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16. Dezember 2015, 11:49 Uhr

Hilferuf an Briten

Mao-Brief für Rekordsumme versteigert

Mao Zedong ist eine umstrittene Polit-Ikone, mit der sich viel Geld machen lässt. In London wurde jetzt ein Brief des chinesischen Revolutionsführers aus dem Jahr 1937 verkauft - für mehr als 830.000 Euro.

Das hätte den machtbewussten Mao Zedong gefreut: Fast 40 Jahre nach seinem Tod scheint seine Popularität ungebrochen. Nicht nur in China, wo jährlich Hunderte Millionen zu den Gedenkstätten des gottgleich verehrten Revolutionsführers pilgern. Auch im Ausland hält der Kult an.

Das Londoner Auktionshaus Sotheby's hat nun einen Brief des einstigen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas für die stattliche Summe von 605.000 Pfund, umgerechnet knapp 832.000 Euro, verkauft.

Das Dokument ist auf der Schreibmaschine geschrieben und auf Englisch verfasst. Adressiert ist es an den damaligen Chef der britischen Labour-Partei und späteren Premierminister, Clement Attlee. Mao bittet angesichts der gerade erfolgten Invasion der Japaner in China um die Unterstützung der Briten. Sein Volk befinde sich in "einem Kampf um Leben und Tod gegen die Eindringlinge", so Mao.

"Wir sind davon überzeugt, dass sich das britische Volk, wenn es die Wahrheit über die japanische Aggression in China erfährt, erheben wird, um den Chinesen zu helfen", schreibt Mao. Seine Worte Übersetzt hatte offenbar der neuseeländische Journalist James Munro Bertram, der von sich behauptete, er habe den "Großen Vorsitzenden" ermuntert, sich an Attlee zu wenden.

Neben Mao hat auch General Zhu De das Schreiben unterzeichnet. Er war Oberkommandierender der Volksbefreiungsarmee und galt als wichtiger Militärstratege.

Sotheby's nannte den Brief "extrem bedeutsam", es handle sich um eines der frühen Dokumente, in denen Mao internationale Diplomatie betreibe. Auch sei es erst der zweite Brief des Parteiführers überhaupt, der unter den Hammer gekommen sei. Der Bieter zog es vor, anonym zu bleiben.

Attlee wurde 1945 britischer Premierminister und war noch im Amt, als Mao 1949 die Volksrepublik China gründete. Ein Jahr später war das Vereinigte Königreich das erste westliche Land, das die Volksrepublik anerkannte. Laut Sotheby's sollen sich beide Politiker im Jahr 1954 zu einem dreistündigen Gespräch getroffen haben - 17 Jahre, nachdem der Brief verschickt wurde.

Mao wurde zur Kultfigur, doch die Bilanz seiner Herrschaft ist verheerend: Durch Bürgerkrieg, Machtkämpfe, Enteignungen, Zwangsarbeit und Hinrichtungen von "Volksfeinden" starben viele Millionen Chinesen. Die 1958 initiierte Politik des "Großen Sprungs nach vorn" löste durch Misswirtschaft die größte Hungersnot der Geschichte mit bis zu 40 Millionen Toten aus. Bis zu Maos Tod im Jahr 1976 soll die Zahl der Opfer seiner Politik einigen Forschern zufolge auf 76 Millionen gestiegen sein.

ala

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