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Ohne Lesen durchs Leben: Manuela Janßen ist Analphabetin

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Leben als Analphabetin Manuelas Sehnsucht nach fetten Büchern

Wie kommt ein Mensch durchs Leben, ohne einen kompletten Satz lesen zu können, ohne mehr als den eigenen Namen zu schreiben? Manuela Janßen ist Analphabetin. Sie verbarg ihr Geheimnis jahrelang, sogar vor den eigenen Kindern. Doch irgendwann wollte sie nicht mehr lügen.
Von Julia Troesser

Oldenburg - In der Pause lasen alle Kinder die "Bravo" - nur Manuela nicht. Sie stand auf dem Schulhof daneben, sah sich die Bilder an und tat so, als könne sie mitreden. Doch die anderen merkten, dass Manuela die Texte nicht verstand. "Du bist ja doof, du kannst nicht mal lesen", spotteten sie.

Manuela Janßen ist Analphabetin. Sie gehört zu schätzungsweise vier Millionen Menschen in Deutschland, die nicht richtig lesen und schreiben können. Als sogenannte funktionale Analphabeten gelten Menschen, die die Schrift nicht gut genug beherrschen, um aktiv an der Gesellschaft teilnehmen zu können.

Sie können keine U-Bahn-Pläne lesen, keine Gebrauchsanweisungen verstehen und keine Formulare ausfüllen. Vereinfacht lässt sich sagen: Menschen wie Manuela Janßen sind auf dem Stand eines durchschnittlichen Zweitklässlers.

Noch in der Grundschule lief bei Manuela alles gut. Sie habe ganz normal mit den anderen Kindern gelernt und sogar gute Noten geschrieben, erzählt die heute 50-Jährige. Doch dann wurde Manuela krank, hatte Krampfanfälle. Die Ärzte wussten lange nicht, was mit ihr los war, sie kam ins Krankenhaus, wurde auf Medikamente eingestellt, konnte wieder nach Hause. "Aber ich kam immer wieder ins Krankenhaus, insgesamt über zwei Jahre lang."

Als die Ärzte Manuelas Anfälle in den Griff bekamen, war sie 13 Jahre alt. Sie hatte zwei Schuljahre verpasst, vieles verlernt und den Anschluss an die Klasse verloren. Die einzige Möglichkeit war eine Förderschule - von da an ging es bergab.

"Irgendwann merkte meine neue Lehrerin, dass ich nicht mehr richtig lesen konnte, und dann hat sie mich einfach aufgegeben. Ich musste mich in die letzte Reihe setzen, weil ich sowieso nichts konnte." Manuela wollte gerne lesen, aber sie hatte es während der Krankheit verlernt, die Möglichkeit für einen Neuanfang gab es nicht. "Es war schrecklich."

Zunächst gab sich die Schülerin noch Mühe. Wenn sie etwas wusste, habe sie sich gemeldet, sei aber kaum drangekommen, erzählt Manuela. Nur wenn sie sich nicht meldete, rief die Lehrerin sie auf und stellte sie vor der Klasse bloß. Irgendwann gab das Mädchen auf: "Es hat sich sowieso nicht mehr gelohnt." Ihre Lehrerin sagte einmal zu ihr: "Doof geboren, doof geblieben." Diesen Satz wird Manuela wohl nie vergessen.

Zuerst hat sie geheult, dann geprügelt

Schnell sprach sich herum, dass sie Analphabetin war - die anderen Kinder machten Sprüche über sie. "Erst bin ich dann immer in die Ecke gegangen und habe geheult. Später habe ich angefangen zu prügeln. Wer etwas gegen mich gesagt hat, bekam Schläge. Danach war er dann ruhig."

