Auskunftspflicht zu Kuckuckskindern "Das Gesetz beschneidet die Rechte der Scheinväter"

Mit einem neuen Gesetz will Justizminister Heiko Maas für Klarheit in Streitfällen um Kuckuckskinder sorgen. Familienrechtsexpertin Kerstin Aust hält den Entwurf für Augenwischerei.
Vater und sein Sohn (Archivbild)

Vater und sein Sohn (Archivbild)

Foto: Frank Leonhardt/ dpa

Justizminister Heiko Maas will es Vätern sogenannter Kuckuckskinder erleichtern, den wahren Erzeuger ihrer Kinder ausfindig zu machen. Der SPD-Politiker will Mütter gesetzlich verpflichten, in derartigen Fällen ihre Sexualpartner offenzulegen.

Das neue Gesetz wirkt direkt in das Tätigkeitsfeld von Kerstin Aust hinein. Im Interview erklärt die 36-jährige Juristin, warum Scheinväter die eigentlichen Verlierer des Gesetzes sind.

Zur Person
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Kerstin Aust arbeitet als Anwältin für Familienrecht in München. Ihre Doktorarbeit "Das Kuckuckskind und seine drei Eltern" erschien im Juli 2015 im Peter-Lang-Verlag.

SPIEGEL ONLINE: Frau Aust, Justizminister Heiko Maas hat ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das die Rechtslage im Fall der Kuckuckskinder verbessern soll. Warum war das nötig?

Kerstin Aust: Das Gesetz setzt eine Vorgabe des Bundesverfassungsgerichts um. Es gibt aber viele weitere Kritikpunkte an der derzeitigen Gesetzeslage. Wenn ein Mann Zweifel bekommt, hat er nur zwei Jahre Zeit, die Vaterschaft anzufechten. Im internationalen Vergleich ist das nicht gerechtfertigt. Ebenso ungerecht: Wenn ein Mann erfährt, dass er nicht der Vater ist, und während des Anfechtungsverfahrens stirbt, kann der Prozess von seinen Erben nicht fortgesetzt werden. Wir schauen aber oft nur auf den Scheinvater, dem ein Kind untergeschoben wurde. Was ist denn mit dem biologischen Vater? Dem wurde ein Kind vorenthalten.

SPIEGEL ONLINE: Mütter von Kuckuckskindern sollen jetzt verpflichtet werden, über ihre Sexpartner zu sprechen. Was halten Sie davon?

Kerstin Aust: In der Praxis war dieser Anspruch schon längst vorhanden, eine ausdrückliche gesetzliche Regelung hätte ich mir schon viel früher gewünscht. Der Anspruch bringt aber nur etwas, wenn die Mutter erstens den Erzeuger namentlich kennt und zweitens überhaupt redet. Vor Gericht können Sie den Anspruch nur mit Ordnungsgeld und Ordnungshaft durchsetzen. Wenn die Frau sich weigert, dann wird sie aber nicht dafür im Gefängnis verrotten. Dass es diesen Anspruch jetzt im Gesetz gibt, ist zwar schön und gut, er ist aber faktisch sehr schwierig umzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Also hilft das Gesetz den sogenannten Scheinvätern nicht sonderlich weiter. Gibt es noch etwas anderes, das Sie an dem Gesetz stört?

Kerstin Aust: Dass der Scheinvater nur noch rückwirkend für zwei Jahre von ihm geleisteten Unterhalt zurückverlangen kann. Wenn die Mutter heute nach 18 Jahren mit der Sprache rausrückt und sagt: "Du bist gar nicht das Kind von deinem Papa", hat das erhebliche Konsequenzen. Nach der derzeitigen Gesetzeslage hat der Scheinvater einen Regressanspruch gegen den leiblichen Vater über die volle Höhe der Aufwendungen seit der Geburt. In diesem Fall summiert sich das nach der Düsseldorfer Tabelle auf ein stattliches Sümmchen zwischen 84.000 und 135.000 Euro. Jetzt wird der Anspruch auf zwei Jahre in die Vergangenheit begrenzt. Das kann bei null liegen, wenn Sie die letzten zwei Jahre keinen Unterhalt bezahlt haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Scheinväter die großen Verlierer des Gesetzes?

