Massensterilisierung in Indien Tödliche Geburtenkontrolle

In keinem anderen Land werden so viele Frauen sterilisiert wie in Indien - oft in gefährlichen Fließband-Operationen. Nach einem dieser Masseneingriffe kamen nun mehrere Patientinnen ums Leben.


Neu-Delhi - In Indien sind mindestens acht Frauen nach einer Massensterilisierung gestorben. Mehr als 60 Patientinnen wurden wegen Komplikationen ins Krankenhaus gebracht, viele von ihnen befinden sich in Lebensgefahr, wie ein Regierungsvertreter des Bundesstaates Chhattisgarh mitteilte. Die Ursache für den tragischen Ausgang der Behandlung ist noch unklar, vier ranghohe Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden wurden vom Dienst suspendiert.

Als Maßnahme zur Geburtenkontrolle bietet der indische Staat Frauen eine kostenlose Sterilisierung an. Willigen sie ein, erhalten sie zur Belohnung umgerechnet 18 Euro. Im Bezirk Bilaspur unterzogen sich am Samstag mehr als 80 Frauen dem Eingriff. "Seit Montag häuften sich die Probleme, mehr und mehr Frauen wurden mit extremer Übelkeit, niedrigem Blutdruck und anderen Problemen in die Krankenhäuser gebracht", sagte der örtliche Regierungsvertreter Sonmani Borah. Einige Ärzte vermuteten, die nach dem Eingriff verabreichten Medikamente könnten eine Rolle gespielt haben.

Zahlreiche Einwohner gingen am Dienstag in Bilaspur auf die Straße und forderten rasche Aufklärung sowie sofortige Konsequenzen für die behandelnden Ärzte. Laut der Zeitung "Indian Express" wurden die Sterilisierungen von einem Arzt und seinem Assistenten innerhalb von fünf Stunden vorgenommen. Der leitende Amtsarzt sagte dem Blatt, er könne keine Nachlässigkeiten bei der Arbeit seines Kollegen erkennen. Ungeachtet dessen wurde gegen den verantwortlichen Arzt inzwischen Anzeige erstattet. Die Regierung von Chhattisgarh kündigte zudem eine Entschädigung für die Familien der Opfer von umgerechnet jeweils 5200 Euro an.

Autos oder Haushaltsgeräte als Prämie

"Die Frauen gingen nach Hause, sie wurden krank und mussten wieder ins Krankenhaus", sagte einer der Angehörigen. Er und die anderen sprechen von Pfusch: Das Hospital sei seit Jahren im Rohbau, es gebe dort kaum technische Hilfsmittel.

"Direkt nach der Operation werden die Frauen normalerweise einfach auf den Boden gelegt", sagt Kerry McBroom. Sie ist Direktorin der Abteilung für Reproduktionsrechte im Human Rights Law Network in Neu-Delhi, das Menschenrechtler bei einem Gerichtsverfahren gegen diese Sterilisations-Camps unterstützt. Manchmal gebe es weder fließendes Wasser noch Strom. "Bei einem der Camps in Bihar operierte ein Arzt 60 Frauen in einer Nacht. Viele bluteten nach der Operation stark. Eine Frau war schwanger, was sie nicht wusste, und sie wurde vor der Sterilisation auch nicht getestet. Zehn Tage nach der Operation hatte sie eine Fehlgeburt."

Das nationale Familienplanungsprogramm der indischen Regierung setzt traditionell auf die Sterilisierung von Frauen, da sie in dem patriarchalischen System des Landes bei Männern tabu ist. Obwohl der Eingriff freiwillig ist, führen Geburtsquoten und die Anreize in manchen Bundesstaaten immer wieder dazu, dass Frauen zu der OP genötigt werden. So bieten örtliche Behörden Paaren mitunter auch Autos oder Haushaltsgeräte an, sollten sie einer Sterilisierung der Frau zustimmen. Vorgenommen wird diese dann oftmals in Einrichtungen, die für derartige Masseneingriffe nicht ausgerüstet sind.