Mit 16 Jahren verließ Manuela die Schule ohne Abschluss. Sie war immer von einem Schuljahr ins nächste mitgenommen worden, obwohl die Lehrer um ihre eklatanten Defizite wussten. In Klassenarbeiten oder Diktaten schrieb sie ab oder fiel durch. Ihre Noten waren schlecht oder wurden gar nicht erst erteilt, "aber dass die Lehrerin mal zu mir kam und sagte, wir müssen üben, das gab es nie". Ihr letztes Zeugnis hat Manuela einfach zerrissen: "Was sollte ich denn damit? Arbeiten hätte ich damit sowieso nicht können, mich irgendwo vorstellen erst recht nicht." Als sie die Schule verließ, konnte die 16-Jährige weder richtig lesen noch schreiben.

Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung, kennt dieses Problem: Wer die Schulpflicht erfüllt habe, könne trotzdem ein funktionaler Analphabet sein, sagt er. Schließlich muss nur die Zeit abgesessen werden, ein Nachweis der erlernten Fähigkeiten ist nicht erforderlich. Nach den Ergebnissen der Pisa-Studie geht Hubertus davon aus, dass knapp zehn Prozent der deutschen Schulabbrecher funktionelle Analphabeten sind.

Die Ursachen können vielschichtig sein: Häufig führen gesundheitliche Probleme, Familienkonflikte oder verminderte Begabung dazu, dass Kinder Schwierigkeiten mit der Schriftsprache haben. Besonders in einkommensschwachen oder bildungsfernen Familien werden die Probleme dann nicht rechtzeitig erkannt und aufgearbeitet.

Auch Manuelas Eltern bekamen von der Not ihrer Tochter nicht viel mit. Der Vater war Fernfahrer und meist nur am Wochenende zu Hause, die Mutter sei vor allem mit sich selbst beschäftigt gewesen, sagt Manuela. Ihre drei Geschwister konnten lesen und schreiben und kümmerten sich nicht weiter um die Sorgen des Problemkinds.

Wer sollte den Kindern in der Schule helfen?

Doch vor allem auf ihre Lehrerin hat Manuela noch heute "eine Riesenwut. Ich wollte ja wirklich lesen lernen, aber ich bekam keine Chance mehr. Mich hat das damals so geärgert mit dieser blöden 'Bravo'. Die war einfach 'in' und ich konnte sie nicht lesen. Das hat mich damals sehr belastet".

Besser ging es ihr erst, als Manuela den Bruder einer Klassenkameradin kennenlernte. Als die beiden sich verliebten, wusste er von ihrer Schwäche. "Er sagte immer: Es kommt ja im Leben nicht nur darauf an, wie gut jemand liest." Zunächst lief alles gut, das Paar lebte zusammen, Manuela hatte sogar verschiedene Jobs: Sie ging putzen oder spülte in Gaststätten. Dabei kam sie ohne geschriebene Worte aus.

Doch dann holte sie ihr Problem wieder ein: Manuela wünschte sich Kinder, hatte aber gleichzeitig große Angst davor: Wer bringt ihnen lesen bei und unterstützt sie bei den Hausaufgaben? Wer meldet sie im Kindergarten und in der Schule an?

Mit 24 Jahren wurde Manuela trotz aller Bedenken schwanger.

"Irgendwann kann man nicht mehr lügen"

"Ich habe mir viele Gedanken gemacht, manchmal saß ich abends vor dem Fernseher und fing plötzlich an zu weinen. Ich habe mich wirklich gefragt: Wird das Kind auch so blöd wie ich?" Ihr Mann machte ihr Mut, übernahm den Papierkram - und verschleierte Manuelas Analphabetismus vor Freunden und Bekannten. Denn niemand sollte von dem Problem erfahren.

