Liebesarmes Hühnchen Chinesen taufen traditionelle Gerichte um

"Bohnenquark von pockennarbiger Frau": In China finden sich teils äußerst bizarre Angebote in den Menükarten. Die Regierung sorgt sich nun um den Appetit der Olympia-Touristen - und verteilt ein Buch mit Namensempfehlungen an Pekings Gastronomen.


Peking - Wenn hungrige China-Touristen in der Menükarte von "Hühnchen ohne Sexualleben" oder dem "Lungenflügel eines Ehepaares" lesen, könnte ihnen der Appetit vergehen. Im "Land des Lächelns" ist es aber durchaus üblich, kulinarische Spezialitäten mit teils bizarren Namen zu versehen. Eine Zusatzinformation über das Liebesleben des Hauptgerichts ist in Europa oder Amerika aber weniger üblich.

Das zumindest vermutet die chinesische Regierung und wurde aktiv: Die erwarteten 50.000 Olympia-Touristen sollen in wenigen Wochen sorglos und vor allem zünftig speisen. Deshalb wird nach Informationen staatlicher Medien an Pekings Hotels und Restaurants derzeit ein Buch mit sprachlichen Ratschlägen verteilt. Auf 170 Seiten finden Gastronomen darin knapp 2000 Namensempfehlungen für ihre Speisen - von offizieller Seite.

Geht es nach dem Ratgeber wird aus dem "Lungenflügel eines Ehepaares" schlicht "Rinder- und Ochsenkutteln in Chilisoße", das "Hühnchen ohne Sexualleben" wird zur "gedünsteten Pute".

Und die Gastronomen sind dankbar. "Nun müssen wir uns nicht länger mit der englischen Übersetzung von traditionellen Gerichten abmühen, das ist sehr zeitaufwendig", sagte der Senior Manager des Vier-Sterne Hotels "Guangzhou" laut CNN der Nachrichtenagentur Xinhua.

Der Name eines Gerichts ist in China eher dem Gesamteindruck als Geruch oder Geschmack geschuldet. Westliche Kunden seien dagegen an Namen gewöhnt, die Inhaltstoffe und Zubereitungsweise beschreiben, wie etwa "Schmorfleisch".

Die chinesische Regierung betrachtet die traditionellen Bezeichnungen als "Geschmacksache", will aber sprachliche Missverständnisse und Übersetzungsfehler nach Möglichkeit vermeiden.

Diesen auch ökonomischen Überlegungen fiel so das scharfe Reisgericht "Bohnenquark gemacht von einer pockennarbigen Frau" zum Opfer, als weniger verfänglich empfehlen die Regierungsexperten dagegen den Namen "Mapo Tofu".

Aber es gibt auch Kritik. "Die Standardisierung von Menü-Übersetzungen ist ein zweischneidiges Schwert", schrieb der Kolumnist Raymond Zhou in einer chinesischen Zeitung. So werde die "Doppeldeutigkeit und der unfreiwillige Humor genommen", verloren gingen so auch "der Spaß und der sprachliche Reichtum".

Zhou findet den Angleichungsprozess "geschmacklos".

imo



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