Coronafreier Hunsrückort Lieg »Unser Dorffunk funktioniert bestens«

In Lieg im Hunsrück ist auch nach mehr als 14 Monaten Pandemie noch kein einziger Coronafall registriert worden. Anruf bei Bürgermeister Zilles, der von Vorteilen des Dorflebens berichtet.
Cochem an der Mosel ist die Kreisstadt: Lieg steht jeden Morgen auf der Liste der Kreisverwaltung ganz oben

Cochem an der Mosel ist die Kreisstadt: Lieg steht jeden Morgen auf der Liste der Kreisverwaltung ganz oben

Foto: imago images / Westend61

SPIEGEL: Herr Zilles, kennen Sie das Wunder von Mailand?

Heinz Zilles: Nein, im Moment sprechen wir von einem Wunder in Lieg, nämlich dass Gott sei Dank noch immer kein einziger Coronafall in unserer Gemeinde in Rheinland-Pfalz registriert wurde.

SPIEGEL: Beim Wunder von Mailand ist es ganz ähnlich: Der Historiker Volker Reinhardt beschreibt , wie die Stadt mit rund 150.000 Einwohnern im 14. Jahrhundert pestfrei geblieben ist. Das gelang durch üppige Vorräte und strenge Abriegelung von der Außenwelt. Wollen Sie in Lieg diesem historischen Vorbild nacheifern?

Zilles: Das wäre viel zu hoch gegriffen, in unserer Gemeinde dürfte es allein schon wegen der Größe viel einfacher sein, wir haben gerade mal rund 400 Einwohner.

SPIEGEL: Trotzdem: Wie haben Sie es geschafft, auch nach mehr als 14 Monaten Corona in Deutschland eine dauerhafte Sieben-Tage-Inzidenz von 0,0 zu halten?

Zilles: Wir legen generationsübergreifend viel Wert auf Disziplin, Achtsamkeit und Prävention. Dafür bin ich meinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern auch sehr dankbar.

SPIEGEL: Sie haben einfach gut aufeinander aufgepasst?

Zilles: Ja, das gehört bei uns dazu. Zudem funktioniert neben den sozialen Medien auch unser Dorffunk bestens. In einer kleinen Gemeinde wie Lieg wird schon genau geschaut, was der Nachbar macht oder wenn unbekannte Autos durch die Straßen fahren und wer eventuell beim Nachbarn zu Besuch ist.

SPIEGEL: Sie setzen also auf Überwachung?

Zilles: Nein, es geht schlicht um gesunde Neugier, die die Menschen hier noch umtreibt, anders als in der Anonymität einer Großstadt. Hier fühlen sich die Menschen deshalb auch in der Gemeinschaft geborgen und nicht einsam. Das ist in einer Pandemie besonders wichtig. Wir halten zusammen.

SPIEGEL: Aber es gibt doch sicherlich auch Einwohner, die auswärts arbeiten.

»Jeder passt jetzt ganz besonders auf.«

Zilles: Das ist so, mehr als 90 Prozent unserer Berufstätigen sind Pendler, aber zum Glück haben wir auch in unserer ländlichen Gemeinde schnelles Internet und ein gutes Mobilfunknetz. Wir sind da sogar dem urbanen Raum voraus. Dadurch haben wir gute Bedingungen für Homeoffice und die so Berufstätigen nutzen die freigewordene Zeit für Familie, Hobbys oder wandern in der Natur.

SPIEGEL: Und was ist mit den Liegern, die auswärts einkaufen?

Zilles: Es gehört natürlich schon viel Glück, Zufall und Gottesfügung dazu, dass wir bisher noch keine Fälle in unserer Gemeinde hatten. Wir hoffen jetzt alle, dass das so bleibt – und die Motivation, es jetzt noch durchzuhalten, ist durch unsere bisherigen Erfolge auch da. Jeder passt jetzt ganz besonders auf.

SPIEGEL: Die Inzidenz von null spornt Sie an?

Zilles: Es ist schon schön, jeden Morgen auf der Liste der Kreisverwaltung ganz oben zu stehen. Wir werden dort von Anfang an mit null Fällen geführt.

SPIEGEL: Und wirklich das ganze Dorf zieht mit?

Zilles: Ja, unsere Jugend hat von Anfang an einen Einkaufsservice »Jung für Alt« für die Seniorinnen und Senioren aufgebaut, unnötige Kontakte werden so eingespart, Coronapartys oder Demonstrationen gibt es bei uns nicht. Die Freiwillige Feuerwehr kümmert sich um eine Schnellteststation. Die Elternschaft der Grundschule und unsere Vereine haben Geld für Raumluftfilter gespendet, um die Kinder in der Schule zu schützen. Mit kleinen regelkonformen Besuchen an der Haustür haben Frauengemeinschaft, Seniorenteam, Ortsgemeinde und andere die Bürgerinnen und Bürger immer wieder überrascht und aufgemuntert. So etwas ist auch gesundheitsförderlich.

»Während andere Länder impfen, erstellen wir erst mal Formulare.«

SPIEGEL: Sie sind noch nicht coronamüde?

Zilles: Das gesellschaftliche Leben hat natürlich auch bei uns sehr gelitten, dieses diktatorische Virus prägt unseren beruflichen und sozialen Alltag. Und was in der Politik auf Landes- und Bundesebene entschieden wird, ist zum Teil auch nicht mehr zu verstehen. Wir brauchen klare und strenge Regeln, die auch durchgesetzt werden. Ein harter Lockdown könnte uns schnell aus der Krise führen.

SPIEGEL: Der harte Lockdown, um auch das Wunder von Lieg zu erhalten?

Zilles: Wir müssen in Deutschland auf jeden Fall entschlossener handeln. Während andere Länder impfen, erstellen wir erst mal Formulare. Das kann doch nicht richtig und zielführend sein.

SPIEGEL: Und wie gehen Sie damit in Lieg um?

Zilles: Ich versuche vor Ort zu erklären, warum die Maßnahmen notwendig sind, und setze auf die Gemeinschaft. Wir wollen ja alle gesund bleiben. Außerdem haben wir eine so schöne Landschaft, die man genießen kann. Kommen Sie doch mal vorbei!