Love-Parade-Katastrophe Duisburgs Bürgermeister taktiert sich aus dem Amt

Duisburgs Oberbürgermeisters Adolf Sauerland stemmt sich weiter gegen einen sofortigen Rücktritt. Immerhin will er sich nun aber einem Abwahlverfahren stellen - wütende Bürger sammeln schon Unterschriften für die Prozedur.


Hamburg - Roland Koch, Horst Köhler, Ole von Beust - die Rücktritte beziehungsweise Rücktrittsankündigungen mehrerer Politiker überraschten die Bundesbürger in den vergangene Wochen. Was die Protagonisten dabei zu ihren Entscheidungen bewogen hatte, war bei weitem nicht jedem sofort eingängig.

Bei Adolf Sauerland (CDU) kehrt sich diese Wahrnehmung um: Ungeachtet aller Rücktrittsforderungen nach der Love-Parade-Tragödie bleibt Duisburgs Oberbürgermeister weiterhin im Amt.

Zwar erklärte der Politiker sich in einer persönlichen Stellungnahme an diesem Montag bereit, sich einem Abwahlverfahren stellen zu wollen, wie es "gemäß der Gemeindeordnung für das Land NRW" vorgesehen sei (dass er sich dem stellt, ist anders auch gar nicht möglich). Doch ein Rücktritt aus eigenen Stücken kommt trotz zunehmenden Drucks auch aus den eigenen Reihen für Sauerland weiterhin nicht in Frage.

Nach Angaben des Steuerzahlerbundes würde Sauerland bei einem Rücktritt seine Pensionsansprüche verlieren; bei seiner Abwahl würde er sie dagegen behalten.

"Dieses Unglück wird auch mich mein Leben lang nicht mehr los lassen"

Was sich der Öffentlichkeit wie ein unerträgliches Zaudern und Lavieren letztlich auch aus Gründen der persönlichen finanziellen Absicherung darstellen muss, erklärt Sauerland mit dem "Aufklärungsbedarf", den es bei der Suche nach der Ursache für das Desaster am alten Güterbahnhof, dem Love-Parade-Festgelände, noch gebe. Eine interne Untersuchungsgruppe sei bereits eingesetzt worden, um die Verantwortlichkeiten der Stadtverwaltung zu klären, so Sauerland. Ein erster Zwischenbericht solle dem Innenausschuss des Landtages zur Sondersitzung am Mittwoch vorgestellt werden.

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Nach der Katastrophe: "Duisburg erholt sich davon nicht mehr"
In seiner Stellungnahme erklärte Sauerland, bevor er sich der politischen und persönlichen Verantwort "uneingeschränkt" stellen werde, wolle er erst Klarheit über die "etwaige tatsächliche Verantwortung der Stadtverwaltung" haben. Dabei scheint schon jetzt klar, dass die Stadtverwaltung die Veranstaltung genehmigte, obwohl im Vorfeld davor gewarnt wurde, obwohl das Konzept des Veranstalters offenbar vor offensichtlichen Fehlkalkulationen und Schlampigkeit nur so strotzte.

Statt zumindest moralische Verantwortung zu signalisieren, erklärte Sauerland dazu in der vergangenen Woche in einem Interview, er habe keine einzige Genehmigung unterschrieben - und schüttete damit noch Öl ins Feuer.

Wohl auch darauf Bezug nehmend heißt es nun in Sauerlands Erklärung: "Der Ablauf der Love Parade, die vielen Toten und Verletzten mitten in unserer Stadt haben auch die Mitarbeiter der Stadtverwaltung und mich selbst in einen tiefen Schock versetzt. Wenn ich deswegen in den letzten Tagen Fehler gemacht habe, bitte ich mir das zu verzeihen. Dieses Unglück wird auch mich mein Leben lang nicht mehr los lassen."

Er trauere mit den Familien und Freunden der Opfer, erklärte Sauerland. "Die Veranstaltung hat vielen Menschen unermesslichen Schmerz zugefügt. Am Entsetzlichsten leiden die Familien und Freunde der Opfer. Sie haben einen unwiederbringlichen Verlust erlitten. Ihr Schmerz ist grenzenlos."

Untersuchungsausschuss des Landtags gefordert

Sauerland regt die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses des nordrhein-westfälischen Landtags an. "Ich persönlich wünsche mir zusätzlich nach der Innenausschusssitzung am Mittwoch die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses", so der Oberbürgermeister. "Dieses schärfste parlamentarische Instrument zur Aufklärung von Abläufen und Verantwortlichkeiten sollte unverzüglich seine öffentliche Arbeit aufnehmen."

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Polizei-Dokumentation: Chronik der Love-Parade-Katastrophe
Die Duisburger SPD forderte Sauerland derweil offen zum Rücktritt auf. Er sollte sein Amt "unverzüglich" niederlegen, da er jede moralische und politische Autorität verloren habe, verlangten die Sozialdemokraten. Wenn sich Sauerland weiter gegen den Rücktritt sträube, hält auch die SPD eine "möglichst baldige Abwahl" für "unabdingbar" und plane, Beratungen in den verantwortlichen Gremien dazu aufzunehmen.

