Landrat über Krankenschwester und Kochsalz-Skandal in Friesland »Umgehend Vier-Augen-Prinzip eingeführt«

In Friesland sollen sich Tausende Menschen erneut impfen lassen, weil eine Krankenschwester womöglich Impfstoff durch Kochsalzlösung ersetzte. Landrat Sven Ambrosy erklärt die Reaktion der Behörden.
Ein Interview von Felix Keßler
Spritze mit Biontech-Impfstoff

Spritze mit Biontech-Impfstoff

Foto: Jan Woitas / dpa

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Für das Corona-Impfzentrum im Kreis Friesland ist der Fall eine Katastrophe: Weil eine Mitarbeiterin in mindestens sechs, womöglich aber in Tausenden Fällen Kochsalzlösung in die Impfspritzen aufzog, können sich etliche Menschen in der Region ihres Impfschutzes nicht sicher sein.

Nach Angaben der Behörden geht es »um insgesamt 8557 Menschen, die womöglich ganz oder teilweise keinen Impfschutz erhalten haben, obwohl sie davon ausgehen«, wie Landrat Sven Ambrosy (SPD) sagte. Sie alle können sich nun erneut eine Dosis geben lassen. Nach Angaben des Landrats haben sich bereits rund 3600 Menschen für die Nachimpfungen angemeldet.

Die Verdächtige ließ über ihre Anwälte lediglich mitteilen, dass es neben den eingeräumten sechs Fällen keine weiteren Tage gegeben habe, an denen der Impfstoff »nicht pflichtgemäß in der vorgesehenen Menge« verabreicht wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach wie vor wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung gegen die Frau.

SPIEGEL: Herr Ambrosy, die Beschuldigte gibt an, es habe sich beim Befüllen der Impfspritzen mit Kochsalzlösung um einen »einmaligen Vorfall« gehandelt. Die Polizei geht dagegen von möglichen weiteren Fällen aus. Wie gehen Sie damit um?

Ambrosy: Nach Zeugenaussagen und der eindeutigen Gefahreneinschätzung der Polizei können wir nicht ausschließen, dass weitere Menschen während der Dienstzeit der Beschuldigten mit Kochsalzlösung geimpft wurden. Wir können wegen des Schweigens der Beschuldigten nicht mit Sicherheit sagen, wie viele Leute wirklich betroffen sind. Das macht die Sache so monströs: Potenziell betroffen sind durch die unklare Lage 8,7 Prozent der Bevölkerung bei uns im Landkreis.

SPIEGEL: Das sind die von Ihnen genannten 8557 Personen. Viele von denen könnten den korrekten Impfstoff also wie vorgesehen erhalten haben. Wie haben Sie über das weitere Vorgehen entschieden?

Ambrosy: Der Massenaufruf war das Ergebnis einer Abwägung und ist eine reine Vorsichtsmaßnahme im Rahmen der Gefahrenabwehr: Eine dritte Impfung bringt möglichen Betroffenen sicher Schutz und hat keine sonstigen Nachteile. Wir haben uns daher in Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium und dem Landesgesundheitsamt Niedersachsen und nach Konsultation des Robert Koch-Instituts und der ständigen Impfkommission dazu entschieden, pauschal allen möglicherweise betroffenen Menschen eine dritte Impfung anzubieten und diese auch zu empfehlen.

SPIEGEL: Wer ist für den Betrieb des Impfzentrums verantwortlich?

Ambrosy: Das Impfzentrum in Schortens wird vom Kreisverband Jeverland des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) betrieben. Dort war die Beschuldigte als examinierte Krankenschwester angestellt. Sie hatte nach meinem Kenntnisstand ein Führungszeugnis ohne Einträge. Wir haben einen Vertrag, nach denen uns das DRK die rechtlich einwandfreie Leistung der medizinischen Arbeit schuldet. Sollte es Anlass geben, dass gegen diese Abmachung verstoßen wurde, werden wir das prüfen und gegebenenfalls weitere Schritte einleiten.

»Wir haben umgehend nach dem Vorfall im April ein Vier-Augen-Prinzip eingeführt«

Landrat Sven Ambrosy

SPIEGEL: Wie kam der Vorfall überhaupt ans Licht?

Ambrosy: Die Beschuldigte hatte sich an eine Kollegin im Impfzentrum gewandt und angegeben, dass ihr eine Impfstoffampulle heruntergefallen sei, weshalb sie sechs Spritzen nur mit Kochsalzlösung aufgezogen habe. Die Kollegin hat einen Tag später einen Mitarbeiter des Landkreises informiert, dieser hat dann den zuständigen Dezernenten und dieser sofort mich in Kenntnis gesetzt. Daraufhin wurde der Beschuldigten sofort Hausverbot erteilt und die Polizei eingeschaltet, die seitdem ermittelt.

SPIEGEL: Haben Sie die Sicherheitsvorkehrungen im Impfzentrum inzwischen verschärft?

Ambrosy: Wir haben umgehend nach dem Vorfall im April ein Vier-Augen-Prinzip eingeführt – zuvor war es eine Empfehlung des Landes. Die Impfspritzen werden nun immer unter der Aufsicht einer weiteren Person aufgezogen. Das Vorgehen ist inzwischen in ganz Niedersachsen verpflichtend. Ich empfehle sehr, das auch bundesweit verpflichtend zu machen, wo es das noch nicht ist.

SPIEGEL: Bislang haben sich Ihnen zufolge rund 3600 Menschen für eine Nachimpfung angemeldet. Fürchten Sie negative Auswirkungen für die Impfkampagne?

Ambrosy: Wir haben Verständnis dafür, dass das Vertrauen nach dem Vorfall erschüttert ist. Wir tun alles, damit sich das nicht wiederholen kann. Wir stehen zugleich vor einem Grundproblem: Es geht um mutmaßliche Verfehlungen einer einzelnen Beschuldigten. Von diesem Einzelfall können wir nicht auf die Tausenden anderen Impfhelfer in Deutschland schließen. Bei uns in Schortens arbeiten viele rechtschaffene, fleißige Leute. Sie leiden sehr darunter, dass man sie jetzt unter Generalverdacht stellt.

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