Kunstzensur in Südtirol Nationalhymne mit Klogeräuschen

Zwei italienische Künstlerinnen haben eine Art singenden Lokus entworfen. Auf Kommando erklingt die Nationalhymne - versetzt mit Spülgeräuschen. Konservative Kreise fühlen sich beleidigt und haben die Installation beschlagnahmen lassen. Jetzt soll ein Gericht entscheiden.

Bozen - Wem gehört die italienische Nationalhymne? Ist sie ein Symbol für den Staat oder eher als patriotisches Merkmal zu verstehen? Sara Goldschmidt und Eleonora Chiari, zwei römische Künstlerinnen, deren ungewöhnliches Werk im Rahmen der aktuellen Ausstellung "Group Therapy" im Bozener Museum für moderne und zeitgenössische Kunst ausgestellt war, haben eine Grundsatzdebatte ausgelöst.

Objekt der hitzigen Diskussion um Freiheit und Grenzen der Kunst ist eine Klanginstallation des Künstlerinnen-Duos "goldiechiari". Bis vor etwa zwei Wochen war jeder Besucher, der das Foyer des "Museion" betrat, folgender Geräuschkulisse ausgesetzt: Aus vier Lautsprechern ertönten, ausgelöst von einem Bewegungsmelder, gleichzeitig eine Toilettenspülung und die italienische Nationalhymne.

Den Abfluss herunter gespült

Inzwischen wurde das Werk beschlagnahmt. "Die CD liegt beim Rechtsanwalt", sagte eine Sprecherin des Museums zu SPIEGEL ONLINE. Laut Klage von Alessandro Urzì, dem Vorsitzenden der rechtskonservativen Alleanza Nazionale und Landtagsabgeordneten, verstößt die Installation gegen Artikel 292 im Strafgesetzbuch: Verunglimpfung der Fahne oder anderer Symbole des Staates.

Der Vorfall hat zwei Fronten mobilisiert: die Nationalisten und die Patrioten. Die Kläger empfinden die Installation als "beleidigend". Die so genannte Mameli-Hymne oder "Fratelli d'Italia" (Brüder Italiens), sei als Wahrzeichen des Landes zu schützen. Keinesfalls dürfe es bloßgestellt und öffentlichem Spott ausgesetzt werden. Das aber sei der Fall, wenn melodisch zu Einigkeit und Zusammenhalt aufgerufen werde, das ganze derweil aber gleichsam den Abfluss herunter gespült werde.

Wird demnach eine ganze Nation durch den Kakao gezogen? Ist die Klage, mit der sich derzeit die Staatsanwaltschaft beschäftigt, gerechtfertigt? Nein, sagen Verteidiger der Installation. Sie plädieren für künstlerische Freiheit. Die Hymne sei kein Symbol für den Staat, sondern von patriotischem und sentimentalem Wert.

Hymne ist Eigentum des Staates

So argumentieren auch "goldiechiari". Eine Verunglimpfung der Hymne oder gar des Staates liege ihnen fern. Ihr Anliegen sei vielmehr eine Art Entzauberung. Deshalb hätten sie die "vom Pathos der nationalen Repräsentanz getragene Melodie" mit "alltäglichen Geräuschen" kombiniert. Das Werk haben sie eigens für die Ausstellung geschaffen, um gegen Erwartungshaltung und Konvention zu rebellieren.

Das Museum hatte im Vorfeld auf eine eigene Zensur der Klanginstallation verzichtet, sagte Direktor Andreas Hapkemeyer. Die Entscheidung basiere "auf der grundsätzlichen Voraussetzung, dass in den Demokratien die Kunst frei ist". Inzwischen hat der vom "Museion" beauftragte Rechtsanwalt "wegen unzureichender Gesetzesgrundlage" bei der Oberstaatanwaltschaft um Aufhebung des Beschlagnahmungsdekrets gebeten.

Ginge es nach Silvio Berlusconi, bekämen die Kläger Recht. Der ehemalige Regierungschef hatte noch in diesem Jahr einen Erlass herausgegeben, der die Nationalhymne als Symbol und als Eigentum des Staates deklariert. Wie das Gericht über das singende Toilettenkunstwerk entscheidet, bleibt vorerst offen. Ein erstes Gespräch in dieser Woche ist ergebnislos verlaufen.

tos

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