Zweiter Tag des Polizeieinsatzes Aktivisten im Tunnel erschweren die Räumung von Lützerath

Das Wetter machte aus dem Ort einen Schlammplatz: In Lützerath treibt die Polizei die Räumung für den Braunkohletagebau voran. Demonstranten haben sich offenbar im Untergrund verschanzt.
Polizisten in Lützerath

Polizisten in Lützerath

Foto: Ina Fassbender / AFP

Die Polizei kommt schneller voran als erwartet, alles verläuft nach Plan bei der Räumung von Lützerath. Alles? Am Donnerstagnachmittag veröffentlichten Aktivisten ein YouTube-Video: Zwei Maskierte sitzen in einem Tunnel und erklären mit verzerrten Stimmen, wie sie aus dem Untergrund die Räumung des Dorfes verzögern wollen. Sie nennen sich »Pinky und Brain« und sagen: »Ein Tunnel ist schwerer zu räumen als ein Baumhaus.« Die Polizei musste längere Zeit suchen, bestätigt inzwischen aber »unterirdische Strukturen«, in denen sich Menschen befinden. Ob es sich dabei um die beiden Männer aus dem Video handelt, ist unklar. Nach Angaben der Ermittler wird der von ihnen gefundene Bereich im Untergrund nun beobachtet und abgesichert.

Die Aktion der Besetzer dürfte die Räumung von Lützerath tatsächlich erschweren. Zurzeit ist nicht klar, wie die Polizei die Personen herausbekommen will. Von der Überraschung aus dem Untergrund abgesehen, verlief der zweite Tag des Einsatzes anscheinend planmäßig – auch wenn das Wetter allen Beteiligten zu schaffen machte. Es war windig und regnete stark, der Boden verwandelte sich in eine Schlammlandschaft. Die Polizei räumte Baumhäuser in zehn Metern Höhe, was stürmische Böen erschwerten. Auch für die Aktivisten war das gefährlich: »Im Normalfall kommen sie bei Sturm runter«, sagte eine Sprecherin von »Lützerath lebt«.

Räumung in der Dunkelheit

Auch in der Dunkelheit dauerte der Einsatz an. »Objekte, die angegangen worden sind, arbeiten wir noch fertig ab«, sagte ein Polizeisprecher. Aktivisten, die sich einbetoniert oder festgekettet hätten, würden trotz der Dunkelheit befreit. »In solchen Fällen müssen wir Hilfe leisten«, sagte der Sprecher. Es sei aber nicht geplant, in der Nacht die Räumung weiterer Gebäude zu beginnen.

Am frühen Nachmittag hatten Polizisten eines der Baumhäuser kontrolliert zum Absturz gebracht, nachdem die Besetzer das Holzhaus zuvor verlassen hatten. Einsatzkräfte räumten benachbarte Baumhäuser. Auf dem Boden rissen Bagger mit ihren Schaufeln bereits eine Hütte nach der anderen ab.

Vereinzelt gab es Angriffe auf die Beamten: Aus dem besetzten Haus »Paula«, in dem sich der »harte Kern« der Besetzerinnen und Besetzer befinden soll, flogen Steine und Flaschen auf einen Hubwagen. Außerdem wurden teilweise Feuerwerkskörper in Richtung von Beamten geschossen. Ein Polizist soll von einem Farbbeutel getroffen worden sein.

In der Nähe des Protestcamps im Nachbarort Keyenberg ging laut Polizei ein ziviles Einsatzfahrzeug in Flammen auf. Der Wagen war zu der Zeit nicht besetzt und sei einem Sprecher zufolge durch ein Blaulicht auf dem Dach eindeutig als Polizeiwagen zu erkennen gewesen. Man gehe davon aus, dass der oder die Täter die Scheibe eingeschlagen und eine brennbare Flüssigkeit in das Auto geschüttet hätten. Ob Verdächtige ermittelt werden konnten, ist noch unklar.

Polizisten vor Holzhütte

Polizisten vor Holzhütte

Foto: Henning Kaiser / dpa

Etwa 800 Menschen demonstrierten vier Kilometer vom Dorf entfernt für den Erhalt Lützeraths. Dort erschien auch die »Fridays for Future«-Aktivistin Luisa Neubauer, sie hielt ein Schild mit der Aufschrift »Klimaschutz ist Handarbeit«. Später kreiste die Polizei auf dem Zufahrtsweg nach Lützerath mehrere Dutzend Teilnehmer der Demonstration ein, darunter auch Neubauer und Greenpeace-Vorstand Martin Kaiser. Die Demonstranten blockierten sitzend den Weg. »Wir wollen hier sitzen bleiben, bis wir weggetragen werden«, sagte Neubauer der dpa. Am Nachmittag geschah genau das. Ein Polizeisprecher sagte, die Teilnehmer seien auf dem Weg zur Tagebauabbruchkante gewesen. Dies sei gefährlich und habe durch die Polizei verhindert werden müssen.

Polizisten tragen Luisa Neubauer weg

Polizisten tragen Luisa Neubauer weg

Foto: Federico Gambarini / dpa

Auch außerhalb von Lützerath regte sich Protest: Die linksradikale Gruppe »Interventionistische Linke« aus Düsseldorf besetzte die Geschäftsstelle des Landesverbands der Grünen von NRW. Sie breiteten ein Transparent aus, auf dem stand »System Change not Climate Change« (»Systemwandel statt Klimawandel«), und forderten ein Gespräch mit der grünen Landeswirtschaftsministerin Mona Neubaur. Diese hatte mit RWE ausgehandelt, dass das Dorf abgebaggert werden darf, der Konzern dafür aber früher aus der Kohleverstromung aussteigt.

In Lützerath gibt es immer noch mindestens ein Haus, in dem sich Besetzerinnen und Besetzer aufhalten. Wegen der einsetzenden Dunkelheit dürfte auch dieses Haus heute Abend besetzt bleiben.

Es scheint das Ziel der Polizei zu sein, die Räumung vor Samstag abzuschließen, um der Protestbewegung den Schwung zu nehmen – für Samstag ist eine große Demonstration angekündigt, auch die Aktivistin Greta Thunberg soll kommen.

has/tgk/hut/dpa
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