Im vergangenen Jahr sorgten Aufnahmen aus Westbengalen für Empörung, auf denen zu sehen war, wie Dutzende bewusstlose Frauen nach einer Massensterilisierung einfach auf einem Feld abgelegt wurden, weil das Krankenhaus so viele Patientinnen gar nicht aufnehmen konnte. Human Rights Watch hatte die indische Regierung bereits vor zwei Jahren aufgefordert, ein unabhängiges Meldesystem für Zwangssterilisierungen oder miserable Standards in Sterilisierungszentren einzurichten.

wit/AFP/dpa



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wo_ist_all_das_material? 11.11.2014
1.
Es ist seltsam, wie wenig Interesse hierzulande dem indischen Subkontinent gezollt wird, auf dem ein großer Teil der Weltbevölkerung lebt, auf dem eine der Weltreligionen maßgeblich ist etc.. Anderen Regionen mit erheblich weniger Strahlkraft werden wird ein so erheblich größerer Teil der Berichterstattung gewidmet, daß es teilweise absurd erscheint. Warum?
vitalik 11.11.2014
2.
Zitat von wo_ist_all_das_material?Es ist seltsam, wie wenig Interesse hierzulande dem indischen Subkontinent gezollt wird, auf dem ein großer Teil der Weltbevölkerung lebt, auf dem eine der Weltreligionen maßgeblich ist etc.. Anderen Regionen mit erheblich weniger Strahlkraft werden wird ein so erheblich größerer Teil der Berichterstattung gewidmet, daß es teilweise absurd erscheint. Warum?
Ist es denn eine besondere Leistung eine Gesellschaft zu erschaffen bei der die Menschen nicht versorgt werden können, weil es einfach zuviele sind. Es würde unseren Umgebung und Natur gut tun, wenn die Erde nur halbsoviele Menschen haben würde.
dasguteeinhorn 11.11.2014
3.
Zitat von wo_ist_all_das_material?Es ist seltsam, wie wenig Interesse hierzulande dem indischen Subkontinent gezollt wird, auf dem ein großer Teil der Weltbevölkerung lebt, auf dem eine der Weltreligionen maßgeblich ist etc.. Anderen Regionen mit erheblich weniger Strahlkraft werden wird ein so erheblich größerer Teil der Berichterstattung gewidmet, daß es teilweise absurd erscheint. Warum?
Diese Frage ist wirklich interessant. Einerseits wird natürlich über Länder und Orte berichtet bei denen eine wirtschaftliche Verbindung besonders stark ist. Andererseits werden auch die Ängsten der Menschen genutzt um Geschichten zu verkaufen. Siehe IS. Und das Szenario, dass nun plötzlich Inder Terroranschläge verüben oder 1 Mio Inder in Deutschland Asyl beantragen ist dafür zu unwahrscheinlich. Ausserdem sind diese mit positiven Vorurteilen wie IT Profi belegt. Dennoch ist und bleibt es eine ungeklärte Frage. Auch Japan als eine unglaublich große Volkswirtschaft findet derzeit nur als Fukushima in den Medien statt.. Selbst manches Europäische Land muss man mit der Lupe suchen.
bertholdalfredrosswag 11.11.2014
4. Sterilisation
Eine Sterilisation ist normalerweise kein Lebensbedrohlicher Vorgang oder Eingriff wenn die Vorschriften der Hygiene beachtet werden. Hier mangelt es ganz offensichtlich an Sterilität der OP Räume und der Instrumente. Da müsste also dringend besser kontrolliert werden. Die Sterilisation als solche bejahe ich , um das namenlose Elend der Nichtbedarften zu reduzieren.
managerbraut 12.11.2014
5. Da sollte man sich
erst einmal fragen warum der Staat an Geburtenkontrolle in Form von Sterilisationen von Frauen interessiert ist? Was sind die Gründe und Ursachen? Sicher liegen die Ursachen mit im politischen, wie gesellschaftlichen Kasten System, fehlender sozialer Sicherungssysteme - Minderheitenschutz und Rechte, wie Bildungssrandards für Alle und Überbevölkerung dahinter. Alles über Jahrhunderte gewachsene Probleme die sich nicht auf einen Schlag lösen lassen und in einem vorwiegend hinduistischen, islamischen Staat - Atommacht nicht zu lösen sein werden. Indien hat, wie China über 1 Milliarde Einwohner. China noch ein paar 100 Millionen mehr! Indien - China sind von europäischen Kolonialmächten gebranntmarkte Nationen. Der Westen sollte mit Einmischungen äußerst zurückhaltend und vorsichtig sein.
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