Modernes Beziehungsmodell "Mit dir will ich zusammenbleiben. Also lass uns getrennt wohnen."

Viele Großstadt-Paare ziehen trotz langer Beziehung nicht zusammen, so wie Sabrina und Valentin aus Köln. Ein Experte verrät, wann dieses Modell gut funktionieren kann - und warum Liebende wie Stachelschweine sind.
Foto: imago/ allOver-MEV

Wer einmal eine vernünftige Wohnung in einer deutschen Großstadt hat, gibt sie so schnell nicht her - nicht einmal für die beste Beziehung.

Sabrina* suchte ein Jahr, ehe sie in Köln ein neues Zuhause fand. Als Freiberuflerin hatte die 34-jährige Eventmanagerin schlechte Karten auf dem Wohnungsmarkt der Domstadt. In vielen Vierteln sind Besichtigungstermine inzwischen regelrechte Castings: Teilweise stehen Bewerber durch die Treppenhäuser bis auf die Straße hinunter Schlange.

In einer Eckkneipe lernte Sabrina einen Mann aus ihrer neuen Nachbarschaft kennen: Valentin, 42, Mediengestalter, groß, breite Schultern, hellblonde Haare. "Wir waren zwei Einzelgänger, die abends spät noch alleine Fußball gucken und ihre Ruhe haben wollten. Doch irgendwie kamen wir ins Gespräch", erzählt Sabrina.

Noch bevor es zwischen beiden richtig ernst wurde, machte Valentin klar, dass er nicht mehr mit einer Freundin zusammenziehen werde. Drei Versuche waren zuvor gescheitert. "Er sagte mir dauernd: Mit dir will ich zusammenbleiben. Also lass uns getrennt wohnen."
Valentin peilte ein Beziehungsmodell an, das zahlreiche Paare in deutschen Großstädten leben: "Living Apart Together", kurz "LAT". Sie entscheiden sich bewusst gegen gemeinsame vier Wände, auch auf lange Sicht. Was bedeutet das für eine Beziehung?

Laut einer Studie der Berliner Humboldt-Universität stieg die Zahl der "LAT"-Partnerschaften in Deutschland zwischen 1992 und 2006 um mehr als 70 Prozent an. In Kanada leben aktuellen Zahlen zufolge acht Prozent aller Paare in diesem Modell. Bevölkerungswissenschaftler beobachten vor allem in Großstädten, dass die Häufigkeit von "LAT"-Beziehungen zugenommen hat und Paare sich schon in jüngerem Alter dafür entscheiden.

Auch Wolfgang Krüger trifft in seiner Berliner Praxis zunehmend Menschen, die "LAT" pflegen. Dem 69-jährigen Psychotherapeuten und Buchautoren zufolge sind es vor allem Frauen und Männer, die im Leben stehen, Karriere machen oder sich erst noch beruflich entfalten wollen. In den vergangenen Jahren habe es in der Gruppe der 30- bis 40-Jährigen einen enormen Zuwachs gegeben.

"Nach negativen Partnerschaftserfahrungen und mehreren Umzügen sind manche nicht mehr zum Risiko bereit, ihr Reich aufzugeben", sagt Krüger. "Die heftigen Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt spielen dabei ebenso eine Rolle."

In den Metropolen sehen viele Menschen die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Sie schieben deshalb nicht nur die Frage auf, ob sie sich fortpflanzen, sondern auch, ob sie mit dem Partner oder der Partnerin zusammenziehen. "Living Apart Together" sei in Großstädten ein verbreitetes Phänomen geworden, so Krüger. Urbane Trends und demografische Entwicklungen hätten dazu beigetragen. "Wer in die bayerischen Dörfer geht, wird so etwas nicht finden."

Sabrina und Valentin sind seit gut zweieinhalb Jahren ein Paar. Seine Bedingung, dauerhaft getrennt zu wohnen, gefiel ihr. Selbst als sie zwischendurch die Kartons für einen erneuten Umzug innerhalb des Viertels packte, war eine gemeinsame Wohnung für beide kein Thema. "Ich habe viele Jahre in einer WG gewohnt und brauche eine Wohnung nur für mich, in der ich mich auch mal zurückziehen und Ruhe haben kann", sagt Sabrina. "Als ich mit meinem letzten Partner zusammenwohnte, hatte ich zwar ein eigenes Zimmer, aber totales Abschalten war da trotzdem kaum möglich."

