Lkw-Fahrer über den A2-Schneestau »Wir haben ja Kunden, die wir beliefern müssen«

Mehr als 16 Stunden verbrachte Stephan Wilke zu Beginn der Woche in seinem Lkw im Stau auf der A2. Anruf bei dem Trucker, der noch immer nicht wieder zu Hause ist.
A2-Stau bei Oberhausen am Montag: Wärme durch Standheizung

A2-Stau bei Oberhausen am Montag: Wärme durch Standheizung

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Fabian Strauch / dpa

SPIEGEL: Sie standen Montag und Dienstag gleich mehrfach im Schneestau auf der A2: Wie konnte das passieren?

Stephan Wilke: Vielleicht war es zu viel Verkehr oder der Winterdienst war nicht vorbereitet. Dann kamen örtlich auch noch Fahrverbote für Lkw wegen des Schnees hinzu, schließlich hat sich alles auf der Autobahn gestaut. Wo soll man auch hin, die Parkplätze waren längst alle dicht.

SPIEGEL: Eine Odyssee auf einer der wichtigsten Ost-West-Verbindungen Deutschlands.

Wilke: Losgefahren bin ich in Berlin, Richtung Ruhrpott runter. Gekommen bin ich bis zur Anschlussstelle Rehren in Niedersachsen, dann ging nichts mehr. Da habe ich dann elf Stunden auf der Autobahn verbracht. Am Tag drauf ging es bis Bad Oeynhausen weiter, da habe ich dann wieder knapp drei Stunden gestanden und in Bielefeld dann noch mal ein paar Stunden.

SPIEGEL: Wie kamen Sie denn dort überhaupt vorwärts? Es galt doch in Nordrhein-Westfalen und auch in Teilen Niedersachsens ein Fahrverbot für Lkw…

Wilke: Das war inzwischen aufgehoben, es galt nur Montagnacht und in der Zeit stand ich ja. Dass es Verbote gab, hat man nur durch Zufall von Kollegen erfahren, über die Medien kam nichts.

SPIEGEL: Eine Bibbernacht auf der Autobahn: Wie war das?

Wilke: Vor einigen Jahren gab es schon mal einen großen Wintereinbruch mit gesperrten Autobahnen im Rheinland, aber damals ging es zumindest noch ein bisschen voran. Das war diesmal schon speziell.

SPIEGEL: Haben Sie gefroren?

Wilke: Ich habe eine Standheizung und damit war es auch warm. Irgendwann in der Nacht kam das Rote Kreuz und hat Tee verteilt.

SPIEGEL: Und der muss ja irgendwann wieder raus, trotz Minusgraden.

Wilke: Da muss man sich dann an den Rand stellen, aber man gewöhnt sich auch daran.

SPIEGEL: Waren Sie denn sonst vorbereitet?

Wilke: Wir haben immer Kleidung und Gepäck für 14 Tage dabei. Im Schnitt sind wir zwar nur eine Woche unterwegs, aber es kann auch schon mal deutlich länger sein.

SPIEGEL: Haben Sie mit einem solchen Chaos gerechnet, als sie losgefahren sind?

Wilke: Ich habe mir schon gedacht, dass da was kommen könnte.

SPIEGEL: Und sind trotzdem losgefahren. Warum?

Wilke: Wir haben ja Kunden, die wir beliefern müssen. Wenn man das nicht in einem bestimmten Zeitfenster schafft, muss man Vertragsstrafen bezahlen. Ich hatte meinen Lkw voll mit Weißware, die nach Bergheim ging: Waschmaschinen, Geschirrspüler, Kühlschränke.

SPIEGEL: Haben Sie es noch rechtzeitig geschafft?

Wilke: Nee, erst heute Mittag, es gab dann ein neues Zeitfenster.

SPIEGEL: Zweieinhalb Tage für die Strecke Berlin-Bergheim: Wäre es da nicht besser gewesen, gar nicht erst loszufahren?

Wilke: Nein, denn so genau weiß man das vorher nicht. Ich bin jetzt in Euskirchen, um eine Ladung Windeln nach Berlin zu bringen – und hier liegt überhaupt kein Schnee. Was mich aber ärgert, ist die Unvernunft vieler Fahrer, die Überholverbote ignorieren oder trotz Schnee mit Höchstgeschwindigkeit fahren.

SPIEGEL: Liegt das daran, dass das Geschäft insgesamt härter geworden ist?

Wilke: Die Kunden verlangen immer mehr: Die wollen von heute auf morgen ihre Ware haben. In unserer Firma hat sich aber zum Glück nur wenig verändert. Die sieht zu, dass man zwischen den Terminen genug Zeit hat. Doch in solch einer Extremsituation reicht auch das nicht mehr.

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SPIEGEL: Und was hätten Sie gemacht, wenn sie frische Blumen oder andere verderbliche Ware hätten transportieren müssen?

Wilke: Da hätte der Fuhrparkleiter schon gesagt, dass man erst mal nicht oder später rausfährt.

SPIEGEL: Was hat Ihre Familie dazu gesagt, dass Sie sich die Nacht auf der Autobahn um die Ohren schlagen?

Wilke: Meine Mutter, mit der ich zusammen in einem Haus lebe, kennt das. Wir sind eine Trucker-Familie, mein Vater ist mehr als 30 Jahre gefahren, auch bei Offergeld. Ich bin inzwischen seit 17 Jahren dabei. Für uns ist entscheidend, heil und lebend anzukommen.

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