Leben mit Hartz IV Mitarbeiter der Jobcenter bangen um ihre Zukunft

Aus Soest berichtet

2. Teil: Mitarbeiter und Kunden sind Opfer des gleichen Gesetzes


Früher hat Voß sich einzig um die Jobaussichten der Menschen gekümmert, die zu ihm gekommen sind. Heute zwingt ihn der Gesetzgeber, dass er seine Kunden animiert, vor ihm die Hosen herunterzulassen: Mit wem leben sie zusammen? Ist die Beziehung eine eheähnliche Gemeinschaft? Leben sie nur mit einem Partner unter einem Dach oder schlafen sie auch mit ihm unter einer Decke? Sitzt man nur gemeinsam am Tisch oder geht man auch gemeinsam ins Bett? "Ich würde nicht sagen, dass wir von Natur aus misstrauisch sind", sagt Voß. "Eher neugierig." Können die Jobcenter-Mitarbeiter all die Fragen vom Schreibtisch aus nicht klären, bitten sie die Kollegen vom Einsatzdienst um Hilfe.

Die Uhr im VW, der noch nach Neuwagen riecht, zeigt 7:58 Uhr, es dämmert, grauer Schneematsch schmilzt in den Rinnsteinen. Sabine O.* und Maria M.* sitzen in ihrem Dienstwagen und sind auf der Suche nach der Wahrheit. Steffi O. und Maria M. fahren raus, klingeln an Wohnungstüren, schauen in Kleiderschränke und unter Betten, prüfen, ob der Bettbezug einheitlich ist, und es getrennte Lebensmittelvorräte gibt.

Meist fahren sie auf Geheiß der Kollegen zu den Kunden, immer häufiger aber wird der Hartz-IV-Bezug auch zum Spielball gehörnter Ehemänner oder neidischer Nachbarn: Sie melden der Aha, dass der Arbeitslose längst wieder mit einem anderen Partner liiert oder die gewünschte Babyerstausstattung eigentlich gar nicht nötig ist. Anschwärzen darf jeder: Die Aha muss den Hinweisen nachgehen.

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"Manchmal kriege ich einfach die Wut", sagt O. Wenn Kunden eine Beziehung bewusst verschweigen, um mehr Geld zu kassieren, wenn Dinge geltend gemacht werden, die eigentlich vorhanden sind, wenn sie sich durch das Amt zwei Wohnungen finanzieren lassen, obwohl nur eine genutzt wird, wenn der Liebhaber als Sohn statt als Partner ausgegeben wird. "Es gibt Paare, die gehen zusammen ins Bett, wollen aber nicht füreinander einstehen", sagt O.

Für M. und O. ist es ein Vormittag wie viele andere auch: An zwei Türen klingeln sie vergeblich, auf eine Frau warten sie vergeblich, in einem vierten Fall erweist sich der Vorwurf als haltlos, die Kundin wohnt mietfrei bei Bekannten, während ihre eigene Wohnung renoviert wird. Falscher Alarm. Ihr Job habe mit Gerechtigkeit zu tun, da sind sich beide dennoch einig.

Die Frauen vom Einsatzdienst wissen nicht, wie es für sie nach 2010 weitergeht. "Wie soll man sich da fühlen?", fragt M. während sie das Auto über die B1 Richtung Warstein steuert. Die Antwort bleibt sie schuldig. Sie und O. waren arbeitslos, bevor man ihnen den Job im Jobcenter anbot - die eine gelernte Industriekauffrau, die andere Verwaltungsfachangestellte. "Irgendwie wird es schon weitergehen. Irgendwie ist es ja auch damals weitergegangen", sagt O.

"Das Arbeitslosengeld II ist nach einem Verbrecher benannt"

Arge-Chef Hell schätzt, dass der Prozentsatz derer, die es sich in der sozialen Hängematte gemütlich gemacht haben, "im einstelligen Bereich liegt". Wolfgang Clement hatte als Wirtschaftsminister einst gesagt, es handle sich um rund 20 Prozent der Arbeitslosengeld-II-Bezieher. "Man muss unterscheiden zwischen denen, die uns über den Tisch ziehen wollen - die hat es immer gegeben - und denen, die die Lücken des Systems für sich ausnutzen. Das müssen wir dann nicht den Betroffenen vorhalten, sondern dem Gesetzgeber", sagt Helle.

"Das Arbeitslosengeld II ist nach einem verurteilten Verbrecher benannt. Das haben unsere Kunden nicht verdient", sagt Helle und spielt auf Peter Hartz' Verurteilung wegen Untreue an. "Deshalb meiden wir den Begriff 'Hartz IV'."

Die Reformen haben Peter Hartz zunächst viel Lob eingebracht. Für die Probleme und den Frust muss der Ex-VW-Manager nicht geradestehen - sondern die Mitarbeiter der Jobcenter und die Sozialrichter. Sie geben Hartz IV ein Gesicht. Sie lernen in Deeskalationstrainings, mit den Frustrierten umzugehen und im Notfall über eine Tastenkombination Unterstützung zu rufen, wenn alles Zureden nicht mehr hilft. Fiktiv sind solche Situationen nicht, vor allem in den Großstädten haben die Mitarbeiter der Argen zu kämpfen - dabei sind sie, genau wie ihre Kunden, Opfer eines Gesetzes, das mehr Fragen aufwirft als es beantwortet.

Der Mann auf dem Gang hat an diesem Tag tatsächlich gewartet, bis Teamleiter Voß sein Büro verlassen hat. Mit einem Schirm ist er auf ihn losgegangen. "Mach Dich auf was gefasst. Ich krieg Dich. Ich krieg Euch alle", hat er geschrien.

*Namen von der Redaktion geändert.

