Mannheims neuer Nachtbürgermeister "Ein Alkoholverbot muss auf jeden Fall vermieden werden"

In mehreren deutschen Städten eskalierten Partys im Freien - und hatten teils strikte Verbote zur Folge. Der neue Nachtbürgermeister von Mannheim hält diese Corona-Maßnahmen für falsch.
Ein Interview von Lisa Duhm
Nach Ausschreitungen in der Frankfurter Innenstadt sperrt die Polizei nachts am Wochenende den Opernplatz

Nach Ausschreitungen in der Frankfurter Innenstadt sperrt die Polizei nachts am Wochenende den Opernplatz

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

SPIEGEL: Herr Gaa, seit dieser Woche sind Sie Nachtbürgermeister von Mannheim. Ist der Job so spannend, wie er klingt?

Gaa: Uns stehen auf jeden Fall turbulente Zeiten bevor. Meine Aufgabe als Nachtbürgermeister ist es, für ein friedliches Miteinander in der Stadt zu sorgen - auch und vor allem nachts. Das letzte Wochenende habe ich genutzt, um mich noch einmal richtig auszuruhen. Eigentlich sollte ich meinen Amtsvorgänger direkt ablösen, aber weil Corona so ein Riesenthema ist, sind wir bis Ende des Jahres zu zweit im Einsatz.

Zur Person
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Robert Gaa, 30, ist gelernter Maschinenbautechniker, DJ und seit August Nachtbürgermeister von Mannheim. Den neuen Posten teilt er sich mit seinem Amtsvorgänger Hendrik Meier, der 2018 der erste Nachtbürgermeister Deutschlands wurde.

SPIEGEL: In Stuttgart und Frankfurt am Main kam es zu Krawallen in den Innenstädten, nachdem Partys im Freien außer Kontrolle geraten waren. Sehen Sie die Gefahr auch in Mannheim?

Gaa: Unser Ausgehviertel in Mannheim, der Jungbusch, ist momentan großer Treffpunkt für junge Menschen. Die Gastronomen haben dort die Erlaubnis erhalten, im Freien mehr Tische und Stühle aufzustellen, da entsteht schon eine Art Bar-Flair. Privat wird sich auch am Verbindungskanal gleich nebenan getroffen. Alle Klubs haben zu, aber die jungen Leute wollen natürlich trotzdem zusammenkommen. Da hat es auch schon Beschwerden von Anwohnern gegeben. Angst vor Ausschreitungen habe ich aber nicht.

SPIEGEL: Warum? Was macht Mannheim besser als Stuttgart oder Frankfurt?

Gaa: Wir haben hier von Anfang an auf Prävention gesetzt. Am Wochenende sind nachts Sozialarbeiter unterwegs. Sie suchen das Gespräch mit den Feiernden, bevor es problematisch wird. Auch die Polizei ist vor Ort und setzt auf Deeskalation. Es geht immer darum, den Leuten bewusst zu machen: Ihr seid hier nicht allein, hier wohnen auch ganz normale Leute. Und wenn ihr euch nicht an die Regeln haltet, wird das Folgen haben.

SPIEGEL: Das reicht?

Gaa: Bisher funktioniert es. Wenn ich auf den Straßen unterwegs war, habe ich keine negativen Vibes gespürt. Die Stimmung ist gut, viele Menschen machen draußen Musik und tanzen dort.

SPIEGEL: In Hamburg hat die Stadt am vergangenen Wochenende für bestimmte Stadtteile ein Alkoholverkaufsverbot ausgesprochen. Sind solche Regelungen sinnvoll?

Gaa: Ich glaube nicht, dass so etwas langfristig eine Lösung sein kann. Ich bin kein Freund von Verboten, weil ich glaube, dass das die Probleme nur verlagert. Ein Alkoholverbot muss aus meiner Sicht auf jeden Fall vermieden werden. In einigen Städten werden auch Plätze nachts gesperrt, das ist der falsche Weg. Menschen brauchen Orte, an denen sie sich begegnen können.

SPIEGEL: Warum kommt es überhaupt zu Situationen wie in Frankfurt oder Stuttgart?

Gaa: Klubs haben eine wichtige soziale Funktion. Menschen können hier feiern, trinken, sich abreagieren, aber sie sind dabei unter Kontrolle. Die anderen Leute im Klub achten darauf, wie man sich verhält, und im Zweifel gibt es einen Türsteher. Ich selbst bin in der Elektroszene sozialisiert und arbeite normalerweise als DJ. Da habe ich als Jugendlicher gelernt, auf meine eigenen Bedürfnisse zu achten, aber auch die der anderen nicht außer Acht zu lassen. Das alles fehlt gerade, weil die Klubs geschlossen haben.

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