SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. Mai 2011, 12:39 Uhr

Love Parade

Der Anti-Sauerland

Von , Duisburg

Werner Hüsken bangte während der Love Parade stundenlang um sein Kind, seither hat er eine Mission: Er will den Duisburger Oberbürgermeister stürzen. Seit fast einem Jahr kämpft der Krankenpfleger für den Rücktritt von Adolf Sauerland. Jetzt scheint er seinem Ziel so nahe wie nie zuvor.

Werner Hüsken hat sich ein T-Shirt machen lassen, weiß, mit einem Slogan darauf, über den er lange gegrübelt hat. Positiv sollten die Worte sein, nach vorne gerichtet und nicht so plump. Deshalb steht auf dem Hemd, das Hüsken trägt, als er seinem Widersacher Adolf Sauerland zum ersten Mal persönlich gegenübertritt: "Duisburg hat die Wahl." Mehr nicht.

Der 59-jährige Hüsken ist ein großer, schwerer Mann, Vater von vier Söhnen, Krankenpfleger von Beruf. Seit fast einem Jahr, seit dem Abend, an dem er stundenlang um sein jüngstes Kind bangen musste, das auch auf der Love Parade gefeiert hatte, verfolgt Hüsken ein Ziel: Er will den Duisburger CDU-Oberbürgermeister, den er in der politischen Verantwortung für die Katastrophe sieht, abwählen lassen. "Sauerland hat die Berechtigung verloren, diese Stadt zu regieren", urteilt Hüsken. "Er muss weg."

Doch so einfach ist das nicht.

Mit einem Tischchen und ein paar Zetteln zog Werner Hüsken zwei Tage nach der Katastrophe in die Duisburger Innenstadt. Er war der Kopf und das Herz einer Bürgerinitiative, die binnen drei Wochen 10.000 Unterschriften für Sauerlands Abwahl sammelte. Der Stadtrat aber, der mit einer Zweidrittelmehrheit den Bürgermeister daraufhin hätte entlassen können, zog nicht mit.

Sauerland war der Aussätzige - doch er blieb

Und Sauerland, noch bis 2015 im Amt, ging auch nicht aus freien Stücken. Dem SPIEGEL sagte der Politiker bereits im August 2010 zum Thema Rücktritt: "Dieser Verantwortung werde ich mich stellen, wenn alles geklärt ist. Lassen Sie uns am Ende des Aufklärungsprozesses das Gespräch fortsetzen."

Selten ist ein Amtsträger in dieser Republik von Staatsspitze und Fußvolk zugleich derart unter Druck gesetzt worden; sogar Bundespräsident Christian Wulff empfahl seinem Parteifreund, abzutreten. Bei der Aufführung von Gustav Mahlers "Symphonie der Tausend" in Duisburg ließen sich weder Wulff noch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) mit Sauerland fotografieren. Der Oberbürgermeister der 500.000-Einwohner-Stadt stand da wie ein Aussätziger. Doch er blieb.

Er sei kein notorischer Leserbriefschreiber, kein Querulant oder Besserwisser, so Hüsken, der sich in bester Ruhrpott-Tradition eher als "Macher" versteht, als Malocher im Weinberg der sozialen Gerechtigkeit, und dessen Credo lautet: "Ich pack dat an." Aufzugeben sei für ihn nie in Frage gekommen, sagt er, und daher scheint es, als könnte sich diese Beharrlichkeit auszahlen. Denn bald kommt Werner Hüsken seinem Ziel so nahe wie nie zuvor.

SPD, Grüne und Linke wollen an diesem Mittwoch die Gemeindeordnung ändern und die direkte Abwahl eines Bürgermeisters ermöglichen, die in Nordrhein-Westfalen gesetzlich bislang nicht vorgesehen ist. "Dann geht es bei uns sofort wieder los", prophezeit Hüsken, der schon ausgerechnet hat, wie viele Stimmen nötig wären: etwa 52.000 für den Antrag und 92.000 für die Abwahl Sauerlands. "Das sind wohl mehr Menschen, als ihn überhaupt gewählt haben, aber ich will das schaffen."

"Die Chance ist doch da"

Die CDU wiederum erkennt keine Notwendigkeit, so steht es in der Beschlussempfehlung des Landtags, ein Gesetz zur direkten Abwahl von Bürgermeistern zu erarbeiten, ohne gleichzeitig die finanziellen Folgen für den Betreffenden abzumildern. Überhaupt halten die Christdemokraten die Initiative gegen ihren Parteifreund Sauerland für unredlich. Sie gehen davon aus, dass die erforderlichen 92.000 Stimmen nicht zusammenkommen werden.

Hüsken indes, der die Auseinandersetzung mit Sauerland "auf der Sachebene" führen will und sich von verbalen Angriffen ebenso wie von der Ketchup-Attacke gegen das Stadtoberhaupt deutlich distanziert, träumt von einem breiten bürgerlichen Bündnis, Duisburg 21: Gewerkschaften, Sozialdemokraten, Umweltverbände, "die Chance ist doch da", sagt er.

Am vergangenen Wochenende hat Hüsken seinen Widersacher Sauerland zum ersten Mal angesprochen, man könnte auch sagen: Er hat ihn gestellt. Es sei ihm ein Bedürfnis gewesen, sich einmal von Angesicht zu Angesicht mit dem Mann zu unterhalten, den er seit fast einem Jahr aus dem Amt entfernen will, sagt Hüsken. Also zog er sein weißes T-Shirt über ("Duisburg hat die Wahl") und fing Sauerland bei einem Messebesuch ab.

Fast eine Stunde lang hätten sie sich unterhalten, so Hüsken, vertraulich, von Mann zu Mann und ohne Kameras oder Mikrofone. Der Politiker sei sehr sachlich gewesen, ihm aber häufig ausgewichen. "Ich konnte ihn nicht überzeugen", bedauert Hüsken und es klingt, als habe er es wirklich für möglich gehalten, Adolf Sauerland fast ein Jahr nach der Katastrophe doch noch zum Rücktritt zu bewegen.

"Am Mittwoch", will Hüsken dem Bürgermeister dann zum Abschied gesagt haben, "werden die Karten neu gemischt." Und Sauerland? "Der hat bloß mit der Schulter gezuckt."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung