Fotoprojekt auf Mallorca Deutsche am Ballermann

Party-Paradies oder Albtraum-Meile: Am Ballermann scheiden sich die Geister. Die Fotografin Vivian Rutsch hat drei Wochen lang mitgefeiert.

Vivian Rutsch

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"Ich bin nur zum Saufen hier": T-Shirts mit dieser oder ähnlicher Aufschrift sieht man am Ballermann häufiger. Jeder kennt die Bilder von Mallorcas Partymeile. Touristen trinken aus Eimern, feiern zu Schlagermusik, schlafen am Strand ihren Rausch aus. Was für ruheliebende Touristen ein Horror ist, und auch für viele Mallorquiner nervig, lockt seit Jahren Zehntausende junge feierwütige Deutsche auf die Insel.

Die Fotografin Vivian Rutsch interessierte, was die Besucher am Ballermann fasziniert. Sie mietete sich daher drei Wochen in einem All-inclusive-Hotel ein, direkt in der Partyzone an der Playa de Palma.

Leute kennenzulernen war für die Fotografin kein Problem - am Strand, in der Disco oder am Frühstücksbüffet, überall kam sie ins Gespräch. Alle waren sehr offen, ließen sich gern ablichten. Junge Frauen in Dirndln, Senioren auf Flirtkurs, kostümierte Mitglieder eines Kegelvereins - täglich machte sie Bekanntschaft mit Urlaubern, fast immer waren es Deutsche. "Mich faszinieren skurrile Orte und Begebenheiten", sagt Rutsch.

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Urlaubsinsel: Mallorca ist nur einmal im Jahr

Mit einer Dame verbrachte die Fotografin einen ganzen Abend: "Wir saßen im Bierkönig auf hölzernen Hockern. Ein paar Bier später gesellten sich drei Männer zu uns, alle um die 50, dickbäuchig und ergraut. Nach ein paar Minuten knutschte meine Begleitung mit einem der Männer." Der "Bierkönig" gehört neben dem "Oberbayern" oder dem "Megapark" zu den beliebtesten Feieradressen.

Der Ballermann ist für viele Touristen ein nie enden wollendes Fest. Laut dem Soziologen Sacha Szabo handele es sich aber nicht um "banale Besäufnisse". Vielmehr zeige sich dabei ein Bedürfnis nach Vergemeinschaftung. Alle sind gleich, egal woher und wie alt, findet auch Rutsch: "Sie fühlen sich als eine große Partyfamilie." Für viele sei es ein regelfreier Ort, gemäß dem T-Shirt-Motto: "Was auf Mallorca passiert, bleibt auf Mallorca".

"Fotografisch hat es Spaß gemacht, weil es immer so viel zu sehen und zu erleben gab. Auf der anderen Seite habe ich mich so gar nicht zugehörig gefühlt", sagt Rutsch. Viele hätten keinerlei Interesse an der mallorquinischen Kultur gehabt. Sie seien froh, ihre eigene Sprache zu sprechen und sich mit Landsleuten zu umgeben.

Hotels und Politik auf Mallorca haben in den vergangenen Jahren versucht, immer mehr Gäste anzusprechen, die sich auch für Land und Leute interessieren - und nicht nur auf Partys und Billigurlaub aus sind. Palmas Stadtverwaltung versucht, das exzessive Trinken einzudämmen und untersagte den Alkoholkonsum auf offener Straße an der Playa de Palma. Auch der Verkauf von alkoholischen Getränken in der Nacht wurde reglementiert.

Antoni Noguera, der Bürgermeister Palmas, äußerte jüngst nach mehreren Handgemengen zwischen Touristen, man wünsche keine Gäste, die "durch Besäufnisse und Schlägereien" Schwierigkeiten bereiten. Er wolle neue Kampagnen ins Leben rufen, um Besucher über gewünschte Verhaltensregeln aufzuklären, sagte er der deutschen Konsulin Sabine Lammers.

Nur ein paar Straßen von der Feierhochburg entfernt beginnt eine ganz andere Welt. Denn Mallorca hat viel zu bieten: abwechslungsreiche Berglandschaften, schöne Strände, ein angenehmes Klima. Doch ohne den Ballermann wäre es für einige Touristen eben auch einfach nur eine schöne Insel - so wie viele andere.



insgesamt 98 Beiträge
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W/Mutbürger 11.08.2017
1. Ich
hatte mir das 1 x Anfang der 90-er angetan. Nie wieder. Man kommt aus dem Fremdschämen gar nicht mehr raus.
bessernachgedacht 11.08.2017
2. Lebenserwartung
Wie war das? Frauen haben eine höhere Lebenserwartung. Und zwar nicht, weil sie länger leben als Männer. Sondern weil Männer früher sterben. Die Fotoreportage zeigt einen wichtigen Teil der Gründe dafür.
dolfi 11.08.2017
3. Na toll...
am Ballermann Urlaub machen, mitsaufen und dann noch für eine Reportage Geld dafür bekommen; schönes Journalisten-Leben. Naja, sei's ihr gegönnt, wie sonst anders könnten wir Spiegel-Bildungsbürger Einblicke in diese Parallelwelt bekommen.
thk,movil 11.08.2017
4. Ballermann?
und was ist mit Magaluf? ich lebe seit 20 Jahren auf Mallorca und alle Jahre wieder die gleichen Berichte über den Ballermann. lasst die Leute feiern! meine mallorquinischen Kollegen finden das es in Magaluf viel exzessiver zugeht. Deutschland wird ja auch nicht nur auf die Herbert Straße reduziert.
fatherted98 11.08.2017
5. Malle...
...ist so groß....der Ballermann-Strand...das sind nur einige hundert Meter...selbst die Schinkenstraße mit allen Sauf- und Partylokalen ist nicht allzu lang....wer nicht will der muss nicht....ich kapier nicht das die Leute sich so über den Ballermann aufregen....da gehen halt die hin denen das Spaß macht...der Rest hat dann fast die ganze restliche Insel für sich.
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