Kritik am Papst "Neidisch bin ich nur auf seine roten Schuhe"

Von den Massen wird Papst Benedikt XVI. gefeiert wie ein Popstar - doch das Verhältnis zur protestantischen Kirche hat in seiner Amtszeit gelitten. Die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum sie viele Entscheidungen des Papstes für falsch hält.

SPIEGEL ONLINE: Frau Käßmann, im rumänischen Sibiu trifft sich die 3. Europäische Ökumenische Versammlung, an der Sie gerade teilnehmen. Gleichzeitig besucht Papst Benedikt XVI. Österreich und zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Ärgert Sie das?

Käßmann: Das Medieninteresse am Treffen in Sibiu wird durch den Papstbesuch in Österreich bestimmt leiden. Aber das ist zu verschmerzen, denn in Sibiu geht es stark um innerkirchliche Beziehungen.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem innerkirchlichen Verhältnis zwischen Rom und den evangelischen Kirchen steht es nicht zum Besten. Warum ist man sich im ökumenischen Dialog nicht näher gekommen?

Käßmann: Wenn sich eine Kirche als einzige Weltkirche versteht, ist es sehr schwierig, in einen Dialog einzutreten. Die römisch-katholische Haltung, sie allein sei die heilige Kirche, akzeptieren wir nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was sollen dann Bemühungen um eine Annäherung der beiden Konfessionen bringen? Es ist doch klar, dass man sich in wesentlichen Fragen wie der Anerkennung des Papstamtes nicht einigen wird.

Käßmann: Je mehr wir gemeinsam sagen, desto mehr werden wir gehört. Von der Bibel her gibt es den Auftrag, so viel Einheit wie möglich zu leben. Im Dialog mit dem Islam sollten wir mit einer Stimme sprechen. Und gerade da, wo Kirchen kleiner werden, ist es sinnvoll, zusammenzuarbeiten. In meiner Landeskirche haben sich beispielsweise gerade ein kleines katholisches und ein kleines evangelisches Krankenhaus zu einem christlichen Klinikum zusammengeschlossen. So etwas ist ein Hoffnungsschimmer. Doch insgesamt geht mir der ökumenische Prozess viel zu zögerlich voran, etwa in der Abendmahlsfrage für Ehepartner verschiedener Konfession.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern, die großen Kirchen sollten sich gemeinsam zu Themen wie dem Klimawandel äußern. Welche Kompetenz hat die Kirche bei solchen Fragen?

Käßmann: In unseren Reihen gibt es hervorragende Naturwissenschaftler, die an dieser Diskussion sachkundig teilnehmen können. Außerdem: Allein meine Landeskirche hat 8600 Gebäude. Wir können etwa durch Energiegutachten oder Solarzellen auf kirchlichen Gebäuden deutliche Zeichen setzen. Auf kircheneigenem Land können wir auf gentechnisch verändertes Saatgut verzichten. Und wir können unsere Mitglieder ermutigen, Umweltfragen ernst zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: "Solarzellen", "Saatgut" - das sind praktische, weltliche Themen? Haben Sie bei den theologischen Fragen der Ökumene kapituliert?

Käßmann: Noch nicht. Aber ich sage ganz offen: In den nächsten Jahren erwarte ich keinen theologischen Durchbruch. Daher sollten wir jetzt nicht nur aufs Lehrgespräch setzen, sondern uns auf das praktische Christentum konzentrieren.

SPIEGEL ONLINE: Benedikt wird in Österreich wieder gefeiert werden wie ein Popstar - obwohl er unpopuläre Forderungen vor allem in Sachen Sexualethik stellt. Warum?

Käßmann: Die Medien wollen Gesichter und Ereignisse. Und die Menschen lieben es, bei diesen Ereignissen dabei sein. Ich stelle jedoch eine deutliche Diskrepanz fest: Viele wollen sich einen Papstauftritt nicht entgehen lassen. Gleichzeitig wissen wir aber, dass etwa die sexualethischen Forderungen des Papstes nicht unbedingt durchschlagenden Erfolg haben.

Benedikts rote Schuhe und die Defizite Roms

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie manchmal neidisch auf die Konkurrenz?

Käßmann: Neidisch bin ich nur darauf, dass er rote Schuhe tragen darf, ohne dass dies jemand kritisiert. Der Protestantismus zeichnet sich durch etwas ganz anderes aus: Bei uns herrscht inhaltliche Vielfalt. Wir sagen: Um die Wahrheit, um den richtigen Weg muss immer wieder gerungen werden. Das ist natürlich anstrengend und nicht so populär. Dennoch ist das für eine Kirche der richtige Weg, denke ich.

SPIEGEL ONLINE: Papst Benedikt sitzt seit rund zweieinhalb Jahren auf dem Stuhl Petri. Welches Urteil fällen Sie über seine bisherige Amtszeit?

