Zweites Leben nach künstlichem Koma Auferstanden

Zwei Minuten war das Gehirn von Clemens Hagen ohne Sauerstoff, zwei Wochen lag er im künstlichen Koma. Der 52-Jährige überstand den Kampf mit dem Tod ohne Folgeschäden. Er erinnert sich an Alpträume, an seine Verwirrung in der Aufwachphase - und fand den Weg zurück ins Leben.

Kimberly Hoppe und Clemens Hagen: "Man lernt, die Normalität zu lieben"
privat

Kimberly Hoppe und Clemens Hagen: "Man lernt, die Normalität zu lieben"

Von , München


Heute können sie darüber lachen, dass er sich im Krankenhaus eine Scheibe Toast nahm, Rasierschaum draufsprühte und hineinbiss, weil er dachte, es sei Schlagsahne. Heute finden sie es komisch, dass er seinen Finger samt Pulsmesser in den Mund steckte und genüsslich daran saugte, weil er dachte, es sei eine Zigarette.

Humor hilft, alles zu verarbeiten. Aber damals war es für beide sehr beängstigend: Erst die Not-OP, dann das künstliche Koma. Das Bangen auf der Intensivstation. Die Verwirrung in der Aufwachphase. Clemens Hagen, 52, wusste nicht, was Traumwelt ist und was Realität. Und seine Verlobte Kimberly Hoppe, 33, hatte eine "unfassbare Angst", dass er vielleicht nie wieder normal wird.

Eine Ader in der Speiseröhre war geplatzt, das Blut verteilte sich in der Lunge und im Magen. Im Krankenhaus war Hagen schon klinisch tot. Die Ärzte holten ihn gerade noch ins Leben zurück. Zwei Wochen lag er im künstlichen Koma, seine Verlobte besuchte ihn täglich. Über die dramatischsten Wochen ihres Lebens haben die beiden Journalisten nun rückblickend ein Tagebuch aus zwei Perspektiven geschrieben. Der Patient in einer "Dauerschleife von Alpträumen". Und die Geliebte, die ihre Ängste wegschiebt, "um nicht durchzudrehen". Welche Erfahrungen ziehen zwei Menschen aus so einer extremen Zeit?

Die Schilderung von Hagen und Hoppe beginnt im November 2012. Das Paar ist beruflich in Berlin unterwegs, als es Hagen bei einem Abendessen plötzlich schlecht geht. Er muss sich übergeben, spuckt Blut, will aber nicht zum Arzt. Am nächsten Tag schafft er es kaum noch in den Flieger zurück nach München. Aus dem Flugzeug heraus wird der Notarzt angefordert, nach der Landung in Bayern wird Hagen direkt ins Krankenhaus gebracht. Sein Herz hört auf zu schlagen. Mehr als zwei Minuten wird sein Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Die Ärzte können ihn reanimieren und die innere Blutung stoppen. Sie versetzen ihn in ein künstliches Koma.

Alpträume voller Gewalt

Was Patienten in diesem medikamentösen Tiefschlaf wahrnehmen, ist von Fall zu Fall verschieden. Hagen erinnert sich erstaunlich präzise an finstere Alpträume, grausam und voller Gewalt. Er wird darin mit seinen Urängsten konfrontiert, auch mit dem Verlust seiner Liebe, er muss mit ansehen, wie seine Verlobte mit anderen Männern schläft.

Hoppe sitzt in Wahrheit an seinem Bett, streichelt seine Hand, redet ihm gut zu. Es ist das Einzige, was sie tun kann - und die Ärzte bestärken sie darin. Immer wenn sie im Raum ist, beruhigt sich Hagen, so beschreiben es die Autoren in ihrem Buch.

Nach rund zwei Wochen leiten die Ärzte die Aufwachphase ein. Die starken Medikamente werden dabei schrittweise reduziert. Oft sind Halluzinationen die Folge, bei Hagen halten sie tagelang an. Er wähnt sich noch immer in Gefahr und sieht im Chefarzt der Intensivstation einen Zuhälter aus seinen Alpträumen. Später hält er Rasierschaum für Schlagsahne und seinen Finger mit Pulsmesser für eine Zigarette. Doch nach und nach findet er den Weg zurück in die Wirklichkeit. Sein Körper erholt sich, sein Geist ebenfalls. Rund vier Wochen nach der Einlieferung wird er aus der Klinik entlassen, ohne Folgeschäden.

"Seelisch und körperlich nackt"

Clemens Hagen im Krankenhaus: Dem Tod von der Schippe gesprungen
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Clemens Hagen im Krankenhaus: Dem Tod von der Schippe gesprungen

Knapp 14 Monate später sitzt er neben seiner Verlobten in einem Restaurant in der Münchner Innenstadt. Wie lebt man ein Leben, das man zum zweiten Mal geschenkt bekommen hat? "Ich esse meinen Leberkäse auch nicht anders als zuvor", antwortet Hagen. Das scheint oberflächlich, ist aber nicht so gemeint. Worum es ihm geht: Er misst seinem Überleben keine höhere Bestimmung bei. "Ich glaube nicht daran, dass ich jetzt erwählt bin, den Krebs zu besiegen." Er sei dankbar und demütig und versuche - auch wenn es abgeschmackt klingt - nach dem Motto "Carpe diem" zu leben.

