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30. Oktober 2011, 12:30 Uhr

Lynchjustiz in Kenia

Tötet den Dieb!

Von Kerstin Dembsky, Nairobi

Der Mob tritt Diebe zu Tode oder verbrennt sie bei lebendigem Leib, Ehebrecher werden gesteinigt oder mit der Machete gemeuchelt: In Kenia steigt die Zahl der Fälle von Lynchjustiz rapide. Die Gründe? Armut, Drogen, korrupte Polizisten - und oft auch der Glaube an übernatürliche Kräfte.

Vermutlich hatte Timothy, 16, seine Nachbarin schon länger beobachtet. Jeden Morgen verließ die Gebäckverkäuferin ihre Hütte in Nairobis größtem Slum Kibera gegen 5 Uhr. Ihren Stand hatte sie ein paar Ecken weiter am Rande einer belebten Straße. Timothy wusste, ihr Geschäft brummte in den Morgenstunden, so schnell würde sie nicht zurückkehren.

Aber Timothy hatte das Schicksal an diesem Morgen nicht auf seiner Seite: Die Bäckerin hatte etwas vergessen und eilte zurück in ihr Heim. Dort überraschte sie Timothy, der das Schloss aufgebrochen hatte - mit ihrer Brieftasche in der Hand, ihrem Pass und ein paar Sachen, die schon zum Abtransport bereit lagen. Sie fing an zu schreien, Timothy fing an zu rennen.

Und dann geschah, was in Kenia nahezu täglich geschieht: Nachbarn und Passanten sehen die schreiende Verkäuferin und den spurtenden Jungen. Sie spurten mit, sie packen Timothy, sie treten ihn zusammen, sie prügeln und knüppeln auf ihn ein, bis er keinen Ton mehr von sich gibt.

Timothy ist tot.

Gideon O. ist Sozialarbeiter. Er kennt Timothy. Als er an jenem Morgen gegen 6.30 Uhr zur Arbeit eilt und die Leiche am Straßenrand liegen sieht, erkennt er ihn zunächst nicht. Timothy liegt da, blutverschmiert, die Gliedmaßen verrenkt, das Gesicht entstellt. Erst beim zweiten Hinschauen kapiert Gideon - das ist Timothy.

Gideon wartet. Er kennt auch die andere Seite von Timothy. Seine Mutter ist 2008 während der blutigen Unruhen, die nach den letzten Wahlen ausgebrochen waren, ums Leben gekommen. Sein Vater ist selten zu Hause. Timothy war an diesem Morgen allein, vermutlich hatte er Hunger. Nach vier Stunden rollt ein Polizeifahrzeug heran und lädt Timothys Leichnam auf.

Kenias Zeitungen sind voll von Geschichten über die Selbst- und Lynchjustiz im Land; mob justice, Gerechtigkeit der Menge. Und es ist nicht nur Kenia. Südafrika, Indien, Guatemala - Beispiele gibt es viele. Wo Elend herrscht, der Rechtsstaat schwach ist und die Polizei korrupt, ist Selbstjustiz weit verbreitet, häufig genug mit tödlichem Ausgang.

Doch besonders schlimm ist es seit einiger Zeit in Kenia. Allein im vergangenen Juli und August sollen mindestens 100 Menschen Opfer von mob justice geworden sein. Mehr als ein Viertel von ihnen wurden in der Hauptstadt Nairobi ermordet, ähnlich viele in der südwestlichen Provinz Nyanza. Anfang September kamen in einem einzigen Viertel der Hafenstadt Mombasa elf Menschen ums Leben, angeblich alle Mitglieder einer Gang. Vermutlich liegt die tatsächliche Zahl deutlich höher, denn längst nicht alle Fälle finden Eingang in die polizeilichen Akten.

Polizei ist machtlos

Auch wenn sich sonst kaum jemand über die dramatische Zahl erregen wollte, zumindest die Presse schlug Alarm. Von einer besorgniserregenden "Alltäglichkeit des Tötens" sprach die Tageszeitung "Daily Nation".

Dass die meisten Straftaten Bagatellen sind, spielt für die selbsternannten Schnellrichter keine Rolle. Mal ist es der Diebstahl eines Handys, mal einer Handtasche oder auch nur das Abbrechen eines Außenspiegels am Auto: Ertönt irgendwo der Ruf "Haltet den Dieb!", setzt sich die Meute in Bewegung. Und häufig genug lässt sie dem Gejagten keine Chance - weder zu entkommen noch sich zu erklären.

Aber es sind keineswegs nur Diebe, die zu Tode kommen: Anfang September wurde unweit des Mount Kenia ein Pärchen in flagranti ertappt und erschlagen. Die Ehefrau des Mannes hatte von unterwegs Nachbarn alarmiert, und die waren zur Tat geschritten. Am gleichen Tag wurde im Südwesten des Landes ein 20jähriger Viehdieb ertappt und angezündet.