Käßmann: Ich sehe nicht, dass in dieser Amtszeit die Ökumene vorangekommen ist. Ich weiß auch, dass manche Reformkatholiken die Hoffnung aufgegeben haben, in der Zölibatsfrage oder beim Priesteramt der Frau könne sich in seiner Amtszeit noch etwas ändern.

SPIEGEL ONLINE: Dafür hat Benedikt die Möglichkeit geschaffen, die Messe wieder in Latein zu zelebrieren.

Käßmann: Ich bin froh, dass Luther die Bibel übersetzt hat und den Gottesdienst in der Volkssprache eingeführt hat, damit die Menschen religiösen Fragen selbst nachgehen können. Die Frage der Sprache ist von großer Bedeutung. Die lateinische Messe ist aus lutherischer Sicht nicht nachzuvollziehen.

SPIEGEL ONLINE: Eine reaktionäre Maßnahme?

Käßmann: Diese Frage muss innerkatholisch geklärt werden.

SPIEGEL ONLINE: Müssen moraltheologische Fragen, wie etwa die wirksame Bekämpfung von Aids - Stichwort Kondomverbot - auch innerkatholisch geklärt werden?

Käßmann: Es fällt mir sehr schwer, die offizielle römisch-katholische Haltung zu Aids nachzuvollziehen. Die Folgen einer solchen Haltung sind nicht verantwortbar, denke ich. Beispiele zeigen: Wenn die Kirchen aufklären und die Benutzung von Kondomen befürworten, trägt dies dazu bei, dass Ansteckung verhindert wird und so Menschenleben gerettet werden. Ich wünsche mir, dass auch die römisch-katholische Kirche Verhütung und Familienplanung positiv sieht. Die Kombination aus Religion und Angst halte ich für den falschen Weg.

SPIEGEL ONLINE: Die katholische Kirche macht Menschen Angst?

Käßmann: Nicht die katholische Kirche insgesamt. Aber zur Freiheit eines Christenmenschen, von der Luther gesprochen hat, gehört, dass ich nachdenken darf, dass ich kritisch sein darf. Wenn diese Freiheit ersetzt wird dadurch, dass gesagt wird, du musst so und so glauben, du musst so und so handeln, dann ist dies meines Erachtens der falsche Weg. Die Zusage des Evangeliums, geliebt zu sein, möchte ich spüren und nicht den Druck, verdammt zu sein, wenn ich nicht nach bestimmten Moralvorstellungen lebe.

SPIEGEL ONLINE: Wo nehmen Sie diesen Druck wahr?

Käßmann: In der fehlenden Liebe mit Blick auf die Situation von Frauen im Schwangerschaftskonflikt zum Beispiel. Oder in der Begegnung mit Menschen, deren Leben nicht so perfekt verläuft. Auch im Umgang mit Geschiedenen oder Homosexuellen. Es siegt oft das anklagende Gesetz über die Liebe. Das halte ich für unevangelisch.

SPIEGEL ONLINE: Trotz der von Ihnen gewünschten evangelischen Freiheit laufen Ihrer Kirche seit Jahren die Mitglieder davon. Das Geld wird knapp, das Personal abgebaut. Wie wollen Sie mit weniger Hauptamtlichen mehr Gläubige gewinnen?

Käßmann: Hauptamtliches Personal ist kein Garant dafür, dass es hohe Mitgliederzahlen gibt. Die Situation hat sich inzwischen übrigens stabilisiert, die Zahl der Austritte geht zurück.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann die evangelische Kirche attraktiver werden?

Käßmann: Wichtig ist, dass eine Kirche vor Ort gut verwurzelt ist und sich die Menschen in ihr geborgen fühlen. Gottesdienste müssen so ansprechend sein, dass Menschen mit dem Gefühl rausgehen: Das hat mir gut getan für mein Leben, da geh ich wieder hin. Eine gute seelsorgerliche Begleitung von Menschen an den Übergängen des Lebens - Geburt, Einschulung, Heirat, Tod - schafft eine positive Bindung an die Kirche. Auch Kindertagesstätten, Religionsunterricht, ein begeisternder Konfirmandenunterricht sind wichtige Schaltstellen. Erfahrungen dort bestimmen mit, ob Menschen sich in Zukunft zu ihrer Kirche zählen.

SPIEGEL ONLINE: Kommt die Gesellschaft nicht längst ohne Glauben aus?

Käßmann: Manche Menschen meinen das. Ich halte das für traurig. Denn eines Tages muss sich jeder fragen, woher er kommt, und wohin er geht.

SPIEGEL ONLINE: Und das kann nur die Kirche beantworten?

Käßmann: Ich sage nicht, dass die Kirche dies exklusiv kann. Für mich allerdings hat die Kirche diese Antwort. Ich wünschte, mehr Menschen würden sich frühzeitiger Gedanken machen, wohin sie gehören.

Das Interview führte Alexander Schwabe

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.