Londoner Terrorplot Mysteriöse Spur zur Spendenbüchse

Wurden für die Terrorpläne von London Spenden missbraucht, die für Erdbebenopfer gedacht waren? Pakistanischen und britischen Berichten zufolge war eine entsprechende Geldspur sogar der Auslöser der Ermittlungen. Deutsche Behörden sind jedoch skeptisch.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Die Möchtegern-Attentäter von London sollen Geld für ihren Plot verwendet haben, das in Großbritannien für die Opfer des großen pakistanischen Erdbebens im vergangenen Oktober gesammelt worden war. Das meldete zunächst die pakistanische "Daily Times". Mittlerweile haben auch andere Blätter, darunter so seriöse wie die "Washington Post", über den Verdacht berichtet.

Die Berichte basieren allerdings auf unbelegten und teilweise widersprüchlichen Fakten. Die "Washington Post" etwa schrieb, dass von zehn Millionen US-Dollar, die von Großbritannien aus in Pakistan eintrafen, nur etwa die Hälfte wirklich in das Erdbebengebiet gelangt seien. Daraufhin hätten britische Geheimdienstler Verdacht geschöpft; die dann gestarteten Ermittlungen wiederum hätten zu Festnahmen in Pakistan und schließlich zur Vereitelung des Plots geführt. Der britische "Sunday Mirror" nannte dagegen eine Summe von insgesamt 50 Millionen Pfund, ein ungleich höherer Betrag. Auf verschlungenen Wegen seien Teile dieser Summen schließlich in die Hände dreier Männer gelangt, die unter den Festgenommenen seien.

Als Quellen werden in den Artikeln jeweils britische und/oder pakistanische Sicherheitsdienste und Geheimdienstler genannt. Die Spur des Geldes führe dabei von arglosen Moscheebesuchern in Großbritannien bis zu einschlägig bekannten islamistisch-militanten Organisationen in Pakistan, die damit automatisch zu Hauptverdächtigen in dem Terrorkomplott werden. Der "Sunday Mirror" etwa nennt namentlich die - tatsächlichen oder angeblichen - Wohlfahrtsorganisationen "Crescent Relief" und "Muslim Charity". Eine schriftliche Anfrage von SPIEGEL ONLINE, Anfang der Woche gestellt, beantworteten beide Organisationen nicht. Der "Mirror" berichtete unterdessen weiter, dass der Vater eines der Verhafteten eine Weile als Direktor von "Crescent Relief" tätig gewesen sein soll.

Terroristen als Wohltäter?

Pakistanische Quellen, so heißt es im "Mirror" weiter, hätten zudem herausgefunden, dass einige der in Großbritannien verhafteten Terrorverdächtigen im vergangenen Jahr als angebliche freiwillige Helfer in der Erdbebenregion gewesen seien - unter anderem in Auffanglagern der islamischen Wohlfahrtsorganisation "Jamaat du-Dawa". Die allerdings gilt weithin als Nachfolgeorganisation der verbotenen militanten Islamistentruppe "Laschkar e-Toiba". Diese vermeintlichen Ehrenamtlichen-Reisen bestätigte gegenüber der "New York Times" auch der britische Abgeordnete Nasir Ahmad. Eine Kontaktaufnahme der Londoner Anschlagsplaner mit diesen Netzwerken ist also durchaus plausibel und für die Aufklärung der geplanten Tat sicher zentral.

Doch eine direkte Spur des Geldes ist mit diesen Informationen nicht bewiesen, auch wenn der skizzierte Weg nicht unplausibel ist. Schließlich sammeln viele islamistische Militanten-Organisationen unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit Geld, und manchmal nehmen sie in der Tat einen dualen Charakter an und betreiben wirklich nicht nur Trainingscamps, sondern auch Krankenhäuser. Freilich sind, insbesondere seit dem 11. September 2001, bereits etliche solcher Wohlfahrtsorganisationen verboten worden, weil sie al-Qaida oder andere Terrornetzwerke finanzierten. "Es gibt viele, insbesondere wahhabitische saudische Organisationen dieser Art", sagt ein Mitarbeiter einer deutschen Sicherheitsbehörde.

Mit Bezug auf den konkreten Fall - das Terrorkomplott von London - sind zumindest deutsche Behörden jedoch skeptisch. Es gebe eben keine Beweise, heißt es gleich in mehreren Sicherheitsbehörden, nur Behauptungen und Vermutungen. Außerdem sei für den Plan, so wie er bis jetzt bekannt sei, gar nicht einmal besonders viel Geld gebraucht worden - der Umweg mithin vielleicht gar nicht nötig gewesen. Und schließlich gibt es hierzulande ein zumeist unausgesprochenes Misstrauen gegenüber der pakistanisch-britischen Art, sich mit den Erfolgen der Ermittlung zu schmücken - und dabei, vielleicht auch politisch motiviert, übers Ziel hinauszuschießen.

Informationen aus Pakistan interessengeleitet?

Der Terrorexperte Guido Steinberg von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik teilt die Zweifel: Es habe seit den neunziger Jahren keinen konkreten Verdacht gegeben, dass eine islamistische Wohlfahrtsorganisation einen konkreten Anschlag finanziell gefördert habe. Außerdem hält Steinberg es für unwahrscheinlich, dass lokale Militante einen Anschlag ausgerechnet in London unterstützen würden. "Laschkar e-Toiba etwa ist eine kaschmirische Organisation mit einem Fokus auf Pakistan und Indien." Generell, so Steinberg, "sind Aussagen pakistanischer Sicherheitsbehörden in Terrorfragen nicht zu trauen. Sie sind interessengeleitet".

Deutsche Sicherheitsbehörden sind zudem verwirrt, weil die aus "pakistanischen Quellen" stammenden Informationen sich widersprechen: Auf der einen Seite bemüht sich Islamabad darum, eine Beziehung der gestoppten Attentäter zu al-Qaidas Zentrale herzustellen; auf der anderen Seite steht die jetzt ventilierte Finanzierungsgeschichte dem entgegen, weil Bin Ladens Rest-Netzwerk dadurch aus der eigentlich zugeschriebenen Rolle gedrängt wird - des möglichen Finanziers und Auftraggebers. Dass zugleich der Informationsfluss aus Großbritannien an die befreundeten, und damit auch an die deutschen Behörden zu versiegen begonnen hat, stimmt die damit Befassten nicht zuversichtlicher, dass über die Finanzierung nun wirklich schon gesichertes Wissen bestünde.



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