Video aus Flüchtlingscamp Lampedusa "Die Leute sind alle ohne Kleidung, wie Tiere"

Die offensichtlich erniedrigende Behandlung von Flüchtlingen im Aufnahmezentrum auf der Insel Lampedusa empört Italien: Auf einem Handy-Video ist zu sehen, wie Migranten sich zur Desinfektion nackt im Freien aufstellen müssen.


Lampedusa - In der kurzen Videosequenz ist zu sehen, wie ein unbekleideter junger Mann von einem Mitarbeiter des privat betriebenen Auffanglagers abgeduscht wird - angeblich um der Verbreitung von Krätze vorzubeugen. Drei weitere nackte oder nur halb bekleidete afrikanische Flüchtlinge stehen Schlange, um sich der gleichen Prozedur zu unterziehen.

"Die Leute sind alle ohne Kleidung, wie Tiere, schauen Sie", empört sich der Mann, der die Szene mit seinem Handy aufgenommen haben soll, im italienischen Sender Tg2. "Wie Tiere, geh schon, beweg dich", beschreibt er das Verhalten der Desinfizierenden.

Weitere Flüchtlinge - sie sind bekleidet - schauen bei der Prozedur zu. Unter ihnen sind auch Frauen - ein Unding, wie der Mann vor der Kamera anprangert. "Seit 65 Tagen bin ich hier, ich sehe das immer wieder."

Am Dienstagabend wurde das Handy-Video im italienischen Fernsehen gezeigt - und die Empörung ist groß. Die Szene erinnere an Bilder aus NS-Konzentrationslagern, schreibt "La Repubblica".

Fluchtströme nach Europa 2013 in der Übersicht
SPIEGEL ONLINE

Fluchtströme nach Europa 2013 in der Übersicht

Nur zwei Monate nach der Flüchtlingstragödie vor Lampedusa, bei der mehr als 500 Menschen ums Leben kamen, macht die Insel wieder unrühmliche Schlagzeilen. Unter den von der rüden Behandlung Betroffenen waren italienischen Medien zufolge auch Menschen, die das Unglück am 3. Oktober überlebt haben. Die meisten Migranten stammen aus Eritrea, Ghana und Nigeria.

"Das sind Lagerpraktiken", stellte die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, fest. Es verstehe sich doch wohl von selbst, dass Hygienemaßnahmen nicht im Freien vorgenommen werden dürften. "Lampedusa und ganz Italien schämen sich für diese Art der Aufnahme."

"Das ist kein Lager, wir halten uns an Gesundheitsvorschriften", wehrt sich der Verantwortliche des Aufnahmezentrums, Cono Galipò, im "Corriere della Sera". Eine Desinfizierung drinnen berge Risiken für alle. Das Personal arbeite Tag und Nacht, und man werde ihm nicht gerecht, wenn man es wegen der Videobilder an den Pranger stelle.

"Erschreckend und inakzeptabel"

Die Regierung hat jetzt Ermittlungen angemahnt. "Das sind sehr heftige Bilder", sagte Premier Enrico Letta. "Wer einen Fehler begangen hat, wird dafür zahlen", tönte Italiens Innenminister Angelino Alfano von der Berlusconi-Partei Forza Italia. Die Staatsanwaltschaft von Agrigent werde innerhalb der kommenden 24 Stunden einen detaillierten Bericht vorlegen.

Auch der Uno-Flüchtlingsrat UNHCR forderte rasche Aufklärung und eine Verbesserung der Standards in dem Aufnahmezentrum auf Lampedusa. Die permanente Überfüllung des Zentrums sei unhaltbar, das Personal könne trotz aller Bemühungen nur unzulänglich helfen, hieß es. "Ohne angemessene Möglichkeiten, die Migranten schnell von der Insel aufs Festland zu bringen, wird sich die Situation weiter verschlechtern", sagte ein Sprecher.

