Angriff auf Marktfest in Bad Lobenstein Bürgermeister will Journalisten nicht berührt haben

Ein Thüringer Bürgermeister attackiert einen Reporter, wie Berichte und ein Video zeigen. Die Empörung ist groß, Ministerpräsident Ramelow schaltet sich ein. Doch das Stadtoberhaupt inszeniert sich als Opfer.
Bürgermeister Weigelt: Journalisten »am Arbeiten gehindert«

Bürgermeister Weigelt: Journalisten »am Arbeiten gehindert«

Foto: Peter Hagen / OTZ

Dem Bürgermeister von Bad Lobenstein, Thomas Weigelt, wird vorgeworfen, einen Reporter der zur Funke-Mediengruppe gehörenden »Ostthüringer Zeitung« auf einem Stadtfest angegriffen zu haben. Auf einem Video ist deutlich zu sehen, wie der parteilose Politiker mit ausgestreckter Hand auf die Kamera zugeht, dann sind nur noch Fetzen des Geschehens zu erkennen.

»So etwas geht einfach gar nicht«, verurteilte der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow den Vorfall. »Ein Bürgermeister greift einen Journalisten persönlich und körperlich an.« Linkenpolitiker Ramelow drückte seine Solidarität mit dem Journalisten aus – und forderte: »Jetzt muss amtlich gehandelt werden und diese inakzeptable Handlung geahndet werden.«

Geht es nach Bürgermeister Weigelt, stellt sich die Sache vollkommen anders dar. In einer Mitteilung aus dem Bürgermeisterbüro ist von einer »Fehde des Zeitungsredakteurs« mit dem Kommunalpolitiker die Rede. Auf dem Marktfest sei der Redakteur mit gezückter Kamera auf Weigelt und seine Gäste zugestürmt. Es heißt, der Journalist hege eine »persönliche Abneigung«, die er immer wieder in die Berichterstattung über den Kommunalpolitiker einfließen lasse.

Diese Anschuldigungen wies die Funke-Mediengruppe mit Nachdruck zurück. »Kritisches Nachfragen ist essentieller Bestandteil im Journalismus«, teilte der Sprecher auf Anfrage mit.

Funke-Verlegerin: »Wir werden alle juristischen Mittel aufbieten«

Zu dem konkreten Vorfall auf dem Marktfest wiederum sagte Weigelt laut Mitteilung, er habe den Journalisten »nicht berührt«. Dieser sei gestürzt, weil er einen Schritt nach hinten gemacht habe und dann mit einem älteren Herrn zusammengestoßen sei.

Die Funke-Mediengruppe widerspricht – und beruft sich unter anderem auf das während des Angriffs erstellte Videomaterial, das man inzwischen ausgewertet habe. »Der Bürgermeister hat ihn erst am linken Arm getroffen. Zudem verspürte er einen Stoß, wodurch er rückwärts umgefallen ist«, teilte der Sprecher zu dem Angriff auf den Reporter mit.

Der online veröffentliche Videoclip zeigt tatsächlich sehr deutlich, dass es der Bürgermeister ist, der den Journalisten angeht. Der betroffene Reporter hat Strafanzeige gestellt. Es gehe um den Verdacht der Körperverletzung und der Sachbeschädigung, wie ein Polizeisprecher dem Sender MDR bestätigte.

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Die Aufsichtsratsvorsitzende der Funke-Mediengruppe, Julia Becker, hatte entsprechend von einem schändlichen Angriff auf den Mitarbeiter und auf die Pressefreiheit gesprochen. Die Verlegerin forderte auch im Namen ihrer Familie Konsequenzen wie den Rücktritt des Bürgermeisters. Becker kündigte an: »Wir werden alle juristischen Mittel aufbieten, um diesen Übergriff zu ahnden.«

Plauderte Bürgermeister mit »Reichsbürger« Heinrich XIII. Prinz Reuß?

Dass das Zusammentreffen auf dem Fest überhaupt so eskaliert ist, könnte auch mit dem Thema zu tun haben , zu dem der Reporter recherchierte. In einem Bericht der »Ostthüringer Zeitung« heißt es, der Bürgermeister habe zu einem kurz vorher stattgefundenen Empfang auch einen bekannten »Reichsbürger« eingeladen. Auf einem Mitschnitt, der am Rande des Empfangs entstand, ist zu hören, wie der Bürgermeister nach dieser Einladung gefragt wird – und er dem Journalisten rüde den Zutritt verwehrt.

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Im Anschluss an den Empfang sei der Bürgermeister mit dem fragwürdigen Gast an einem Stehtisch zu sehen gewesen, berichtete die »Ostthüringer Zeitung «. Das habe der Reporter filmen wollen – und sei daraufhin vom Stadtoberhaupt angegangen worden. Auf dem Mitschnitt ist zu Beginn tatsächlich ein Mann zu erkennen, bei dem es sich offenbar um den bekannten Verschwörungstheoretiker und »Reichsbürger« handelt, der sich Heinrich XIII. Prinz Reuß nennt.

Weigelt dagegen sieht auch das Zusammentreffen mit dem Reporter im Vorfeld des Empfangs anders. Er nannte es eine »bedrohliche Situation«, bei der er und seine Frau von dem Reporter bedrängt worden seien. »Meine Frau war den Tränen nahe und wollte gar nicht mehr auf das Marktfest gehen. Er hat ihr mit seinem Benehmen das Wochenende verdorben«, beklagt er. Laut Funke-Mediengruppe sind die Beschreibungen des Bürgermeisters zu den Abläufen bei dem Empfang im Schloss des Ortes »nicht zutreffend«.

Beschauliches Bad Lobenstein: »Absolutismus?«

Beschauliches Bad Lobenstein: »Absolutismus?«

Foto: Hans P. Szyszka / IMAGO

Hinzu kommt: Es war der Journalist, der durch die Zusammentreffen an dem Tag verletzt wurde und ambulant in einer Klinik behandelt werden musste. Inzwischen geht es ihm seinem Arbeitgeber zufolge den Umständen entsprechend gut. Er sei am Vormittag noch mal beim Arzt gewesen, der »glücklicherweise nur leichte Verletzungen« diagnostiziert habe.

Thüringens Ministerpräsident Ramelow empörte sich über die mögliche Verbindung des Bürgermeisters zu dem »Reichsbürger«. »Steuergeld wird für den Empfang ausgegeben und Amtsräume benutzt und ein Journalist wird am Arbeiten gehindert«, twitterte der Regierungschef – und fragte: »Absolutismus?«

Bürgermeister Weigelt hatte sich zudem erst im Mai einem Abwahlverfahren stellen müssen, nachdem er der Regierung in den sozialen Medien Lügen und Verrat vorgeworfen haben soll. Er überstand es nur knapp.

Die Reporter der »Ostthüringer Zeitung« wollen sich nach dem Angriff jedenfalls nicht einschüchtern lassen. »Versuche, die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten der Ostthüringer Zeitung zu behindern und zu beeinflussen, begleiten schon lange unseren Berufsalltag. Dazu gehören auch Drohungen, körperliche Gewalt anzuwenden«, sagte Chefredakteur Jörg Riebartsch. Dass der Bürgermeister den Reporter und einen Passanten nun »körperlich angegriffen hat«, sei eine »neue, traurige Eskalation«. Aber: »Wir werden stets berichten, was wir entdecken.«

apr
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