beresford

Ein Interview von , London


Zur Person
  • Kevin Beresford
    Kevin Beresford, 62, ist Präsident der Roundabout Appreciation Society, der Vereinigung von Kreisel-Liebhabern im britischen Redditch bei Birmingham. Die Idee hatte Beresford im Jahr 2003: Er wollte den Kunden seiner Malerei-Firma einen Kalender schenken, "aber darauf sollten nicht schon wieder diese Sixpack-Feuerwehrmänner grinsen", sagt er. Doch seine Stadt sei bloß dafür bekannt, drei Gefängnisse und kein Kino zu haben - dafür aber knapp 40 Kreisel. Also kürte Beresford die zwölf schönsten für seinen Kalender. Er verkaufte auf Anhieb 60.000 Stück weltweit. "Da wusste ich, dass ich mit meinem Hobby nicht alleine bin." Gerade ist der neue Kalender erschienen: "Die besten britischen Kreisel 2015".
SPIEGEL ONLINE: Bitte entschuldigen Sie die direkte Frage: Aber was fasziniert Sie bloß an Kreiseln?

Beresford: Für mich ist ein Kreisel eine Oase in der Asphaltwüste, er verschafft mir während der Autofahrt einen kleinen Glücksmoment. Eine Ampel wirkt im Vergleich roboterhaft und statisch. Wenn sie rot leuchtet, muss ich stehenbleiben, selbst wenn kein Autofahrer oder Fußgänger zu sehen ist. Das regt doch auf. Ein Kreisel aber entspannt, er spricht nicht in einem Befehlston mit mir, sondern gönnt mir einen zen-artigen Augenblick.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen verliebt.

Beresford: Wie könnte ich nicht? Für jeden Geschmack gibt es einen Kreisel. Es gibt Brunnen, Blumenbeete, Kinos, Kirchen, Lasershows und sogar Regierungsgebäude auf den Verkehrsinseln. Da passt einfach alles drauf. Für mich sind die schrulligen Kreisel am schönsten, die etwas zeigen, das man dort eigentlich nicht erwarten würde. So wie der riesengroße Ritter aus Holz in der Stadt Tewkesbury, der es auf das Cover des neuen Kalenders geschafft hat.

SPIEGEL ONLINE: Schon mal absichtlich eine Extrarunde gedreht, weil es so schön war?

Beresford: Ständig. Ich drehe Runde um Runde um Runde und freue mich.

SPIEGEL ONLINE: Und kriegen nie einen Drehwurm?

Beresford: Niemals.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht langweilig, sich bloß im Kreis zu drehen und nicht vorwärtszukommen?

Beresford: Darin liegt doch das reinste Vergnügen. Viele Autofahrer beschweren sich darüber, dass ein Kreisel ihre Fahrt verzögert. Aber für mich ist es Lebensqualität, diese Zeit für drei Extrarunden zu haben. Außerdem belegen Studien, dass der Verkehr an Kreiseln zügiger fließt als an Ampeln. Der Spaß sollte also für jeden drin sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Hunderte Kreisel in England gesehen. Gibt es regionale Unterschiede?

Beresford: Ein Kreisel sagt sehr viel aus über die Gegend, in der er steht. Nehmen Sie zum Beispiel Liverpool: Dort gibt es sehr viele Anker oder Schiffe auf den Verkehrsinseln. In Birmingham gibt es eine große chinesische Gemeinde - und dort finden Sie einen Kreisel mit einer Pagode.

SPIEGEL ONLINE: Nicht jeder Kreisel ist eine Augenweide. Manch einer ist sogar schrecklich unübersichtlich, das müssen selbst Sie zugeben.

Beresford: Das sehe ich nicht so. Ich war noch nie verwirrt in einem Kreisel, für mich gibt es nichts Logischeres. Aber da sprechen Sie auch mit dem Falschen. Ich bin nicht umsonst Präsident der Roundabout Appreciation Society.

SPIEGEL ONLINE: Apropos, wie genau kann man sich ihre Treffen eigentlich vorstellen?

Beresford: Wir sind etwa 30 Mitglieder, darunter leider nur zwei Frauen. Wir treffen uns zwei Mal im Monat in einem Pub und quatschen über Kreisel. Wir bekommen ja Hunderte Mails mit Bildern aus der ganzen Welt und dann diskutieren wir über diese Fotos oder über unsere eigenen. Wann immer wir im Urlaub sind, fotografieren wir natürlich Kreisel.

SPIEGEL ONLINE: Und wie wird entschieden, welcher es in den Kalender schafft?

Beresford: Wir sind keine Demokratie. Ich bin der Präsident und qua Amt der "Herr der Ringe". Wer Mitglied bei uns wird, bekommt ein Zertifikat, dass er nun "Ritter der Kreiselrunde" ist. Über die Kalenderauswahl diskutieren wir in einem Komitee von sechs Leuten, aber die Entscheidungen treffe ich. Gerade basteln wir übrigens an einem Kalender mit den schönsten Kreiseln weltweit.

SPIEGEL ONLINE: Wer hängt sich so etwas ins Wohnzimmer?

Beresford: Menschen, die das Besondere im Alltäglichen erkennen können. Das ist unser Motto: Wir feiern das Gewöhnliche.

SPIEGEL ONLINE: Haben es auch Kreisel aus Deutschland in den Kalender mit den schönsten der Welt geschafft?

Beresford: Jetzt wo Sie es sagen, fällt mir auf: Aus Deutschland habe ich noch nie Fotos bekommen. Dabei muss es doch bei Ihnen tolle Kreisel geben. Also hier meine ausdrückliche Aufforderung: Bitte schicken Sie mir Kreiselbilder!

