Leben im Camorra-Land Claudia, 36, verkauft, verprügelt, betrogen

Claudia sehnt sich nach Normalität. Doch ihr Alltag besteht aus Gewalt, Armut und Verbrechen. Die eigene Mutter verkaufte sie, ihr Freund schlug sie, ihr Sohn wurde entführt. Bilder aus einem missglückten Leben, geprägt durch die Camorra.

Claudia ist erst 36 Jahre alt, aber was sie durchgemacht hat, reicht für zwei Leben. Abenteuerlich ist ihre Lebensgeschichte, zusammengesetzt aus Fragmenten, unscharfen Erinnerungen und hässlichen, fast unglaublichen Begebenheiten.

"Meine Mutter hat mich kurz nach meiner Geburt verkauft, für drei Millionen Lire", erzählt Claudia. Das waren damals rund 3000 DM, ein guter Monatslohn. Die Familie war arm, Claudias Vater galt als Nichtsnutz, da habe die Mutter beschlossen, dass es besser sei, das Mädchen loszuwerden. "Sie war eine Herumtreiberin, das Kind hat sie eingeengt", sagt die Fotografin Francesca Leonardi, die Claudias Leben seit Jahren verfolgt und in Bildern festhält.

Claudias Großmutter engagierte einen Detektiv, um die wie ein Stück Vieh verscherbelte Enkelin ausfindig zu machen. Mit Erfolg: Sie wurde gefunden und zur Oma nach Frignano in der Nähe von Neapel gebracht. Ob das eine Rettung war, weiß im Rückblick niemand zu sagen.

"Ich hatte Angst um meine Töchter"

Die alte Frau arbeitete hart auf ihrem kleinen Bauernhof und erwartete dasselbe von ihrer Enkelin. Sie versteckte das Kind, aus Angst, dass man es entführen könnte. "Sie war eine schwierige Frau", erinnert sich Claudia. "Alkoholikerin, sie hat mich geschlagen, aber immerhin hat sie mir gewisse Werte vermittelt. Sie hat mir beigebracht, dass man sich mit seiner Hände Arbeit ernähren kann. Viele Leute, die ich kenne, können sich das gar nicht vorstellen."

Als Claudia 14 war, floh sie aus dem Haus der Oma. Sie fing an zu kiffen, später kamen Heroin und Kokain hinzu. Eine Weile lebte sie in einer Wohngruppe für Jugendliche, es war eine Art Durchatmen: "Ich habe mich da sicher gefühlt, Theater gespielt, getöpfert. Das war eine schöne Zeit."

Die währte nicht lange. Claudia lernte Marcello kennen, einen Dealer, der selbst drogenabhängig war und Verbindungen zum organisierten Verbrechen hatte. Mit ihm bekam sie zwei Kinder, Alessandra, heute 17, und Federica, 15. Es war Geld da, man lebte "la bella vita". Doch als die Clans Claudia zur Mitarbeit verpflichten wollten, trat sie den Rückzug an. "Ich hatte Angst um meine Töchter." Also ging sie arbeiten, putzen, Teller waschen im Restaurant. Etwa 35 Euro verdiente sie am Tag, schwarz, natürlich. Marcello saß inzwischen im Knast, wegen Schutzgelderpressung und Raub.

Das Leben, so scheint es, will Claudia nicht gelingen. Sie hat depressive Episoden, lässt sich dagegen behandeln, rappelt sich wieder auf. Die kleine Familie lebt im "Villaggio Coppola" in Castel Volturno, rund 55 Kilometer nordwestlich von Neapel. Das Dorf, auch Pinetamare genannt, war einst ein Vorzeigeprojekt am Tyrrhenischen Meer . Nichts weniger als das "Miami Süditaliens" sollte hier entstehen. In den Siebzigerjahren residierte die urbane Oberschicht in geräumigen Villen, es gab schicke Hotels, Miss-Wahlen und dekadente Partys. Heute ist davon nichts geblieben.

"Das Villaggio Coppola ist eine Art Bronx", sagt Claudia und lässt ein raues Lachen ertönen, ganz so, als wäre das noch zu schmeichelhaft für die Gegend. "Hier haben wir uns alle kaputtgemacht."

Ende der Neunzigerjahre lebte sie mit den Töchtern illegal in einer Wohnung ohne Strom und Wasser. Im Haus gegenüber regierte die Mafia, es wurden Geschäfte gemacht, der Müll türmte sich, ständig gab es irgendwelche Festnahmen. "Da waren Typen von der Camorra dabei, die waren seit 20 Jahren auf der Flucht." Es wurde gedealt wie wild, natürlich: "Stoff gab es immer ohne Ende", sagt Claudia. Kokain, Prostitution, so sei eben die "Mentalität". Die Behörden hätten versucht, etwas dagegen zu unternehmen, "das hat aber selten geklappt".

