SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

16. September 2017, 17:58 Uhr

Unzensierte Gefängniszeitschrift

Der Dampf-Ablasser aus Zelle 117

Von Eva Gemmer

"Lichtblick" aus dem Knast in Tegel: Die Redaktion der einzigen unzensierten Gefängniszeitschrift Europas macht, was sie will - und überrascht damit selbst den JVA-Direktor immer wieder.

Zwölf Uhr. Ein schnarrender Ton hallt durch die Gänge der Justizvollzugsanstalt Tegel. Mehr als 800 Männer - Schwer- und Schwerstkriminelle - sitzen hier ihre Haftstrafe ab, viele von ihnen lebenslänglich.

Zeit für die Zählung, die zweite von fünf an diesem Tag. Aufseher kontrollieren die Anzahl der Häftlinge in den Anstaltsbetrieben und in den verschlossenen Zellen der nicht arbeitenden Sträflinge.

In Zelle 117 greift Julius* routiniert zum Telefonhörer: "Drei Stück und eine Journalistin", meldet er der Zentrale in kameradschaftlichem Ton. Die Tür ist unverschlossen.

Julius ist Gefängnisinsasse und einer von drei Redakteuren des "Lichtblick", der größten unzensierten Gefangenenzeitschrift Europas. Zusammen mit Norbert, 58, und Andreas, 42, sitzt der 56-Jährige in dem engen Redaktionsraum. Alle drei Monate entsteht hier eine neue Ausgabe, 60 Seiten, 7.500 Exemplare, 40.000 Leser.

An den Mauern des Redaktionsraums hängen Korkpinnwände mit Zeitungsartikeln, Cover der Jubiläumsausgaben und Knast-Karikaturen. Im Regal steht der Duden neben dem Strafgesetzbuch. Auf den Schreibtischen: Zeitungen, Papierstapel und Kaffeetassen. Es sieht aus wie in einer ganz normalen Redaktion - wären da nicht die Gitterstäbe vor den Fenstern.

Internet ist tabu

Seit 1968 schreiben beim "Lichtblick" Gefangene über das Leben hinter Mauern. Die Recherchemöglichkeiten sind bescheiden: vier Telefone, ein Fax und nebenan, in der Redaktionsküche, zwischen Mikrowelle und schmutzigem Geschirr, ein alter PC, auf dem nur E-Mails gesendet und empfangen werden können - ansonsten ist Internet tabu. Den Redakteuren bleibt nichts anderes übrig, als recherchieren zu lassen: Außerhalb der Mauern haben sie sich ein Netzwerk aus Familie, Freunden und Informanten aufgebaut.

Der "Lichtblick" geht an Gefängnisse, Anwälte und Medienhäuser in ganz Europa, einige wenige Ausgaben werden sogar bis nach Mexiko oder in die USA verschickt. Die Kosten für Versand und Druck übernimmt die Anstalt. Computer, Telefone, Verpackungsmaterial werden durch Spenden finanziert. Zwar sind die Werbeanzeigen im Heft offiziell kostenlos, inoffiziell überweist aber jeder, der eine Anzeige schaltet, auch etwas auf das Spendenkonto. Von Anwaltskanzleien über Schuldnerberatungen bis hin zu "Sexy Fotobüchern" ist alles dabei.

Vor Haftantritt hatte keiner der drei Redakteure etwas mit Journalismus zu tun. Norbert war Finanzbeamter, Julius selbständig und Andreas hat bis zu seiner Inhaftierung als Maurer und Fliesenleger gearbeitet. 16,07 Euro erhalten sie pro Tag - und genießen einen Sonderstatus: Wer in der Redaktion arbeitet, darf sich den ganzen Tag frei in der Anstalt bewegen, Telefon und E-Mail nutzen und sich die Arbeit eigenständig einteilen. Dafür werden sie von vielen Häftlingen beneidet.

In Deutschland gibt es circa 40 Gefangenenzeitungen. Der "Lichtblick" ist die einzige unzensierte. Er wird produziert, gedruckt und versendet, ohne dass die Anstaltsleitung einen Blick darauf geworfen hat. Presserechtlich sind allein die Gefangenen verantwortlich.

"Wir bekommen kein Personal nach"

Zwei Flure und einige schwere Eisentüren weiter sitzt Anstaltsleiter Martin Riemer in seinem Büro. Orchideen auf der Fensterbank, Blick auf Zellenfenster, im Regal eine Postkarte mit dem "Hauptmann von Köpenick" - auch er war hier zwei Jahre lang inhaftiert. "Der 'Lichtblick' ist bewusst unzensiert. Ich bin bei der Lektüre jeder neuen Ausgabe genauso überrascht wie jeder andere Leser", sagt Riemer.