Mehr zum Thema


insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zieloptiker 07.10.2014
1.
Der wahre Grund, warum es in Deutschland kaum Kreisverkehre gibt, ist meiner Meinung nach das unsägliche Treiben der Ampellobby. Verkehrsausschüsse, die über die Anlage neuer Kreisverkehre zu entscheiden haben, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit entsprechend "bearbeitet", damit dann doch noch eine teure Ampelanlage mit lukrativem Wartungsvertrag installiert wird. "Aufgrund von Missverständnissen bei den Berechnungsgrundlagen[2] gerieten Kreisverkehre zunehmend in Vergessenheit. Kreisverkehre wurden in den folgenden Jahren häufig in ampelgeregelte Kreuzungen umgebaut." http://de.wikipedia.org/wiki/Kreisverkehr Aber es scheint auf Grund leerer Kassen Hoffnung zu geben: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/strassenverkehr-die-ampel-als-auslaufmodell-a-749922.html "Kreisverkehre auf dem Vormarsch"
kuschl 07.10.2014
2. Verkehrspolitiker dachten lange nur in Ampeln
Ich bin froh, immer mehr Kreisel bei uns anzutreffen. Sie entspannen bei mehreren Straßeneinmündungen ungemein und lenken den Verkehr viel besser als jede Ampel. Ist nur noch nicht in alle Politikerköpfe vorgedrungen. Bei vielen ist Deutschland immer noch heilig Ampelland. Leider braucht der Kreisverkehr etwas mehr Platz, geht also nicht überall.
S.Albrecht 07.10.2014
3. Herrlich! :-D
Man kann ja über die Briten aus den unterschiedlichsten Gründen schimpfen wie man will, ich selber tue das auch oft und ausgiebig. Aber dieses Interview zeigt mal wieder, welch ein liebenswürdiges schrulliges Völkchen sich dort auf der Insel tummelt. In Sachen Lebens- - auch das lässt sich am besten auf englisch ausdrücken: appreciation - können wir ihnen was abgucken. Roundabout Appreciation Society - darauf muss man erstmal kommen! Herrlich!
eine-Meinung-unter-Vielen 07.10.2014
4. Hmm...
Zitat von zieloptikerDer wahre Grund, warum es in Deutschland kaum Kreisverkehre gibt, ist meiner Meinung nach das unsägliche Treiben der Ampellobby. Verkehrsausschüsse, die über die Anlage neuer Kreisverkehre zu entscheiden haben, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit entsprechend "bearbeitet", damit dann doch noch eine teure Ampelanlage mit lukrativem Wartungsvertrag installiert wird. "Aufgrund von Missverständnissen bei den Berechnungsgrundlagen[2] gerieten Kreisverkehre zunehmend in Vergessenheit. Kreisverkehre wurden in den folgenden Jahren häufig in ampelgeregelte Kreuzungen umgebaut." http://de.wikipedia.org/wiki/Kreisverkehr Aber es scheint auf Grund leerer Kassen Hoffnung zu geben: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/strassenverkehr-die-ampel-als-auslaufmodell-a-749922.html "Kreisverkehre auf dem Vormarsch"
... ich hätte eine andere Erklärung - aus der Praxis. Der Deutsche Autofahrer kommt mit Kreisverkehr, besonders mehrspurigen, irgenwie sehr schlecht zurecht. Bei Fahrten in Ländern, die viel Kreisverkehr nutzen, GB z.B. hat hier eine wahrhafte Kultur, läuft nach meiner Beobachtung der Verkehr auch über mehrspurige Kreisel sehr flüssig. Ganz anders als hier zu Lande. Vor dem Kreisel ordnet man sich so ein, dass man sein Ziel effizient ansteuert. Wer gleich die nächste Abzweigung abbiegen möchte, fährt entsprechend (rechts auf dem Kontinent, links in GB) ein, andere, die den Kreisel weiter durchfahren müssen, ordnen sich so ein, dass sie den Kreisel auf den inneren Spuren einfahren. Auf der Außenspur den Kreis umfahren macht eigentlich keiner. Wer aus einer inneren Spur nach aussen möchte, wird gelassen. Wir haben zwar in D ähnliche Verkehrsregeln, aber am Kreisel herrscht trotzdem offenes Chaos. Außen den ganzen Kreisel nehmen, inneren Spuren die Vorfahrt abschneiden, schnell noch beschleunigen, wenn man aussen fährt und der innere Wagen nach außen blinkt. Selbst an einspurigen Kreiseln kann man staunen, selbst wenn die Lage recht übersichtlich sind. Kein Blinken, wenn man aus dem Kreisel herausfährt, erstmal anhalten bevor man in einen leeren Kreisel einfährt usw... Alles sooft in D erlebt, dass ich das nicht mehr nur als persönliche Statistik bewerte. Vermutlich ist in D die Unfallstatistik an mehrspurigen Kreiseln so hoch, dass eine Ampelanlage schlicht die "vernünftigere" Lösung ist.
spon-1262956449612 07.10.2014
5. UK - Du hast es besser
Auch dieser humorvolle Beitrag zeigt, dass im UK alles, aber auch wirklich alles besser ist als in der BRD, auch scheinbar Nebensächliches wie der Kreisverkehr. Der spart nämlich nachweislich teure Ampellösungen, entschleunigt den Verkehr und senkt die Unfallgefahr. Ist aber nix für ein Land mit AutoDarfAllesClub.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.