Das Villaggio Coppola ist ein Paradebeispiel für den "Abusivismo", die notorische illegale Bautätigkeit in Italien, die desaströse Folgen für Umwelt, Wirtschaft und das Vertrauen der Bürger in den Staat hat. Die Gründer des Dorfs, die Gebrüder Coppola, versuchten an den Behörden vorbei ihren Traum vom mondänen Küstenort hochzuziehen: Sie klotzten acht zwölfstöckige Wohntürme aus Beton in die bis dahin unberührte Landschaft, ohne auf Baubestimmungen und Umweltauflagen zu achten. Empörte Bürger und Naturschützer vom WWF zogen vor Gericht. Doch korrupte Richter und Politiker sollen dafür gesorgt haben, dass keine einzige Klage je zu einer Verurteilung führte.

Zunächst lebten US-Militärs der Nato mit ihren Familien in den Türmen. Mit der Beschlagnahmung von Wohnungen durch die Regierung zur Unterbringung von Erdbebenopfern begann Ende der Siebzigerjahre der Niedergang. Die Camorra versetzte dem ehemals intakten Ökosystem den Todesstoß, als sie in den Achtzigerjahren anfing, illegal Giftmüll in der Region zu entsorgen. Immer mehr Privatleute verkauften ihren Besitz.

Die Entführung

"Ab den Neunzigerjahren standen hier fast alle Wohnungen leer. Es war eine Geisterstadt", erinnert sich die Fotografin Francesca Leonardi. Obdachlose kamen, sie klemmten sich Strom ab und besetzten die Häuser. Tausende von Migranten aus Afrika taten es ihnen nach. "Die Wohlhabenden wurden durch die Armen ersetzt, es regierte die Illegalität", so die Fotografin. Die Abwesenheit von Staat und Gesetz begünstigten die Entwicklung. Dreimal wurde die Gemeinde wegen mafiöser Infiltration unter Zwangsverwaltung gestellt, zuletzt 2012.

Claudia mischte sich nicht ein. Aber sie mischte ab und zu mit. Denn wer in Castel Volturno lebt, hat zwangsläufig mit der Mafia zu tun. "Ich bin Teil des Systems", sagt sie. "Ich habe mir das nicht ausgesucht, es ist passiert." Passivität und Fatalismus sprechen aus ihren Worten. Aber auch eine große Wehrlosigkeit. Wenn man für ehrliche Arbeit nur ein paar Euro am Tag verdiene, nehme man eben jeden Job, bei dem es mehr gebe. "Vom Politiker bis zum Bauern, die Mafia hat für alle gesorgt", sagt Claudia. "Und wir gehen nun mal den Weg des geringsten Widerstands."

Irgendwann tauchte Emiliano am Horizont auf. Ein bulliger Mann mit großem Bauch, Glatze und einem Drachen-Tattoo auf dem Arm. Postbote. Claudia war begeistert. "Er hat mir ein Gefühl von Sicherheit gegeben, er hatte einen Job, er hatte Prinzipien, er hatte nichts mit der Camorra zu tun und schien in normaler Typ zu sein."

Aber Emiliano war alles andere als normal.

Er nahm Drogen, trank zu viel. Die beiden stritten vom ersten Moment an viel, laut und heftig. Irgendwann setzte es Hiebe. Bei einer Auseinandersetzung soll Emiliano seine Freundin so schwer am Bauch verletzt haben, dass sie eine Fehlgeburt erlitt. Doch Claudia wollte unbedingt ein Kind von Emiliano - und sie bekam es. Im Sommer 2014 brachte sie einen Sohn zur Welt und war überglücklich.

Einmal überließ sie den Säugling für ein paar Stunden seinem Vater. Als sie wiederkam, war das Kind verschwunden.

Wochenlang suchte sie verzweifelt nach dem Kleinen, ging zur Polizei, schaltete einen Anwalt ein. Dann stellte sich heraus: Der Junge wurde entführt und befand sich in Obhut von Emilianos Schwester. Für Claudia ist die Sache klar: Ihr Ex-Freund wollte sie da verletzen, wo es am meisten wehtut. Der Kindsraub war der Abschluss eines persönlichen Rachefeldzugs.

Erst nach drei Monaten sah Claudia ihren Sohn wieder, die Familie hatte offenbar ihre Verbindungen genutzt, um von Polizei und Behörden nicht behelligt zu werden. Zwischenzeitlich ging Emiliano auf sie los, verprügelte sie, trat ihr ins Gesicht und griff auch ihren Anwalt an. Claudia erstattete Anzeige, das Verfahren läuft noch.

Sie kämpft um das Sorgerecht, aber ihre Chancen stehen schlecht. Derzeit sieht sie den Jungen nur alle zwei Wochen. "Für Claudia ist der Verlust des Kindes schrecklich, was dort passiert, ist eine große Ungerechtigkeit", sagt die Fotografin Leonardi.

Eine Ungerechtigkeit, an der Claudia zu zerbrechen droht. "Alles, was ich will, ist doch nur Normalität", sagt sie. "Ich renne ihr seit so vielen Jahren hinterher."