Brand im Grenfell Tower Eine Feuerwalze, unaufhaltbar

Wie konnten sich die Flammen im Grenfell Tower so schnell nach oben fressen? Bis das komplette Gebäude brannte, vergingen offenbar nur Minuten. Experten zufolge spielte die Fassade eine fatale Rolle.

Brennender Grenfell Tower
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Brennender Grenfell Tower


Die Flammen fraßen sich rasant in die Höhe, viele Bewohner hatten keine Chance, sich aus dem brennenden Grenfell Tower zu retten. Wie viele Menschen starben, ist noch unklar - und es dürfte noch lange unklar bleiben. Bisher sind 17 Tote bestätigt, doch die Durchsuchung des Gebäudes könnte Monate dauern, sagte ein Polizeisprecher. Manche Leichen würden vielleicht nie identifiziert.

Auf die Frage, ob die Opferzahl am Ende zwei- oder dreistellig sein werde, antwortete der Polizist: "Ich würde mir wünschen, dass sie nicht dreistellig wird."

Wie konnte es zu einer Katastrophe von solchem Ausmaß kommen? Spricht man mit Brandexperten über das Feuer, entsteht das Bild einer Walze, die sich vom Inneren des Gebäudes nach außen ausbreitete, dann wieder nach innen und wieder nach außen. So ging es enorm schnell nach oben. Die Fassade war dabei offenbar ein fataler Faktor.

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Das Feuer brach britischen Medien zufolge vermutlich im vierten Stock aus. Um 0.54 Uhr gingen die ersten Notrufe bei der Feuerwehr ein, sechs Minuten später waren die Einsatzkräfte am Grenfell Tower. Zu diesem Zeitpunkt wüteten die Flammen vermutlich noch auf der vierten Etage. Bis dahin sei es wohl ein ganz normaler Wohnungsbrand gewesen, vermutet der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries. Dann seien die Flammen aus dem Fenster einer Wohnung geschlagen und das Feuer "gnadenlos die Fassade hochgelaufen", so der Brandschutzexperte.

Reinhard Ries vermutet aufgrund des Bildmaterials, dass die Fassade mit Platten aus Polyurethan oder einem ähnlichen Material verkleidet waren (mehr dazu lesen Sie hier). Die Platten seien mit Aluminium überzogen und würden mit sehr großer Hitze brennen. Zudem seien sie offenbar nicht fachgerecht an die Fassaden montiert worden; Abstände und Schnittkanten seien deutlich zu erkennen. "Überall konnte Luft dazwischenströmen, die Fassade war wirklich problematisch", sagt Ries. Das Feuer tropfe regelrecht vom Gebäude.

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Die Dresdner Brandschutzprofessorin Sylvia Heilmann spricht von einem katastrophalen Brandverlauf: "Bei einem Wohnungsbrand verbrennt das Feuer zunächst alles, was in der Wohnung brennbar ist. Erst dann frisst es sich immer weiter, was aber normalerweise durch feuerschützende Bauteile verhindert wird." In London sei das anders gewesen, das Feuer habe sich in kurzer Zeit über alle Stockwerke ausgebreitet. "Oben im Gebäude brennt es schon lichterloh, während unten das Feuer entlang der Fassade wütet." Das sei ungewöhnlich, so Heilmann.

Der "Guardian" hat auf seiner Website eine Chronologie der Katastrophe veröffentlicht. Demnach berichtete ein Anwohner aus dem vierten Stock, er sei mit seiner Familie als einer der ersten aus dem Gebäude entkommen. Das sei nicht später als 1.10 Uhr gewesen und zu diesem Zeitpunkt, so der Zeuge, habe das Feuer kontrollierbar gewirkt. Dann jedoch habe die Fassade Feuer gefangen.

Gegen 1.15 Uhr wachte ein Bewohner im 17. Stock durch den Lärm der Feuerwehr auf, wie er dem "Guardian" berichtete. Er habe seine Tante geweckt, und als sie es nach unten geschafft hätten, habe das Feuer gerade den 17 Stock erreicht. "Die ganze Seite des Gebäudes brannte, die Fassade ging in Flammen auf wie ein Streichholz", sagte der Mann.

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"Die Leute hatten überhaupt keine Chance"

So viele Stockwerke in so kurzer Zeit? Was unglaublich klingt, ist Ries zufolge durchaus möglich. "Das passt", sagt der Feuerwehrmann. "Ein Feuer, das sich durch Polyurethan-Platten frisst, springt sekundenschnell von Stockwerk zu Stockwerk." Minuten seien der falsche Begriff bei solchen Bränden.

Hier sieht Ries die große Gefahr bei der Verwendung brennbarer Dämmstoffe in Fassaden. "Diese aufgeschäumten Materialen zünden durch und erzeugen riesige Fackeln. Wenn es erst mal so brennt, kann das niemand mehr aufhalten."

Sylvia Heilmann sieht mehrere Gründe für die schnelle Ausbreitung der Flammen. "Im Gebäude haben wahrscheinlich auch Deckenabschottung und widerstandsfähige Treppenraumtüren nicht funktioniert", sagt Heilmann. Das Feuer sei anscheinend ungebremst durch das Innere des Gebäudes gelaufen.

Die Flammen fraßen sich nicht nur innerhalb kurzer Zeit nach oben, sondern durch die Eckwohnungen auch rund um den Grenfell Tower. "Das geht rasend schnell quadratisch nach oben bei diesen Temperaturen", sagt Ries. Die Flammen brechen ihm zufolge in solchen Fällen überall durch. "Eine Feuerwalze, die nicht mehr aufzuhalten ist. Die Leute hatten überhaupt keine Chance."

Mit Material von Reuters



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