Die Hartz-Reformen
Arbeitslosengeld I
Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.
Arbeitslosengeld II
Nach dem Arbeitslosengeld I bekommt man das Arbeitslosengeld II (ALG II) - eine Grundsicherung für erwerbsfähige Arbeitsuchende. Sie ersetzte 2005 die frühere Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe, sofern es sich um erwerbsfähige hilfsbedürftige Personen handelt. Nichterwerbsfähige oder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften lebende Hilfsbedürftige erhalten das geringere Sozialgeld. ALG II und Sozialgeld sind Sozialleistungen, keine Versicherungsleistungen. Sie werden aus Bundesmitteln finanziert.
Hartz IV/SGB II
Mit Hartz IV wird das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" bezeichnet, das zum 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Die Grundsicherung wird durch das Zweite Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) geregelt, das am 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Beide zusammen regeln das Arbeitslosengeld - im Volksmund wird das Arbeitslosengeld II "Hartz IV" genannt.
ARGE/Jobcenter
Die Arbeitsgemeinschaften (Argen) sind ein Zusammenschluss der Arbeitsagenturen und kommunaler Träger. Sie werden auch Jobcenter genannt und sind für die Betreuung der Hartz-IV-Empfänger zuständig.
Peter Hartz
Peter Hartz wurde 2002 von der damaligen Bundesregierung unter Gerhard Schröder mit der Erarbeitung von Reformen für den Arbeitsmarkt beauftragt.

insgesamt 521 Beiträge
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Seite 1
bestoff5, 27.03.2009
1. Jobcenter?
Zitat von sysopDie Mitarbeiter der Jobcenter kümmern sich um die Langzeitarbeitslosen, erleben deren Frust und Zorn - dabei wissen viele selbst nicht, wie es für sie nach 2010 weitergeht. Wie sieht die Zukunft der Jobcenter aus?
Hoffentlich gar nicht.Das sind keine Arbeitsplatzcenter,das sind riesige bürokratische Verschiebebahnhöfe,die wie es scheint gößtenteils zum Selbstzweck existieren.
maa_2001, 27.03.2009
2. Jammern auf hohem Niveau
Jetzt kommt ja scheint´s das ganz große Kino: Die Mitarbeiter der Jobcenter -sicherlich zum überwiegenden Teil schön abgefedert und apanagiert durch unsere Bundesrepublik- machen sich Sorgen um ihre Jobs. Den Herrschaften sollte bei aller Jammerei über geringe Bezahlung und fehlende Erfüllung im Job mal jemand erklären, was es heißt, Freitags spätnachmittags (nicht freitags um 12.00 mittags, wenn Beamte ins sicherlich verdiente Wochenende ziehen) nicht zu wissen, ob man Montags noch auf dem selben Stuhl sitzt und Arbeit hat... Einmal drüber nachdenken!
martinius26 27.03.2009
3. Dicht machen......
sowieso unnötig wie ein Kropf, und jeder der das Vergnügen hatte sich mit dem Verein rumzuärgern wird mich verstehen. Die nette Reklame für Zeitarbeitsfirmen kann ich mir auch in der Tageszeitung ansehen, und das ohne Wartezeiten und den ärger vor Ort. Jobangebote gibts dort eh nicht, also ist schon der Name unfug.
barry60 27.03.2009
4. So
Zitat von sysopDie Mitarbeiter der Jobcenter kümmern sich um die Langzeitarbeitslosen, erleben deren Frust und Zorn - dabei wissen viele selbst nicht, wie es für sie nach 2010 weitergeht. Wie sieht die Zukunft der Jobcenter aus?
1. Variante: Klüngellösung aus Berlin, Verlängerung des Vertrages um zwei oder drei Jahre, Mitarbeiter der ARGEn bzw. JobCenter können vorerst aufatmen - das wäre die Lösung des geringsten Widerstandes aus Berlin. Höchst fraglich auch im Bezug auf die in 2010 sehr hohe Zahl an H4-Empfängern. 2. Variante: Auflösung der ARGEn, Abschaffung Hartz IV, Schrittweise Abschaffung ALG I, Auflösung der Jobcenter, Reformierung der Arbeitsämter, Einführung BGE, Massive Unterstützung von Existenz- und Unternehmensgründungen, Umfunktionierung der ARGE- und Arbeitsamt Gebäude als gemeinnützige Center zum sozialverträglichen Informationsaustausch (Jugendliche, politisch engagierte, Selbstständigenvereine, etc.) 3. Variante: Reunion von ALG I und ALG II bei Zuständigkeit Arbeitsamt, Auflösung bzw. Umfunktionierung der ARGEn, Einstellung von QUALIFIZIERTEN Arbeitsvermittlern (zumindest Ausbildung in einem sozialen Bereich und keine Abgeschobenen von Telekom und co.) - Dies wäre ein Rückschritt in die 90er! Was hiervon sinnvoll ist, da muss sich jeder seine Meinung bilden. Ich kann mich sowohl mit Variante 2 als auch mit 3, je nach Ausführung, anfreunden.
arbusto 27.03.2009
5.
Da muß jetzt aus rein formalen Gründen mit einem Millionenaufwand etwas umorganisiert was man zuvor mit Millionenaufwand erschaffen hat (von der Zeit- und Arbeitskraftverschwendung ganz zu schweigen). Ein Vorhaben ohne den allergeringsten praktischen Mehrwert für die Öffentlichkeit. PS: Wäre es in diesem Fall nicht intelligenter, unendlich einfacher, wirtschaftlicher und insgesamt befriedigender das Grundgesetz der aktuellen Situation anzupassen anstatt mit einem Riesenaufwand das Umgekehrte durchzuführen?
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