Mit der Zeit wurden immer mehr Lügen nötig: Wenn Manuela im Kindergarten Formulare ausfüllen musste, gab sie vor, ihre Brille vergessen zu haben und nahm die Papiere mit nach Hause. Auch plötzliche Übelkeit täuschte sie in ähnlichen Situationen vor: "Das war ja nicht mal gelogen, mir wurde wirklich ganz schlecht bei den ganzen Formularen, die ich nicht lesen konnte." Auch ihre Kinder - sie bekam in den nächsten Jahren noch drei weitere - log Manuela viele Jahre an. Sie lenkte ab, wenn sie etwas lesen musste, erzählte von der verlegten Brille, schob die Aufgaben an ihren Mann weiter.

Auf einem Flohmarkt entdeckte Manuela irgendwann ein altes Märchenbuch, in dem ihr die Schrift und die Bilder gut gefielen. Spontan kaufte sie es, auch wenn sie wusste, dass sie die Texte nicht lesen konnte. "Meine Kinder haben das Buch entdeckt und wollten, dass ich ihnen daraus vorlese. Ich habe mir dann einfach Geschichten zu den Bildern einfallen lassen. Wenn ich Dornröschen sah, habe ich das Märchen aus dem Kopf erzählt so gut es ging." Den Kindern fiel zunächst nichts auf - dass die Freunde im Kindergarten die Geschichte anders kannten, störte sie nicht.

Mit der Zeit wurde es für Manuela aber immer schwieriger, ihre Schwäche zu verheimlichen. Ihr ältester Sohn kam irgendwann zu ihr und sagte: "Mama, ich weiß doch schon lange, dass du nicht lesen kannst." Ihm war aufgefallen, dass seine Mutter ausgerechnet immer dann von einer vergessenen Brille erzählte, wenn sie etwas lesen oder schreiben musste - dabei hatte sie noch nie eine getragen.

Jedes Wort ist eine Herausforderung

"Irgendwann kann man nicht mehr lügen", sagt Manuela heute. "Vor allem die eigenen Kinder anzuschwindeln, das ist nicht schön." Die Töchter und Söhne von Manuela sind heute erwachsen, sie haben lesen und schreiben gelernt. Manuela hat während der Schulzeit großen Druck ausgeübt, damit die Kinder "nicht auch so werden wie ich".

Nur ihr eigenes Leid zu beenden, das fiel Manuela lange schwer. Sie bat eine Freundin darum, ihr lesen und schreiben beizubringen - doch es funktionierte nicht. Dann entschied sie sich dafür, an zwei Abenden pro Woche einen Volkshochschulkurs zu besuchen. Aber der Druck war zu groß, es kamen private Probleme dazu - Manuela brach den Unterricht wieder ab.

Vor rund zwei Jahren erfuhr sie von dem sogenannten ABC-Projekt an der Volkshochschule Oldenburg. Hier lernen erwachsene Analphabeten zwanzig Stunden pro Woche in einem Intensivkurs lesen und schreiben. Das Projekt ist eigentlich eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Studie, die Lernprozesse von Erwachsenen beobachtet und verschiedene Lehrmethoden testet.

Für Manuela Janßen spielt dieser Hintergrund aber kaum eine Rolle, sie begreift das Projekt als ihre große Chance: "Das hier ist mittlerweile mein Zuhause. Hier kann ich frei sein. Ich kann Fehler machen, keiner lacht mich aus." Vor allem das regelmäßige Lob tut der Analphabetin gut: "Das kenne ich von früher gar nicht, als Kind hätte ich Anerkennung gebraucht, sie aber nie bekommen." Seit sie zur Schule geht und langsam Fortschritte macht, steht Manuela auch vor anderen zu ihrer Schwäche. Sie ist stolz, dass sie an sich arbeitet und will anderen Betroffenen Mut machen.

Bereits seit zwei Jahren lernt Manuela an fünf Vormittagen pro Woche lesen und schreiben. Trotzdem gilt sie noch als Analphabetin - und nennt sich auch selbst so. "In der Öffentlichkeit kann ich nicht lesen. Vor allem nicht, wenn Leute hinter mir stehen. Dann gucke ich mich immer um und hoffe, dass niemand merkt, dass ich ewig auf die Buchstaben starre und sie laut vorlese. Ich bekomme Schweißausbrüche, habe Angst, fange an zu zittern, meine Hände werden nass und ich will einfach nur noch weg."