"Man lernt, die Normalität zu lieben", sagt Hoppe, die ansonsten hauptsächlich über Promis schreibt. Alltag werde zum Luxusgut. Gemeinsam frühstücken oder kochen, Blumen in der Wohnung - die einfachen Dinge bekämen eine größere Bedeutung. Im Buch schwärmt sie davon, wie sie Hagen 2009 kennenlernte. Einen echten Mann, fast 20 Jahre älter, mit beiden Beinen fest im Leben. Plötzlich musste sie diesen Mann im Krankenhaus füttern, sah ihn hilflos, abgemagert und - nach einem Luftröhrenschnitt - mit Loch im Hals vor sich liegen.

Für eine Beziehung sei es die größte Bewährungsprobe, gemeinsam gegen den Tod zu kämpfen, sagt Hagen. "Man ist seelisch und körperlich völlig nackt vor dem Partner." Dass Kimberly für ihn da war, sei sein größtes Glück gewesen. Er ist sich sicher: Das Erlebte hat sie noch näher zusammengebracht.

Vielleicht ist das die größte Lehre aus der Geschichte von Hagen und Hoppe: Es lohnt sich, zu kämpfen und die Hoffnung nicht aufzugeben. Patienten im künstlichen Koma spüren, wenn sie nicht allein gelassen werden - das ist die eigentliche Botschaft der beiden Autoren. "Ohne Liebe", sagt Clemens Hagen zum Abschied, "lässt sich so etwas nicht überleben."

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
earl grey 05.03.2014
1. Ohne Liebe...
Zitat von sysopprivatZwei Minuten war das Gehirn von Clemens Hagen ohne Sauerstoff, zwei Wochen lag er im künstlichen Koma. Der 52-Jährige überstand den Kampf mit dem Tod ohne Folgeschäden. Er erinnert sich an Alpträume, an seine Verwirrung in der Aufwachphase - und fand den Weg zurück ins Leben. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/clemens-hagen-ueber-seine-erfahrungen-im-kuenstlichen-koma-a-955364.html
Der alles entscheidende Satz, mehr braucht es nicht an Kommentaren.
w.goldstein 05.03.2014
2. Die Angehörigen aufklären ist enorm wichtig
Die Angehörigen und Freunde davon in Kenntnis zu setzen, dass der Patient in der Aufwachphase und evtl darüber hinaus von Wahnvorstellungen und Halluzinationen geplagt werden kann ist wichtig. Ich war in der gleichen Situation als Patient, nach einem künstlichen Koma - man hätte die Situation besser mit allen Betroffenen besprechen müssen, was leider nicht geschah und zu einigem Leid führte. Auch der Patient selbst sollte aufgeklärt werden, dass er vorübergehend in einer etwas verschobenen Realität leben kann. Dies nicht zu tun ist ein meiner Ansicht nach unentschuldbares Versäumnis.
w.goldstein 05.03.2014
3. Die Angehörigen aufklären ist enorm wichtig
Die Angehörigen und Freunde davon in Kenntnis zu setzen, dass der Patient in der Aufwachphase und evtl darüber hinaus von Wahnvorstellungen und Halluzinationen geplagt werden kann ist wichtig. Ich war in der gleichen Situation als Patient, nach einem künstlichen Koma - man hätte die Situation besser mit allen Betroffenen besprechen müssen, was leider nicht geschah und zu einigem Leid führte. Auch der Patient selbst sollte aufgeklärt werden, dass er vorübergehend in einer etwas verschobenen Realität leben kann. Dies nicht zu tun ist ein meiner Ansicht nach unentschuldbares Versäumnis.
meilensammler 05.03.2014
4.
Kann der Aussage, dass danach auch nichts wirklich anders ist, voll und ganz zustimmen. Es soll ja Leute geben, die so eine "Neugeburt" regelrecht zelebrieren, für mich geht jeden Tag auch nur die Sonne auf und das Leben geht seinen Gang...ich denk nicht mal großartig an die Zeit zurück. Aber an meine intensive Träume kann ich mich auch nach fast 3 1/2 Jahren immer noch detailliert erinnern...an die von heute Nacht dagegen gar nicht mehr.
Hellsehr 05.03.2014
5. Koma
Es sind extreme Grenzsituationen, sowohl für Angehörige als auch für Patienten. Ich bin fast der Meinung, ich habe es besser verkraftet als z.B. meine Schwester, die hatte aber gleich zwei Angehörige innerhalb eines 1/2 Jahres in diesem Zustand. Aber auf jeden Fall müssen Angehörige besser aufgeklärt werden und ohne Liebe gibt es auch keinen Grund wieder aufzuwachen.
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