Je länger die Beziehung läuft, desto zufriedener und überzeugter betrachtet die Kölnerin das Modell. "Es ist entspannter so. Man stößt nicht unnötig aneinander. Jeder hat seinen Freiraum. Inzwischen kann ich dieses Fürmichsein sogar regelrecht genießen und merke, wie es der Beziehung gut tut."

"Living Apart Together" habe die Partnerschaft intensiv gehalten, findet Sabrina. "Man muss sich ständig verabreden und hat eben nicht dieses Gefühl, sich ja eh abends irgendwie an bekannter Stelle zu begegnen." So führen Sabrina und Valentin eine Fernbeziehung im selben Viertel.

"Wir wissen, dass die Erotik und Leidenschaft verflacht, wenn man zu früh zusammenzieht", sagt Krüger. "'LAT' hat gerade anfangs den Vorteil, dass eine gewisse Spannung aufrechterhalten bleibt." Selbstständigkeit ist bekanntlich sexy.

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer schrieb in einer Parabel aus dem Jahr 1851, Menschen seien im Grunde wie Stachelschweine: Einerseits wollen wir genügend Nähe haben, um im Winter nicht zu erfrieren. Andererseits stören uns die Stacheln der anderen, sobald wir zu eng zusammenrücken.

Psychotherapeut Krüger hat sich auf den Konflikt zwischen Autonomie und Abhängigkeit in Partnerschaften spezialisiert: "In jeder Beziehung dreht es sich darum, die Gleichung zwischen Freiraum und Bindung zu finden", sagt er. Die Ausprägung dieser Bedürfnisse sei eine Typfrage und bei jedem Menschen anders.

Menschen mit starkem Autonomiebedürfnis bietet "Living Apart Together" eine ideale Beziehungsform; sie bietet Sicherheit, erhält aber auch Freiräume. Dass sie im Trennungsfall ihr eigenes Leben einfach fortführen können, hat für diese Menschen mehr Gewicht als mögliche emotionale und finanzielle Vorteile durch eine gemeinsame Wohnung.

Diese Flexibilität und Freiheit birgt auch Risiken. "Eigentlich besagt jede Studie, dass man irgendwann zusammenziehen muss, wenn man mit einem Partner zusammenbleiben will", sagt Krüger. Durch getrennte Wohnungen entgehe man vielen Anpassungskonflikten, etwa Möbelfragen, Launen oder unterschiedlichen Ordnungsvorstellungen. "Doch gerade dieses Arrangieren ist ein wichtiger Prozess für die Langfristigkeit von Beziehungen."

"LAT" stehe für prickelnde Verabredungen und Spannung in der Liebe, sagt Krüger. Zusammenwohnen ermögliche hingegen, sich in ganz kleinen, entspannten, ungezwungenen Momenten zu begegnen.

"Dauerhaftes Zusammeneinschlafen und Nebeneinanderaufwachen stärkt unterbewusst das Bindungsgefühl", sagt Krüger. "Auch intime Momente wie ein Anlächeln nach dem Aufwachen schaffen eine Vertrautheit, die dafür sorgt, dass man sich fallenlassen kann und geborgen fühlt. Wenn man ständig nur zu Gast ist und der andere sich stets den Notausgang offenhält, sich unkompliziert trennen zu können, ist das nur schwer möglich."

Ihren großen Kulturbeutel schleppt Sabrina inzwischen nicht mehr ständig hin und her: Parfum, Cremes und Zahnbürste hat sie sich doppelt angeschafft, sie stehen nun fest in Valentins Badezimmer. Alle paar Monate gönnt sich das Paar Wochenendtrips und wohnt somit für einige Tage am Stück zusammen. Diese beschreibt Sabrina als besonders schön und wichtig.

Als Valentin sich jüngst ein neues Sofa kaufte, wollte er besonders auf Sabrinas Bedürfnisse achten. Die Couch, die nun in seinem Wohnzimmer steht, haben sie gemeinsam ausgesucht. Sie ist gemütlicher als die vorherige. So bequem, dass man auf ihr schlafen könnte, wenn einer von beiden mal eine unruhige Nacht hat - und Sabrina dann nicht mehr in die eigene Wohnung zurückmüsste.

*Name geändert

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