In der Stadt werden die vermeintlichen Diebe erschlagen, zu Tode getreten oder mit Hilfe eines Autoreifens und schnell gekauften Benzins verbrannt, auf dem Land wird zumeist verbrannt, gesteinigt oder mit der Machete zugeschlagen. Schlagzeilen machte der Fall von fünf Dorfbewohnern im Westen Kenias, die im Juli 2009 von ihren Nachbarn der Hexerei verdächtigt, verprügelt und dann angezündet wurden. Alle fünf starben.

Die Polizei ist machtlos und will es häufig auch sein. Manchmal, wie Mitte Juli in Nairobi, stehen bewaffnete Polizisten daneben und schauen dem Morden neugierig zu. In der Regel - wie im Fall von Timothy - rücken sie erst Stunden später an. Gesehen hat dann keiner etwas, Zeugen gibt es nicht, eine Anklage gegen die Täter ohnehin nicht - selbst wenn, was nicht selten passiert, das Tatvideo im Internet kursiert.

Dass die Kenianer die Rechtssprechung selbst in die Hand nehmen, hat vor allem mit dem nicht vorhandenen Vertrauen in Polizei und Justiz zu tun. Die Polizei ermittelt schlampig oder gar nicht: Richter sind überlastet oder käuflich, und so sind selbst überführte Straftäter häufig schnell wieder auf freiem Fuß - und setzen dann womöglich die unter Druck, die Anzeige erstattet haben. Ein funktionierender Rechtsstaat ist in Kenia genau so unbekannt wie in den meisten anderen afrikanischen Staaten.

Selbsternannte Rächer und schwarze Schafe

Eine andere Perspektive - die des Gejagten - kennt Kevin Ochieng. Der 34-Jährige begegnete dem Tod hautnah. Es war an Weihnachten 1998. Kevin hatte sein letztes Geld für Drogen ausgegeben, er spürte schon wieder den Entzug. Da radelte ein kleiner Junge auf einem neuen Mountainbike vorbei. Seine Chance.

Blitzschnell stieß er zu, schubste den Jungen von seinem Rad und schwang sich in den Sattel. Doch er war beobachtet worden. "Dieb, Dieb", riefen die Nachbarn und Arbeiter von einer nahen Baustelle, sie nahmen ihre Schaufeln und Steine in die Hand und jagten ihm nach. Weit kam er nicht, und an Details kann er sich auch nicht mehr entsinnen. Angeblich hatten die Verfolger die Steine schon in der Hand, bereit, das Urteil zu vollstrecken - als plötzlich ein Unbekannter vor die pöbelnde Menge trat, verhandelte, diskutierte. Die selbsternannten Rächer ließen ihre Arme sinken, wie in Trance verließ Kevin den Ort, an dem er um ein Haar sein Leben verloren hätte.

Für Kevin änderte sich mit diesem Tag alles. Er nahm fortan keine Drogen mehr, er stahl nicht mehr, er ging stattdessen wieder zur Schule. Er heiratete, wurde Vater von zwei Kindern und gründete in Kibera eine Organisation, die versucht, Jugendlichen aus der Arbeits- und Trostlosigkeit zu helfen.

Kevin hat seine eigene Theorie entwickelt, wie und warum der Mob plötzlich Blut sehen will. Meistens gebe es drei oder vier Meinungsführer in der Menge, die über Leben oder Tod entscheiden. Häufig seien die zornigen Anführer selbst einmal Opfer von Diebstählen geworden und deshalb rachedurstig. Der Rest lasse sich von der aufgeheizten Stimmung mitreißen. Manchmal seien auch innerhalb des Mobs Diebe, die nur auf Wertsachen des Opfers aus seien.

Hat die Menge ihre Opfer erst einmal markiert, ist sie unnachgiebig, verbissen und erbarmungslos. Manchmal werden Verdächtige tagelang gejagt. Ende August wurde in Kibera ein junger Mann umgebracht, den die Meute zuvor stundenlang durch den Slum gehetzt hatte.

Nicht selten trifft der Zorn des Volkes auch Unschuldige. Wie die Hexerei-Opfer unweit des Victoriasees. In Kibera wurde kürzlich ein Friseur beinahe zu Tode geprügelt, weil er mit einem bekannten Dieb gesehen wurde. Seine Nachbarn stuften ihn als Komplizen ein. Ausnahmsweise rettete in diesem Fall die Polizei den Mann.

Kevin sagt: "Viele fragen erst nach dem Töten: Was hat er eigentlich angestellt?"

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