Initiiert wurde die Zeitschrift vor fast 50 Jahren von Wilhelm Glaubrecht, dem damaligen Leiter der JVA. "Glaubrecht war sicherlich kein linker Weltverbesserer", sagt Riemer. Trotzdem habe der ehemalige Anstaltsleiter ein Sprachrohr für Gefangene schaffen wollen. Riemer nennt es heute "Gefangenenmitverantwortung".

Bei aller Freiheit in der Gestaltung gibt es trotzdem Grenzen: "Der 'Lichtblick' ist kein rechtsfreier Raum, nur weil er unzensiert ist", sagt Riemer. Klarnamen von Mitarbeitern dürfen zum Beispiel nicht genannt werden. Auch Beleidigungen, Bedrohungen und Verleumdungen sind tabu: "So wie bei jeder anderen Zeitung eben auch." Außerdem behält sich Riemer ein Vetorecht bei Neuzugängen in der Redaktion vor. Da die Redaktionsmitglieder Sonderrechte genießen, müsse die Auswahl sorgfältig getroffen werden.

Die drei Redakteure halten Riemers Sorgfalt für überzogen: "Wir bekommen einfach kein Personal nach", sagt Norbert. Mehrere Bewerber seien zuletzt abgelehnt worden. "Aus nicht nachvollziehbaren Gründen", wie Julius findet.

Riemer hält dagegen, dass die Zulassung neuer Redakteure weder zu Sicherheitsrisiken für die Anstalt führen noch die individuelle Resozialisierung der Gefangenen gefährden dürfe. Es gehe dabei auch um den Schutz der Institution "Lichtblick".

"Natürlich wollen wir hier niemanden reinholen, der uns Ärger macht", sind sich die Redakteure einig. Sexualstraftäter würden deshalb gleich aussortiert. Drogenabhängige auch - "die sind erpressbar". Und mit Betrügern habe man schlechte Erfahrungen gemacht. Aber seit der ehemalige Chefredakteur in den freien Vollzug gewechselt ist und auch Julius mit dem Gedanken spielt, sich "zu verändern", sieht es langsam dünn aus. "Ist turbulent gerade", sagt Norbert.

Partnersuche im Knast

Die Themen des "Lichtblicks" sind bunt: Anrechnung von Auslandshaft, Digitalisierung im Knast, Mindestlohn für Strafgefangene: "Bei uns gibt es keine Backrezepte, Kreuzworträtsel oder Witze", sagt Norbert. Der "Lichtblick" wolle kritisieren und auf Missstände aufmerksam machen. Eine Mischung aus Ratgeberlektüre und Dampf-Ablasser. Die Sprache ist derb, die Wortwahl salopp, der Ton sarkastisch.

Neben den Artikeln gibt es außerdem Leserbriefe ("In den Dreck gestoßen - Leben in der JVA Kassel"), Buchempfehlungen ("Über Knackis und von Knackis"), eine Rubrik "Tegel intern" ("Die Tischtennis-Mannschaft der JVA Tegel ist aufgestiegen") und Cartoons. Besonders beliebt sind die Kontaktanzeigen hinten im Heft, die sich mittlerweile über acht Seiten erstrecken. Gesucht werden Brieffreundschaften "oder mehr". Sogar zwei Ehen seien daraus schon entstanden.

Von den Gefangenen erntet der "Lichtblick" dennoch viel Kritik: "Schere im Kopf", "anstaltskonform" und "sowieso nicht unzensiert" bekommt die Redaktion zu hören. Mitarbeiter der Anstalten beklagen sich über Kritik an ihrer Arbeit. Auch Sexismus wurde den Machern schon vorgeworfen: Seit einigen Ausgaben ziert ein Nacktposter die Mitte des Hefts. Die Begründung: "Über weibliche Reizüberflutung beklagt sich hier keiner." Einige Jugendvollzugsanstalten und Frauengefängnisse hätten daraufhin das Abo gekündigt - die Kündigungsschreiben hängen an der Wand. "Wem's nicht gefällt, der soll's abbestellen", sagt Julius. "Für mich ist das Kunst, keine Pornografie." Einige Frauen hätten bemängelt, dass es keine Poster mit nackten Männern gebe. Die Redaktion denkt deshalb nun über ein Doppelposter nach.

Anstaltsleiter Martin Riemer spricht von einer permanenten Gratwanderung: "Es gibt Sachen, über die schüttele ich den Kopf, andere finde ich gut." Er wählt seine Worte vorsichtig: "Manchmal wünsche ich mir eine etwas niveauvollere Sprache, etwas mehr Distanziertheit."

An einer Garderobenleiste neben der Tür von Zelle 117 hängt eine graue Fleecejacke. Als müsste man nach Feierabend nur die Jacke vom Haken nehmen und nach Hause gehen. Aus dieser Redaktion geht so schnell jedoch keiner nach Hause: Mord, Mord und Anstiftung zum Mord lauten die Urteile der drei Redakteure - dreimal lebenslänglich.

* Name von der Redaktion geändert

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung