Kirchenstreik-Bewegung "Maria 2.0" "Abschaffung männerbündischer Machtstrukturen"

Die katholische Kirche leidet an den Verbrechen der Sexualtäter in ihren Rängen. Viele Frauen stellen darum tradierte Strukturen grundsätzlich in Frage: Sie wollen ihre Kirche von Grund auf verändern.

Protestaktion bei der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz
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Protestaktion bei der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz


Was da von Münster aus durch die Katholische Kirche fegt, könnte zu einer Reformationsbewegung in der katholischen Kirche werden: Die Aktionsgruppe "Maria 2.0" fordert in einer als offener Brief an den Papst formulierten Petition grundlegende Veränderungen. Sie stellt Grundsätze der katholischen Kirche in Frage.

Konkret fordert die Aktion "Maria 2.0" im Wortlaut:

  • "kein Amt mehr für diejenigen, die andere geschändet haben an Leib und Seele oder diese Taten geduldet oder vertuscht haben
  • die selbstverständliche Überstellung der Täter an weltliche Gerichte und uneingeschränkte Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden
  • Zugang von Frauen zu allen Ämtern der Kirche
  • Aufhebung des Pflichtzölibats
  • kirchliche Sexualmoral an der Lebenswirklichkeit der Menschen auszurichten"

Um diese Forderungen in die Öffentlichkeit zu tragen, ruft die Aktion Gläubige und insbesondere Frauen dazu auf, vom 11. bis 18. Mai ihre Kirchen nicht zu betreten, ihre Gottesdienste stattdessen ohne Priester außerhalb der Gotteshäuser selbst zu feiern, ihre Ehrenämter nicht auszuführen und die an den Papst gerichtete Petition zu unterzeichnen.

Anlass für die Aktion war die Empörung über den Umgang der Kirche mit den Sexualverbrechern in ihrer Mitte sowie deren Opfern. Für die Organisatorinnen besteht eine direkte Verbindung zwischen der schier endlosen Kette von Sexualverbrechen, deren Bekanntwerden die katholische Kirche in zahlreichen Ländern von Grund auf erschütterte, und der Forderung nach "Abschaffung bestehender männerbündischer Machtstrukturen", wie es in einer Erklärung der Gruppe "Maria 2.0" heißt: "Wir glauben, dass die Struktur, die Missbrauch begünstigt und vertuscht, auch die ist, die Frauen von Amt und Weihe und damit von grundsätzlichen Entscheidungen und Kontrollmöglichkeiten in der Kirche ausschließt."

Maria 2.0 entstand aus den Diskussionen eines christlichen Lesekreises der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Münster. Bei der Beschäftigung mit dem ersten Apostolischen Schreiben von Papst Franziskus, Evangelii gaudium ("Freude des Evangeliums", November 2013), sei der Kreis bei einer Diskussion der wirklich grundlegenden Probleme der Kirche gelandet. Aus dieser Diskussion habe sich die Aktion Maria 2.0 entwickelt.

Es geht um eine grundsätzliche Veränderung der Kirche

Warum die so heißt, erklärte Mit-Initiatorin Andrea Voß-Frick in einem Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk. "Maria" stehe stellvertretend für das Frauenbild der katholischen Kirche. Eine Frau, die man "auf einen Sockel stellen und verehren" könne, die aber selbst schweigen und Demut zeigen solle. Voß-Frick: "Das ist ein Frauenbild, das wir nicht teilen."

Maria 2.0 stehe dagegen für eine starke Frau, die sich engagiere und selbstverständlich alle kirchlichen Aufgaben übernehmen könne. Das Motiv der Aktion sei "Sehnsucht nach einer geschwisterlichen, liebenden und erneuerten Kirche".

Das begeistert offenbar viele katholische Frauen. Die Organisatorinnen rechnen damit, dass sich Hunderte von Frauengruppen anschließen werden, aus zahlreichen Diözesen habe es bereits Rückmeldungen gegeben. Die Petition an den Papst wurde bereits am ersten Tag von rund 10.000 Frauen unterzeichnet. Bei Facebook häufen sich Berichte und Bilder von Aktionen aus dem ganzen Land. Beifall und Unterstützungserklärungen gab es bereits im Vorfeld auch von der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD) und vom Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB).

Der erklärte am Freitag die Unterstützung aller seiner Mitglieder, "die sich mit verschiedenen Veranstaltungen an der Aktion beteiligen und vom 11. bis 18. Mai in einen 'Kirchenstreik' treten. Sie unterstreichen damit ihr Engagement für eine geschwisterliche Kirche, in der Frauen und Männer, Priester und Laien, gleichberechtigt sind".

Laut KDFB-Präsidentin Maria Flachsbarth gehe es bei Maria 2.0 "um die tiefe Krise der katholischen Kirche, um den extremen Glaubwürdigkeitsverlust, hervorgerufen von Priestern, die Täter und Vertuscher von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch sind, und um die mangelnde Wertschätzung und Diskriminierung von Frauen in der Kirche".

Kreuz, nicht brav: "Außengottesdienst" von Maria 2.0 in Sonsbeck
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Kreuz, nicht brav: "Außengottesdienst" von Maria 2.0 in Sonsbeck

Das bringt nun die konservativen Kreise unter den Katholiken auf die Palme. Noch am selben Tag antwortete das erzkonservative "Forum Deutscher Katholiken" mit einem Gegenaufruf an die Mitglieder des KDFB: "Hier wird in durchsichtiger Weise der sexuelle Missbrauch instrumentalisiert, um das Frauenpriestertum durchzusetzen." Maria 2.0 sei eine Aktion "innerkirchlicher Kräfte gegen die Lehre der katholischen Kirche". Hubert Gindert, der Sprecher des Katholischen Forums, rief Mitglieder des KDFB dazu auf, aus der Organisation auszutreten und "eine neue glaubenstreue Organisation für Frauen zu gründen".

Wozu er die als Lesekreis begonnene Aktion Maria 2.0 dann wohl eher nicht zählen würde. Den Frauen dort reicht auch nicht, was der Papst zuletzt in Sachen Missbrauchs-Bewältigung in der katholischen Kirche auf den Weg brachte: Eine "interne Meldepflicht" für Missbrauchsfälle sei nicht mehr als "eine Selbstverständlichkeit", sagte Mit-Initiatorin Voß-Frick im Gespräch mit dem WDR. Täter gehörten angezeigt und von den Behörden bestraft.

Letztlich geht es der Initiative aber um weit mehr: "Für uns alle ist ein stillschweigender Austritt keine Option", heißt es im Aufruf zu Maria 2.0. "Kämpfen wollen wir (…) für einen Weg, der es uns und auch den nachfolgenden Generationen nicht nur erträglich macht, sondern sogar Freude, in dieser Kirche zu bleiben!"

Womit nicht die gegenwärtige, sondern eine "erneuerte" katholische Kirche gemeint ist.

pat

insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 11.05.2019
1.
Sie lehnen die Machtstrukturen realer auf der Welt lebender Männer ab, wollen sich aber weiterhin an ihren imaginären Freund im Himmel binden. Jupp, das klingt konsequent.
yvowald@freenet.de 11.05.2019
2. In der Evangelischen Kirche Karriere machen
Die andauernde Hinhaltetaktik der Kirchenmänner gegenüber den Forderungen von Frauen läßt nur den Rückschluß zu: Die Männer arbeiten mit Macht (und die haben sie) gegen die Forderung nach Priesterinnen, Bischöfinnen und ggf. auch Päpstinnen. Also sollten diese engagierten Frauen der Katholischen Kirche den rücken kehren und sich der Evangelischen Kirche anschließen, evangelische Theologie studieren und den Versuch zu machen, als evangelische Pastorin Karriere zu machen. Die Katholische Kirche ist und bleibt ein rückständiger Männerverein und verdient nur eines: Mißachtung.
hausfeen 11.05.2019
3. Wahrscheinlich waren Maria Magdalena und Johannes die ersten ...
... Vorsitzenden der provisorischen Kirche. Also Päpstin und Papst in einer Art doppelspitze. Der Kontext der katholischen Kirche ist der, der machtstützenden Staatsreligion de römischen Reiches. Da liegen Welten dazwischen. Aber der Vatikan wird sich nicht bewegen. Niemals.
Schlaflöwe 11.05.2019
4. "Kein Amt mehr für diejenigen,
die andere geschändet haben an Leib und Seele oder diese Taten geduldet oder vertuscht haben". Durch nachträglichen Entzug des Auftrags an Pfeiffer und die gezielte Selektion der Unterlagen durch eigenes Personal für das neue Forschungskonsortium um den Mannheimer Psychiater Dreßing haben die Bischöfe gezielt verhindert, dass persönliche Verantwortlichkeiten für Verbrechen bekannt werden konnten. Wissen das die katholischen Frauen nicht oder spielen die eine Rolle im Spiel des Klerus?
Erythronium2 11.05.2019
5.
Es gibt inzwischen Männer, die vor Getwitter erzittern (z. B. #Metoo), einen französischen Präsidenten, der vor Gelbwesten-Protesten einknickt. Da liegt es nicht fern, mal wieder für Frauenpriestertum und Aufhebung des Zölibats in der Katholischen Kirche zu trommeln. So etwas ist modern. Meine Meinung (als Protestant) zu der Sache ist diese: Es wird und kann aber nicht funktionieren, weil diese Kirche auf Druck immer schon im Zweifelsfall auf die Modernität gepfiffen hat und auf Herausforderungen mit verstärkter Durchsetzung der Dogmen und der Autorität des Klerus geantwortet hat. Die beschleunigte Aufhebung des Zölibats und die Einführung des Frauenpriestertums würden die Kirche übrigens sowieso nur nochmals spalten. Wem also die Themen von Maria 2.0 wirklich wichtig sind, der kann sich außerhalb der Römisch-Katholischen Kirche eine geeignete Kirche suchen.
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