Belgien Paralympics-Siegerin Marieke Vervoort - Tod durch Sterbehilfe

Marieke Vervoort gewann als Rollstuhlfahrerin Gold bei den Paralympics. Nun hat die 40-jährige Belgierin Sterbehilfe in Anspruch genommen. Sie litt an einer unheilbaren und extrem schmerzhaften Muskelerkrankung.

Mark Allen/ AP

Marieke Vervoort hat die letzten Momente in ihrem Leben so verbracht, wie sie es sich gewünscht hatte: mit einem Glas Sekt in der Hand, noch einmal anstoßen mit der Familie und Freunden - dann der endgültige Abschied. "Bis zu ihrer letzten Minute führte sie Regie über ihr Leben", sagte ihr Arzt Wim Distelmans der Tageszeitung "De Standaard".

Die belgische Paralympics-Siegerin beendete am Dienstag ihr Leben durch Sterbehilfe. Das gab der Bürgermeister ihres Heimatortes Diest bekannt. Die 40-Jährige litt an einer unheilbaren und extrem schmerzhaften Muskelerkrankung, die mit einer zunehmenden Lähmung der Gliedmaßen einherging. Später kamen epileptische Anfälle hinzu. Seit dem Jahr 2000 konnte sie sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen.

Die Bestürzung in Belgien über Vervoorts Tod ist groß. "Ein wahrer Champion und eine Quelle der Inspiration", twitterte Tennis-Grand-Slam-Gewinnerin Kim Clijsters, "aber vor allem war sie eine wunderbare, warmherzige Frau."

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Marieke Vervoort: Paralympics-Siegerin aus Belgien

Aktive Sterbehilfe ist in Belgien, anders als in Deutschland, seit 2002 legal. Es war das zweite Land weltweit nach den Niederlanden, das dies unter bestimmten Bedingungen erlaubte. Lange hatte Vervoort das Szenario geplant. Über die benötigten Dokumente verfügte sie schon seit 2008, nachdem sich ihr Gesundheitszustand deutlich verschlechtert hatte.

In ihrer Sportkarriere feierte Vervoort Erfolge in verschiedenen Disziplinen. Bei den Paralympics in London 2012 gewann sie als Rennrollstuhlfahrerin Gold über 100 Meter und Bronze über 200 Meter. 2016 in Rio de Janeiro holte sie Silber über 400 Meter und Bronze über 100 Meter. In dem Jahr landete sie bei der Wahl zum Sportler des Jahres in Belgien auf Platz zwei hinter Fußballstar Kevin De Bruyne. 2006 und 2007 wurde sie Weltmeisterin im Paratriathlon und gewann auch den Ironman auf Hawaii.

"Ich brauche viele Schmerzmittel, Valium, Morphium"

In einem Interview während der Paralympics in Rio beschrieb Vervoort ihr Leben mit ständigen Schmerzen - und wie der Sport sie am Leben hielt. In manchen Nächten schlafe sie nur zehn Minuten. "Es kann sein, dass ich mich sehr, sehr schlecht fühle, dass ich einen epileptischen Anfall bekomme, dass ich weine, dass ich schreie vor Schmerzen. Ich brauche viele Schmerzmittel, Valium, Morphium", sagte Vervoort der BBC.

"Viele Leute fragen mich, wie es möglich ist, dass ich so gute Ergebnisse erziele und trotz all der Schmerzen und Medikamente lächele", so Vervoort. "Für mich ist Sport, der Wettkampf im Rollstuhl, eine Art Medizin." Dennoch habe sie bei jedem Training unter starken Schmerzen gelitten.

Vervoort war eine starke Befürworterin des Rechts, sich für Sterbehilfe zu entscheiden. Es habe ihr die Kontrolle darüber gegeben, "mein eigenes Leben in meine Hände zu legen". Sie habe große Angst, "aber diese Sterbehilfe-Papiere geben mir viel Seelenfrieden. Ich weiß, wenn es genug für mich ist, habe ich diese Papiere." Das Wissen, ihren Todeszeitpunkt selbst bestimmen zu können, gäben ihr ein "Stück Ruhe und Würde".

Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbstständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.

Bereits Ende 2017 sagte Vervoort in einem Interview mit der englischen Tageszeitung "The Telegraph", sie wolle ihr Leben beenden: "Ich habe so starke Schmerzen. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr leiden." Sie werde immer depressiver, weine sehr oft, sagte sie, "jetzt schwindet auch mein Sehvermögen immer mehr. Bei einem Auge liegt die Sehkraft nur noch bei 20 Prozent, beim anderen bei zehn Prozent. Mein Arzt sagt, er könne nichts machen."

Vor ihrem Tod arbeitete Vervoort noch eine Wunschliste ab. So war sie Bungeejumpen und raste in einem Lamborghini über die Rennstrecke von Zolder. Als Mutmacher für Schicksalsgenossen hatte sie zwei Bücher geschrieben. Ihre Einstellung zum Tod habe sich in den vergangenen Jahren verändert, so Vervoort: "Für mich ist er etwas Friedliches."

Die Stadt Diest teilte mit, dass ein Kondolenzbuch im Rathaus ausgelegt wird.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Marieke Vervoort habe als Handbikerin bei den Paralympics Gold gewonnen. Sie trat jedoch in einem Rennrollstuhl an. Wir haben den Fehler korrigiert.

wit/sid/AP

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