Das Lager bietet Platz für etwa 250 Menschen. Ein Ausbau des Zentrums liegt derzeit auf Eis. Flüchtlingswellen aus Afrika und dem Nahen Osten sorgen immer wieder für Chaos auf der Insel, oft sind dann tausend oder mehr Migranten in dem Zentrum untergebracht.

EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström bezeichnete die Bilder als "erschreckend und inakzeptabel". Die EU werde sich nicht scheuen, mit rechtlichen Maßnahmen dafür zu sorgen, dass EU-Standards auch in Italien respektiert würden.

Im Sommer war Papst Franziskus nach Lampedusa gekommen und hatte angemahnt, die Flüchtlinge nicht länger im Stich zu lassen. Auch der Erzbischof von Agrigent und Vorsitzende der Bischofskonferenz für Migration, Francesco Montenegro, zeigte sich entsetzt über die Aufnahmen. "Die Ausnahmesituation im Zentrum kann niemals ein Verhalten rechtfertigen, das weder die Menschenwürde noch die Menschenrechte achtet", zitiert der "Corriere della Sera" aus einer Mitteilung der Kurie von Agrigent.

ala/dpa

insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jehudi 18.12.2013
1.
Ein Ausbruch von Seuchen und Krankheiten wäre natürlich viel besser für Alle....
shardan 18.12.2013
2. hm....
Nun sind wieder alle super entrüstet, wie immer in solchen Fällen. Aber man sollte vielleicht etwas differenzieren. Eine Körperdesinfektion an sich ist u.U. kein Fehler, insbesondere bei einem Wechsel von Kontinent zu Kontinent unter doch fragwürdigen Begleiterscheinungen. Was hier absolut unakzeptabel ist, ist die Art und Weise des Vorgehens bei der Desinfektion. Das ist schlichtweg unter aller Menschenwürde, selbst unter schlechten bedingungen sollte es möglich sein, dafür irgend einen uneinsehbahren Verschlag oder ähnliches notdürftig zusammen zu zimmern. Was mich allerdings auch interessieren würde: Die Leute die sich nun aufregen - was sagen die, wenn ein Asylbewerberheim in der Nachbarschaft aufgemacht werden soll?
neuronensalat 18.12.2013
3. Ja, ja
Zitat von jehudiEin Ausbruch von Seuchen und Krankheiten wäre natürlich viel besser für Alle....
Im Freien? Und während andere, darunter Frauen, zusehen? Dann posten Sie doch mal ein Nacktphoto von sich und verlinken hier darauf, wenn das Ihr Schamgefühl nicht verletzt.
iffel1 18.12.2013
4. Niemand hat diese Menschen eingeladen !
Das Problem muss in den Heimatländern gelöst werden, nicht in der EU ! Heißt man diese Menschen in der EU willkommen, ist Afrika leer !
cola79 18.12.2013
5. Wird immer talibanesker...
Zitat von neuronensalatIm Freien? Und während andere, darunter Frauen, zusehen? Dann posten Sie doch mal ein Nacktphoto von sich und verlinken hier darauf, wenn das Ihr Schamgefühl nicht verletzt.
Das medizinisches Personal überdurchschnittlich oft weiblich ist, ist bei uns in Nordeuropa nunmal die Kultur, diese Bereicherung dürfen und müssen auch illegale Einwanderer und Migranten aushalten können-das ist alternativlos. Zweitens findet das ganze in einer Halle statt, die riesige Wellblechwand ist ihnen wohl vor lauter Empörung völlig entgangen? Ich persönlich denke nicht, dass für Migranten andere Maßstäbe gelten sollten. Wenn unsereins mit weiblichen Pflegepersonal konfrontiert wird, dann kann das auch der Migrant leisten. Kann er es nicht, dann ist das eben nicht das richtige Einwanderungsland. Und am Ende, sollte in Italien Ebola oder anderes ausbrechen, dann dürfen sich all jene, die gegen die Desinfektion sind, gerne beherzt auf die Schulter klopfen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.