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24. Februar 2014, 13:27 Uhr

Entwicklungsprojekt

Der Segen der Ein-Dollar-Brille

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Millionen Menschen in Entwicklungsländern können sich keine Brille leisten. Ein Lehrer aus Erlangen ermöglicht mit einer einfachen Optikerwerkstatt vielen Menschen das Sehen - und anderen eine wirtschaftliche Existenz. Seine eigene stellt er dafür in Frage.

Santa Cruz de la Sierra - Dass aus Tanja mal eine Gutverdienerin wird, war nicht abzusehen. Als Bolivianerin Arbeit zu finden, ist schwierig, für eine Gehörlose ist es nahezu unmöglich. Zwei Tage pro Woche geht die 21-Jährige zur Therapie in ein kirchliches Heim in ihrer Heimatstadt Santa Cruz. Zur Beschäftigung näht sie dort Kleidung oder flicht Weidenkörbe.

Ihr Geschick fiel Max Steiner gleich auf, als er das Heim im August besuchte. Der gebürtige Schweizer suchte handwerklich begabte Auszubildende für ein Entwicklungsprojekt. In einem zweiwöchigen Lehrgang sollte Tanja lernen, aus Federstahldraht Brillen zu biegen. Ihre Mutter fürchtete, der Stress könne ihre Tochter überfordern.

Doch Tanja verblüffte alle. Beim Eingangstest, mit einer Zange einen Eisenring um eine Münze zu biegen, zeigte sie sich geschickter als die meisten der 14 Teilnehmer. Im Kurs brauchte sie die Hilfe ihrer Gebärdendolmetscherin bald nicht mehr, sie lernte von ihren Sitznachbarn. Nur sieben Lehrlinge beendeten die Ausbildung erfolgreich, Tanja war eine von ihnen.

Brillen für die ärmsten Menschen der Welt

Die Brille, die Tanjas Leben veränderte, entwickelte Martin Aufmuth in seiner Waschküche. Dort baute der Lehrer aus dem fränkischen Erlangen den Prototypen seiner einfachen Optikermaschinen. Einen hellen Holzwürfel mit 30 Zentimetern Kantenlänge. Drinnen eine Biegemaschine, in der ein Federstahldraht binnen Minuten zu Brillen für Kinder und Erwachsene, Dick- und Dünnnasige gebogen werden kann.

Sein Ziel: Die rund eine Milliarde Menschen, die von einem Dollar pro Tag leben, sollen sich eine Brille leisten können. Einen Dollar kostet das Material pro Brille, dazu kommen die Löhne. In Malawi oder Burkina Faso kosten die Brillen etwa zwei Dollar, die Brillen, die Tanja in Santa Cruz fertigt, werden für zehn verkauft.

Seit dem Start vor drei Jahren ist Aufmuth fünfmal nach Afrika gereist, um Optikerkurse zu geben und Partner wie Max Steiner zu suchen. Seine Maschine passt Aufmuth ständig an die Bedürfnisse der Optiker in den Entwicklungsländern an. Er verzichtete auf die stromfressende Fräsmaschine und vergrößerte die Arbeitsplatte, damit auch auf dem Boden sitzend gearbeitet werden kann. Eine Maschine kostet 2500 Euro, inklusive Draht und Linsen von -6 bis +6 Dioptrien für bis zu 500 Brillen. Aufmuth verdient nichts daran, er verleiht die Werkstätten kostenfrei. "Ein Kredit würde die Leute ruinieren."

Es ist einfach, Aufmuth falsch einzuschätzen. Mathe- und Physiklehrer, sanfte Stimme, die langen grauen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Das klingt nach Wachstumskritik, Wackersdorf, Weltverbesserer.

Doch Aufmuth ist nicht der Messias, der Blinde sehen lässt, bis ihm das Geld ausgeht. "Die Idee 'Hauptsache, ich tu was Gutes' funktioniert nicht", sagt der 39-Jährige. Von dem Sozialunternehmer Paul Polak hat er ein Credo gelernt: "Wenn du nicht mindestens 30 Millionen Leute erreichst, lass es."

Nachhaltige Hilfe muss effizient sein. Dass die Maschinen nicht ungenutzt rumstehen, kontrolliert Aufmuth über die Drahtbestellungen. Wird lange kein neues Material geordert, holt er die Maschine im Extremfall zurück. Das sei aber noch nie nötig gewesen.

"Von früh bis nachts, auch an Wochenenden arbeite ich daran"

Überraschend ist das nicht: Der Holzkasten produziert nicht nur Brillen, sondern auch kleine Wirtschaftswunder. An der Biegemaschine von Max Steiners Brillen-Werkstatt in Santa Cruz stellen Tanja und drei andere Optiker jeden Monat 1500 Brillen her. Bald sollen vier Außendienstler mit Brillenrohlingen, Linsenkasten und Sehtesttafel im Geländewagen im Umkreis der Millionenstadt unterwegs sein. Steiner erzählt von Kindern, die zum ersten Mal die Tafel im Klassenzimmer sehen können.

30 Millionen Menschen hat Aufmuth noch lange nicht erreicht, doch die Nachfrage wächst rasant. In sechs Ländern in Afrika und Südamerika arbeiten Ein-Dollar-Optiker mit seiner Maschine, für Sommer ist ein Training in Brasilien geplant. Ständig kämen neue Anfragen, sagt der 39-Jährige, gerade hat er mit Indien telefoniert, in seinem Postfach warten E-Mails aus Kolumbien oder von den Philippinen.

Aufmuth will Menschen eine wirtschaftliche Existenz ermöglichen, seine eigene stellt er dafür in Frage: Die Stelle an einer Erlanger Realschule hat er bereits auf die Hälfte reduziert, bald wird auch das nicht mehr gehen. "Von früh bis nachts, auch an Wochenenden arbeite ich daran, das geht an die Substanz", sagt Aufmuth. Solange sein Verein nicht aus Spenden hauptamtliche Mitarbeiter finanzieren kann, muss er Anfragen für weitere Ausbildungsmissionen abblocken.

50.000 Euro Preisgeld aus einem Ideenwettbewerb gingen fast komplett für das Projekt in Ruanda drauf, für die Werkstätten und für Flüge. Einige der Schüler, die er dort ausbildete, waren von Geburt an gehbehindert. Der Job an der Biegemaschine ist der erste ihres Lebens.

Aufmuth hofft, dass es so weitergeht: "Langfristig wollen wir überflüssig werden", sagt er. Auf weitere Reisen rund um die Welt ist Aufmuth gar nicht scharf, lieber hätte er mehr Zeit für seine Familie.

Weniger Zeit wird auch Tanja in Santa Cruz bald haben. Bisher arbeitet sie zwei Tage pro Woche in der Brillen-Werkstatt, bald wird sie die ganze Woche dort sein. Für sie lohnt sich das Engagement jedoch auch finanziell: 2000 Bolivianos wird sie bald verdienen - so viel wie ein Lehrer.

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