Die Linkefraktion im Stadtrat hatte bereits angekündigt, einen entsprechenden Antrag auf Sauerlands Abwahl zu stellen. Duisburger Bürger sammeln zudem seit Donnerstag Unterschriften für eine Abwahl des Stadtoberhaupts.

CDU-Fraktion: Stellungnahme von Sauerland "verdient Respekt"

Die CDU-Fraktion im Düsseldorfer Landtag stellte sich am Montag hinter Sauerland. "Die heutige persönliche Stellungnahme von Oberbürgermeister Sauerland verdient Respekt", erklärte Fraktionschef Karl-Josef Laumann. "Ich begrüße seine uneingeschränkte Bereitschaft, zur Aufklärung der schrecklichen Geschehnisse bei der Love Parade beizutragen und Verantwortung zu übernehmen."

Unterstützung erhielt Sauerland auch vom Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider. "Ich trete sehr dafür ein, dass Herrn Sauerland Gerechtigkeit widerfährt. Er war ja bis vor kurzem ein sehr respektiertes, ja beliebtes Stadtoberhaupt", sagte der Ratsvorsitzende der "Frankfurter Rundschau". Allerdings sagte er auch, Sauerland werde sein Amt "schlechterdings nicht weiter ausüben können", wenn er öffentliche Auftritte aus Sicherheitsgründen weiterhin meiden müsse. Für einen politischen Repräsentanten sei das "eine völlig unmögliche Lage".

Sauerland ist seit Tagen nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten, auch an der Trauerfeier für die Opfer am vergangenen Samstag nahm der CDU-Politiker nicht teil.

Wegen des Unglücks bei der Love Parade ermittelt eine 63-köpfige Ermittlungsgruppe von Staatsanwaltschaft und Polizei. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Duisburg gehen nach wie vor Strafanzeigen ein, es werde aber weiterhin gegen Unbekannt und nicht gegen konkrete Personen ermittelt. Nach Angaben der Kölner Polizei lagen am Montag noch fünf Verletzte im Krankenhaus.

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Love Parade 2010: Die Katastrophe von Duisburg

pad/ddp/dpa

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fiutare 31.07.2010
1.
Zitat von sysop21 Tote und Hunderte von Verletzten mussten nach der Katastrophe von Duisburg im Rahmen der diesjährige Love Parade beklagt werden. Welche Lehren für die Zukunft von Großveranstaltungen dieser Art sind aus dem Desaster zu ziehen?
Wieviel Spass um jeden Preis verträgt die Gesellschaft? Diese Frage sollte sich jeder stellen.
donbilbo 31.07.2010
2. Persönlich
Persönlich ziehe ich daraus keine Lehre sondern eine Bestätigung: Menschenmassen meide ich, wenn nur irgendwie möglich. Ob das nun eine Loveparade ist, Public Viewing, Rock Festivals oder die Mitternachtseröffnung eines Elektromarktes. Das tue ich mir nicht an! Wenn ich feiern und tanzen will kann ich das auf einer Party für 1000 Leute genauso gut, wie auf einer für 1.000.000. Ein Unterschied für den Einzelnen ist eh nicht festzustellen, ausser vielleicht Schwierigkeiten bei Anreise/Abreise/Toilettensuche usw.
betawa 31.07.2010
3.
Die selbe Lehre die wir auch in vielen anderen Bereichen wieder neu erlernen müssen: Es geht um Menschen und demenstrechend sorgfältig sollte man handeln. Unsere Gesellschaft ist menschenfeindlich geworden. Profit, Erfolg und Geld steht über allem.
Sumerer 31.07.2010
4.
Zitat von sysop21 Tote und Hunderte von Verletzten mussten nach der Katastrophe von Duisburg im Rahmen der diesjährige Love Parade beklagt werden. Welche Lehren für die Zukunft von Großveranstaltungen dieser Art sind aus dem Desaster zu ziehen?
Es muß generell gewissenhaft geprüft und überprüft werden ob die Wegekapazitäten dem Besucherandrang und der Kapazität des Veranstaltungsortes tatsächlich entsprechen. Veranstaltungen dieser Größenordnung können generell nicht auf einem hermetisch abgeriegelten Areal, mit nur einem Zu- und Abgang durchgeführt werden. Die Veranstaltung hätte weder so geplant, beantragt, genehmigt, noch durchgeführt werden dürfen. Sie war von der Planung an zum unweigerlichen Scheitern verurteilt.
IsArenas, 31.07.2010
5. Chaos-Theorie und Praxis
Dazu wurde ja schon einiges und eigentlich alles gesagt. Technisch-planerisch-organisatorisch wird man gewiss viel versuchen zu verbessern, das liegt in der Natur des Menschen. Ansonsten: Shit happens oder feiner,neutraler: Murphys Gesetz (das vom Toast, der immer mit der belegten Seite nach unten faellt), alles, was passieren kann, passiert eben irgendwann...ich denke mal, das weiss man allerspaetestens seit Tschernobyl (im Negativen) und dem Fall der Berliner Mauer (im Positiven). Lebe jeden Tag, als waere es dein letzter, waere auch noch so ein Lehrsatz. Der beruehmte Fluegelschlag des Falters im Amazonas-Urwald bestimmt vielleicht jetzt gerade meinen Tod...
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