Feuerwehrchef zu Brand in London "Was wir da gesehen haben, war der blanke Horror"

Warum war der Brand des Grenfell Tower so gefährlich? Warum konnten sich die Menschen in den hohen Stockwerken im Grunde nur selbst retten? Der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries erklärt die Hintergründe.
Brennender Grenfell Tower in London

Brennender Grenfell Tower in London

Foto: TOBY MELVILLE/ REUTERS

Nur sechs Minuten nach dem Alarm waren laut Feuerwehr die ersten Einsatzkräfte am brennenden Grenfell Tower in London. Und doch kam die Hilfe für manche Bewohner in dem Hochhaus zu spät: Mindestens zwölf Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Zeugen zufolge ließen verzweifelte Bewohner ihre Kinder aus höheren Stockwerken fallen, um sie zu retten.

Sie habe noch nie einen Brand von diesem Ausmaß gesehen, sagte die Londoner Feuerwehrchefin Dany Cotton.

Warum sind Brände in Hochhäusern so gefährlich? Was können die Bewohner tun? Reinhard Ries, Chef der Feuerwehr von Frankfurt am Main, erklärt die Hintergründe.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht die Feuerwehr bei einem Hochhausbrand wie dem von London vor?

Reinhard Ries: Die Einsatzkräfte rücken bis in das Stockwerk unter dem Brandherd vor und errichten ein Einsatzdepot. Hier können sie sich ausrüsten und Verletzte versorgen. Von diesem Depot aus kämpfen sich die Feuerwehrleute Stockwerk für Stockwerk nach oben vor.

SPIEGEL ONLINE: In London waren zahlreiche Bewohner durch das Feuer in ihren Wohnungen eingeschlossen. Was sollte man in so einer Situation tun?

Ries: Unbedingt die Türen geschlossen halten und sich zu einem Fenster begeben. Von dort aus sollte man die Feuerwehr informieren, in welcher Wohnung man sich befindet. Wenn das nicht möglich ist, muss man sich am Fenster bemerkbar machen. Hausbewohner, die unter dem Brandherd wohnen, sollten in ihren Wohnungen bleiben, damit sie nicht die Fluchtwege für diejenigen versperren, die von oben runter wollen. Wenn es keine Rauchentwicklung gibt, würde die Feuerwehr allerdings niemanden zwingen, in seiner Wohnung zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Und was raten Sie denjenigen, die in den obersten Stockwerken eingesperrt sind? Auch das war in London zu beobachten.

Ries: Denen kann man nicht mehr viel raten. Was wir da gesehen haben, ist der blanke Horror. Diese Menschen müssen irgendwie versuchen, ihre Wohnungen zu verlassen, wenn es möglich ist. Eine rechtzeitige Rettung durch die Feuerwehr ist fast unmöglich. Die Londoner Feuerwehr ist eine der besten der Welt, aber auch sie kann nicht so schnell in die oberen Stockwerke gelangen, wenn das ganze Haus so brennt, wie es beim Grenfell Tower der Fall war.

Zur Person
Foto: Feuerwehr Frankfurt am Main

Reinhard Ries ist als Direktor der Branddirektion in Frankfurt am Main verantwortlich für 1000 hauptamtliche und 1500 ehrenamtliche Einsatzkräfte. Seine Fachgebiete sind der vorbeugende und bauliche Brandschutz. Außerdem lehrt der studierte Architekt an der Fachhochschule Frankfurt, der Hochschule Darmstadt und der Technischen Universität Darmstadt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es bei Hochhausbränden besondere Gefahren für die Feuerwehr?

Ries: Bei einem solchen Brand können Gebäude einstürzen. Der Einsatzleiter muss sich auf die Empfehlungen der Statiker verlassen und die schwere Entscheidung treffen, ob er seine Leute reinschickt oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie bereitet sich die Feuerwehr auf solche Brände vor?

Ries: Die Vorbereitung fängt schon sehr früh an, nämlich beim Bau der Häuser. An Gebäuden über 22 Meter Höhe dürfen keine brennbaren Fassaden verbaut sein. Damit sind wir in Deutschland europaweit allerdings die einzigen. In London ist die Fassade offenbar brennbar gewesen.

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London: Inferno im Grenfell Tower

Foto: DANIEL LEAL-OLIVAS/ AFP

SPIEGEL ONLINE: Warum die Grenze von 22 Metern?

Ries: Weil die Drehleiter der Feuerwehr nur bis dahin reicht. Bewohner, die über dieser Grenze wohnen, müssen über Sicherheitstreppenräume fliehen können. Diese Treppen müssen wiederum mit zwei Türen gesichert werden, damit Feuer und vor allem der Rauch nicht in die Treppenhäuser gelangen können. Bei Gebäuden mit einer Höhe von mindestens 30 Metern ist zudem ein separater Feuerwehraufzug wichtig. Der muss einen eigenen Fahrschacht und eine eigene Belüftung haben. Die Feuerwehr fährt mit diesem Aufzug bis in das Stockwerk unter dem Brandherd. Ein Vorteil ist, dass die Einsatzkräfte nicht schon erschöpft sind, wenn sie in höheren Stockwerken ankommen. Immerhin wiegen Atemschutz und Ausrüstung 30 Kilogramm.

SPIEGEL ONLINE: Kann ein Einsatz bei einem solchen Großbrand in der Ausbildung simuliert werden?

Ries: Großstadtfeuerwehren trainieren für solche Szenarien. In unserer Akademie wird sowohl für Tunnel- als auch für Hochhausbrände trainiert. Mit Gebäudenachbildungen können reale Szenarien nachgestellt werden. Geübt wird bei solchen Fällen neben der Brandbekämpfung unter anderem das schnelle Durchsuchen von Wohnungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Katastrophen dieser Größenordnung verhindert werden?

Ries: Es ist wichtig, dass die Feuerwehr von Anfang an den Bau begleitet. Außerdem sind regelmäßige Sicherheitsbegehungen essenziell. Und die Bewohner müssen besser geschult werden: Viele Menschen in Deutschland können die angebrachten Feuerlöscher überhaupt nicht bedienen. In Sachen erste Hilfe sieht es oft auch nicht gut aus. Hier muss sich dringend etwas tun. Problematisch sind auch brennbare Gegenstände in den Fluren der Hochhäuser. Es fängt mit Schuhen an und dann steht schnell ein Moped im Flur. Wenn diese Probleme erkannt und gelöst werden, können solche Brände gut verhindert werden.

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