Auf dem Weg zur Schule hält Manuela mit ihrem Fahrrad jeden Tag an einer Ampel an, gegenüber steht ein Straßenschild. Sie möchte wissen, wie die Straße heißt, konnte den Namen aber bislang nicht lesen - er sei kompliziert, sagt sie. Vor einigen Tagen hat sie sich so auf das Schild konzentriert, dass sie nicht merkte, wie die Ampel auf grün sprang. Die Leute hinter ihr hupten und sie fuhr schnell weiter - ohne das Wort verstanden zu haben.

"Ich hole keine Kinder aus der ersten Klasse und sage: Die haben genug gelernt"

In dem kleinen Klassenraum in der Oldenburger Grundschule, in dem das ABC-Projekt untergebracht ist, bekommt sie für jedes Wort die Zeit, die sie braucht. Hier sitzt Manuela an einem großen Tisch mit anderen Lernenden zusammen, gemeinsam erstellen sie sogar eine Zeitung , die an andere Kurse verschickt wird. Wie lange die Schüler brauchen, um einen Artikel zu schreiben, das können sich Außenstehende aber kaum vorstellen. Über mehrere Tage arbeiten sie an einem Text, bis endlich alle Buchstaben in der richtigen Reihenfolge sind.

Das Lernen ist Manuelas zentraler Lebensinhalt geworden. Morgens sitzt sie in der Schule, nachmittags macht sie Übungsaufgaben oder liest einfache Texte. Ganz stolz zeigt sie ein Kinderbuch, das sie bereits zweimal gelesen hat: "Der Findefuchs. Wie der kleine Fuchs eine Mutter bekam." Es hat 48 Seiten.

Obwohl Lesen lernen im Erwachsenenalter viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als in der Kindheit, ist die Teilnahme am ABC-Projekt auf ein Jahr begrenzt. Danach verweigert das Arbeitsamt die Zuschüsse für die Analphabeten, die allesamt arbeitslos sind und von staatlicher Unterstützung leben.

Als das erste Jahr bei Manuela vorbei war, wollte sie das nicht akzeptieren: "Ich hatte so eine Wut, ich habe so viel geheult. Unbedingt wollte ich den Kurs weitermachen, wo ich schon mal so weit gekommen war." Deshalb schrieb sie einen Brief an den Geschäftsführer des Arbeitsamts. Zwölf Stunden arbeitete sie an der einen handgeschriebenen Seite, bevor sie diese gemeinsam mit dem Lehrer abschickte - ohne die sonst üblichen Korrekturen, mit all ihren Fehlern. "Ich habe dem Mann geschrieben, dass ich seine Kinder auch nicht aus der ersten oder zweiten Klasse hole und sage: Die haben genug gelernt, das reicht jetzt fürs Leben."

Sie bekam die Genehmigung für ein zweites Jahr.

Doch auch diese Zeit ist jetzt bald vorbei. Manuela ist das nicht wirklich bewusst - ihr Lehrer muss sie daran erinnern. "Daran darf ich noch gar nicht denken", sagt sie mit einem entschiedenen Kopfschütteln. Was dann kommt? Manuela weiß es nicht. Am liebsten würde sie noch einen Brief schreiben, aber die Chancen für eine weitere Verlängerung stehen schlecht.

Um ihr großes Ziel zu erreichen, wären noch viele Schuljahre nötig: Manuela möchte richtige Bücher lesen - "dicke, fette, interessante Bücher". Eine Freundin erzählt ihr oft von spannenden Krimis, die würde Manuela auch gern lesen. Für die Analphabetin sind die anspruchsvollen Romane aber noch in weiter Ferne.

Zuerst will sie den komplizierten Namen auf dem Straßenschild entziffern.

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