Leben ohne Partner "Singles wandern auf schmalem Grat"

Sie sind unabhängig, haben einen großen Freundeskreis, verdienen gut - Single zu sein hat eine Menge Vorteile. In Krisenzeiten aber sind die Partnerlosen meist auf sich allein gestellt, im Alter isoliert. Der Soziologe Stefan Hradil warnt vor den Risiken des Einzelkämpfer-Daseins.
Single im Restaurant: "Riskante Lebensform"

Single im Restaurant: "Riskante Lebensform"

Foto: Corbis

SPIEGEL ONLINE: Herr Hradil, Sie haben das Leben ohne Partner als "riskante Lebensform" beschrieben. Was ist so gefährlich daran, Single zu sein?

Hradil: Die meisten Singles arrangieren sich sehr gut mit ihrer Situation. Weniger als die Hälfte aller Alleinlebenden sucht aktiv einen Lebensgefährten. Doch es schlagen zwei Seelen in der Brust der meisten Singles: Zum einen streben sie nach Autonomie und Selbstverwirklichung, zum anderen verspüren sie Sehnsucht nach Gemeinschaft und Sicherheit.

SPIEGEL ONLINE: ...und dieser Widerspruch kann die Seele krank machen?

Hradil: Der Single pendelt zwischen widersprüchlichen Werten. Die psychische Balance von Menschen, die schon lange alleine leben, ist oft wackelig. Singles wandern auf einem schmalen Grat.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als müsse man als Single sehr diszipliniert auf das eigene Seelenleben aufpassen.

Hradil: Ja, im Prinzip ist das wie eine Gratwanderung im Hochgebirge, man kann leicht abrutschen und auf einer Seite runterfallen. Geht ein Single ausschließlich seinem Freiheitsdrang nach, dann droht er, ein widerborstiger Einzelkämpfer zu werden. Andersherum geht seine Autonomie baden, wenn er sich zu sehr an Menschen anlehnt. Singles blüht die Einsamkeit, wenn es ihnen nicht gelingt, einen stabilen Mittelweg zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Verlernen Singles, Gemeinschaften zu bilden?

Hradil: Nein, das Gegenteil ist der Fall. Singles haben nachweislich größere Netzwerke als Verheiratete. Sie haben mehr Freunde und Bekannte, sind öfter in Bürgerinitiativen oder Vereinen organisiert. Sie leisten wahre Beziehungsarbeit.

SPIEGEL ONLINE: ...kein schönes Wort.

Hradil: ...richtig, aber wenn man Arbeit als Tätigkeit definiert, die zielgerichtet der Existenzsicherung dient, dann trifft der Begriff "Beziehungsarbeit" auf viele Singles zu. Es geht in den meisten Fällen um ganz praktische Bedürfnisse: Ich brauche jemanden, der meinen tropfenden Wasserhahn repariert, ich brauche jemanden, mit dem ich ins Kino gehen oder mit dem ich Sex haben kann.

SPIEGEL ONLINE: Singles sind also berechnend?

Hradil: In der Tat sind es zum Teil Nutzenerwägungen, die einen Single dazu bewegen, auf andere Menschen zuzugehen, Kontakte zu knüpfen - aber das schließt Freundschaften natürlich nicht aus. Singles müssen ihr Leben eben sehr viel bewusster gestalten als Menschen in Partnerschaften. Sie pflegen Netzwerke, um das Fehlen von Angehörigen auszugleichen. Während Familien sich oft selbst genug sind, müssen Singles aktiv ihre Existenz sichern. Deswegen machen sie sich auch sehr intensiv Gedanken um ihre Zukunft.

SPIEGEL ONLINE: Was sind dabei die größten Sorgen?

Hradil: Es ist empirisch gut belegt, dass die Netzwerke von Singles bei großen Herausforderungen weniger verlässlich sind, als es eine Familie wäre. Wenn Singles alt werden, stehen sie vor einem zentralen Problem: Was tun, wenn man hilfs- oder pflegebedürftig wird, aber kein Angehöriger da ist, der einen versorgt? Alleinstehende sind im Alter oft auf Pflegeeinrichtungen angewiesen, die sie viel mehr Geld kosten, als sie zur Verfügung haben.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Studien belegen jedoch auch, dass Singles überdurchschnittlich gut gebildet sind und mehr Geld verdienen als Menschen mit Partnern.

Hradil: Das stimmt, die meisten Singles sind wohlhabender als Menschen mit Familie. Sie können sich gewisse Dienstleistungen wie Waschen, Bügeln und Putzen über einen gewissen Zeitraum einkaufen. Doch selbst optimistischen Rechnungen zufolge reichen die Ersparnisse der meisten Singles nicht, um sich die Altenpflege leisten zu können. Wenn alle Singles pflegebedürftig würden und ihnen von professionellen Kräften geholfen werden müsste, weil es keine Angehörigen gibt, dann betrifft das Single-Dasein nicht mehr nur den Einzelnen, sondern den gesamten Sozialstaat.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnten Single-Lösungen fürs Alter aussehen?

Hradil: Fragt man einen Single im Alter von 55 Jahren danach, was in 20 Jahren mit ihm sein wird, dann ist eine häufige Antwort: Ich möchte später zusammen mit anderen Alleinstehenden in einer Alten-WG leben. Die Zahl derjenigen, die mit anderen Single-Senioren in einer Wohngemeinschaft zusammenleben wollen, steigt seit Jahren. Es gibt auch viele Wohnprojekte, die gut funktionieren. Aber oft ist die romantische Vorstellung vom selbstbestimmten Zusammenleben eine Illusion.

SPIEGEL ONLINE: Woran scheitert der Traum von der Senioren-WG?

Hradil: Häufig an der Umsetzbarkeit. Oft sind es finanzielle Aspekte - für einen 75-Jährigen ist es schwierig, noch einen Kredit zu kriegen. Aber es gibt auch rechtliche Streitpunkte. Das fängt schon damit an, wem ein Haus oder eine Wohnung gehört: Wenn man bei einem Freund zur Miete wohnt, dann ist da eine Machtasymmetrie vorhanden. Das wissen ältere Menschen noch viel besser als junge.

SPIEGEL ONLINE: Und was tun Single-Senioren, für die weder die Alten-WG noch ein Pflegeheim in Frage kommt?

Hradil: Letztlich wählen viele dann doch den konventionellen Weg und ziehen in die Nähe von Geschwistern oder anderen Verwandten. Angesichts der Tatsache, dass der relative Anteil an Singles in der Gesamtbevölkerung steigt, täten wir gut daran, Lösungen für Menschen zu finden, die allein alt werden.

Das Interview führte Julia Stanek
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