Kerstin Aust: Tatsächlich ja. Wenn wir bei dem Beispiel Wahrheit nach 18 Jahren bleiben, liegt der künftige Anspruch nur noch bei 29.000 bis 47.000 Euro. Das Gesetz beschneidet also die Rechte der Scheinväter - mit der Begründung, das Familienleben habe den Schaden aufgewogen. Aber was ist mit Fällen, in denen das Familienleben überhaupt nicht stattgefunden hat? Weil die Ehe kurz war oder Sie nur das Kind anerkannt haben, aber gar nicht zusammenlebten? Das ist ja tragisch. Sie verlieren Ihr Kind und mit ihm den Sinn des Lebens. Und mit dem neuen Gesetz wird ihnen auch noch zu einem Großteil das Recht auf wirtschaftliche Entschädigung genommen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als sei das Gesetz Augenwischerei auf der einen Seite, auf der anderen eine Verschlechterung für die Ansprüche der Scheinväter.

Kerstin Aust: Es gibt ja noch eine Komponente: Der biologische Vater ist vielleicht irgendwann nach einer durchzechten Nacht mit dieser Frau im Bett gelandet, hat ihr "beigewohnt", wie es im Gesetz heißt. Zwanzig Jahre später erfährt er: "Übrigens, wir beide haben damals ein Kind gezeugt." Darum ist dieses Gesetz doch wichtig: Weil die Mutter die Wahrheit sagen muss.

SPIEGEL ONLINE: Was wird sich für Sie in der Praxis durch das neue Gesetz ändern?

Kerstin Aust: Es könnte einen kurzen Anstieg der Klagen geben, da die Übergangsvorschrift sagt, dass dieses Gesetz nur für Neufälle gilt. Das heißt, die Begrenzung auf zwei Jahre in die Vergangenheit gilt nur dann, wenn der Scheinvater von seinem Gegner noch nicht Regress verlangt hat. Ansonsten erwarte ich keine radikalen Änderungen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch zu dem Thema heißt "Das Kuckuckskind und seine drei Eltern". Was ist denn in dieser ganzen Angelegenheit mit den Kindern? Über die spricht kaum jemand.

Kerstin Aust: Es hilft den Kindern nicht, wenn die Erwachsenen lange ein Familiengeheimnis daraus machen. Ein Beispiel: Meine Eltern haben sich scheiden lassen. Läuft super, weil ich jetzt vier Eltern habe. Das meine ich auch mit dem Titel des Buches. Ein Kuckuckskind hat drei Eltern. Gäbe es eine Gesetzeslage, die beide Väter gleichstellen würde, wäre das vielleicht auch ein Gewinn für diese Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Sie sich ein Gesetz wünschen könnten?

Kerstin Aust: Für Kinder gibt es keinen Anspruch auf das Testen des möglichen Erzeugers. Sie sollten diese rechtliche Handhabe bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt den Mythos des einen Kuckuckskinds unter zehn Neugeborenen. Neue Studien gehen von wesentlich geringeren Zahlen aus. Welche Statistiken kennen Sie und wie sehen Ihre Beobachtungen in der Praxis aus?

Kerstin Aust: Es ist nicht so, dass hier jeden Tag ein betroffener Vater reinspaziert. Es ist aber auch eine sehr peinliche Situation. In meinem Bekanntenkreis kenne ich selbst zwei Kuckuckskinder, das ist überproportional. Möglicherweise sprechen die Leute eher mit mir darüber, weil ich ein Buch dazu geschrieben habe. Die Studien, die sehr hohe Zahlen annehmen, beschäftigen sich mit Fällen, bei denen der Scheinvater schon Zweifel hatte. Das ist natürlich überhaupt nicht repräsentativ. Aber es gibt auch andere Studien, deren Durchschnitt ich auf 0,8 Prozent gerechnet habe. Das klingt nicht viel, ist bei einer Geburtenziffer von 738.000 deutschen Kindern in 2015 auch nicht sehr wenig.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist davon besonders betroffen?

Kerstin Aust: Das ist kein Problem bestimmter Gesellschaftsschichten. Das zeigen die Statistiken und auch unsere Erfahrungen in der Praxis. Egal ob wohlhabend oder in bescheideneren Verhältnissen - wenn die Frau viel zu Hause ist und sonst nichts zu tun hat, während der Mann unterwegs ist, steigt die Wahrscheinlichkeit für Kuckuckskinder.