Kuckuckskinder "Ich fühlte nur noch Fremdheit"

Der Bundesgerichtshof stärkt die Rechte von Scheinvätern, deren Partnerinnen ihnen vermeintlichen Nachwuchs "untergeschoben" haben. Doch eine Vielzahl von moralischen Fragen bleibt offen. Am Ende sind die Kuckuckskinder die eigentlichen Verlierer.

Von Simone Schmollack


Berlin - Walter K. ist entsetzt, als er das Testergebnis liest. Es stimmt also doch, was das Dorf die ganze Zeit über gemunkelt hatte: Laura ist tatsächlich nicht seine Tochter. Der Bauunternehmer aus Niedersachsen wurde vor vielen Jahren von seiner Frau betrogen, die war dabei auch noch schwanger geworden. Laura ist ein klassisches Kuckuckskind.

Buch "Kuckuckskinder, Kuckuckseltern": "Das Geheimnis muss gewahrt bleiben, damit die Familie nicht auseinanderbricht"

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Jedes fünfte bis zehnte Neugeborene in Deutschland soll ein Kuckuckskind sein, besagen Schätzungen, das wären 25.000 bis 40.000 jedes Jahr. Eine offizielle Statistik gibt es nicht. Eine in der "Ärztezeitung" 2005 veröffentlichte britische Studie hat eine Kuckuckskinder-Rate von 3,7 Prozent in Europa ausgemacht. Die Verunsicherung unter den Männern ist groß: 40.000 Väter in Deutschland lassen jedes Jahr testen, ob ihre Söhne und Töchter wirklich von ihnen stammen. In 25 Prozent der Fälle ist die Skepsis berechtigt und das Kind kein leibliches.

Auch bei Walter K. war es so. Heimlich hatte er von seiner pubertierenden Tochter einen Gentest anfertigen lassen, mit Hilfe eines Kaugummis. Nach der Fassungslosigkeit über den Fehltritt und die Lügen seiner Frau machte sich in dem Mann vor allem eines breit: Wut. "Jahrelang habe ich gezahlt", sagt Walter K. "Da war ein Kleinwagen zusammen gekommen." Wenigstens den wollte Walter K. zurückhaben. Bisher war das nicht möglich. "Keine Chance", hatte sein Anwalt immer gesagt.

Ein Leben aufgebaut auf einer Lüge

Mit dem heutigen Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) könnte Walter K. zu einer späten Genugtuung kommen. Der BGH hat entschieden, dass ein Scheinvater den von ihm gezahlten Kindesunterhalt unter Umständen von dem leiblichen Vater zurück verlangen kann.

Mit dem BGH-Urteil und dem am 1. April in Kraft getretenen reformierten Vaterschaftsrecht wird das Thema Kuckuckskinder rechtlich immer klarer umrissen. Fragen moralischer Art aber bleiben: Warum wenden Männer sich von einem Kind ab, wenn sie wissen, dass es nicht ihr eigenes ist? Warum schreiben sie einzig den Frauen die Schuld an dem Kuckuckskinder-Drama zu?

Aber ganz so einfach ist das nicht - auch wenn die Mütter eine gewisse Schuld nicht von sich weisen können: Schließlich sind sie es, die das Kind mit dem Wissen bekommen, dass der Vater ein anderer ist als der, der es glaubt zu sein. Und dann schweigen sie - oft über Jahre. Und belügen den Mann, sich und vor allem das Kind.

"Auch für die Mütter bricht eine Welt zusammen"

Das hat einen Grund: Sie wollen ihrem Kind ein Heim bauen, sie wollen ihm und sich selbst eine heile Familie bieten. "Auch für die Mütter bricht eine Welt zusammen, wenn das Geheimnis auffliegt", sagt Wolfgang Wenger, Sprecher des Arbeitskreises Kuckuckskinder der Männerpartei in Bayern. Für eine Familie bedeutet dies eine der schmerzhaftesten Belastungsproben überhaupt. Ein Kuckuckskind ist auch heute noch eines größten Tabus. Die meisten Familien brechen nach einer solchen Offenbarung auseinander.

Die Kinder sind dabei die eigentlich Leidtragenden. Nicht nur, dass sie plötzlich ihren Vater verlieren. Sie werden auch um eine wichtige Wahrheit betrogen: die der eigenen Herkunft. Die Adoptionsforschung belegt seit Jahren, dass es wichtig ist zu wissen, woher man kommt, um zu verstehen, warum man so ist, wie man ist. Kinder, die früh von ihren Eltern getrennt werden, leiden ihr Leben lang unter ihren abgeschnittenen Wurzeln.

Wilma F. ist längst erwachsen, als ihr Vater ihr eröffnet, dass nicht er Wilmas leiblicher Vater ist, sondern ein "Onkel Hans", jemand aus der Nachbarschaft. "Ich fühlte nur noch Fremdheit", sagt Wilma F., "beiden Männern gegenüber". Heute ist Wilma 63 und längst Großmutter. Aber der Fakt, dass sie ein Kuckuckskind ist und es erst spät erfahren hat, treibt sie nach wie vor um.

Die Kinder werden missbraucht: von Mutter und Vater

Andere Kuckuckskinder berichten davon, dass sie immer gespürt haben, dass "in der Familie etwas nicht stimmte", dass es "da etwas gab, das strikt geheim gehalten wurde". Das treibt Kuckuckskinder um, sie suchen nach etwas, ohne überhaupt zu wissen, wonach. Sie sind gehetzt durch eine innere Unruhe, die sie sich nicht erklären können. Und durch den Teil ihrer Biografie, den sie nicht kennen.

Walter K. hat damals die Vaterschaft angefochten und seine Tochter verloren. Das hätte nicht sein müssen, sagt Laura. "Er hätte den Vaterschaftstest nicht heimlich machen dürfen." Laura war alt genug um zu begreifen, dass sie doppelt missbraucht worden ist: nicht nur von ihrer Mutter, sondern auch von ihrem Vater.

Wie groß ist die Gefahr, ein Kuckucksvater zu werden? Und ist jede Frau eine potentielle Betrügerin? Nein, sagen Fachleute. Alle Betroffenen treibe nur eine Sehnsucht: die funktionierende Familie aufrecht zu erhalten. Das sagt auch Wolfgang Wenger. Wenger ist in erster Linie Anwalt der Männer, aber er kennt genauso gut die Nachlässigkeiten vieler Väter. "So lange die Männer eine gute Beziehung zur Frau haben, so lange fragen sie nicht nach. Auch wenn sie vielleicht schon lange etwas ahnen."

Wie kommt es, dass Frauen lügen und Männer nicht nachfragen? Die Berliner Psychologin Katrin Nickeleit kennt aus ihrer Praxis viele solcher Fälle. "Das sind Menschen, die aus Familien kommen, in denen kein gutes Miteinander geherrscht hat", sagt sie. In denen nicht vorgelebt worden sei, dass Offenheit und Ehrlichkeit wichtige Elemente einer Beziehung seien und weiter führten als Schweigen - nur weil man glaubte, die Wahrheit sei nicht zu ertragen. Ein großer Trugschluss. Denn ein Geheimnis überschattet den gesamten Familienalltag von seiner ersten Minute an, vor allem den eines Kuckuckskindes. Und es verhindert, dass eine Familie das werden kann, was mit dem Geheimnis bezweckt wird: glücklich.



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