Matrosen-Pastor Christian Schmidt Der Seesorger

Als Hafenpastor ist Christian Schmidt die seelische Stütze für verängstigte Matrosen. Er trifft auf Männer, die von somalischen Piraten entführt wurden oder gerade noch fliehen konnten. Nach außen verstecken die Seeleute ihre Verstörung - doch bei Pastor Schmidt weinen selbst die harten Kerle.
Von Jochen Brenner
Christian Schmidt im Hamburger Hafen: "Herr Pfarrer, ich habe Angst"

Christian Schmidt im Hamburger Hafen: "Herr Pfarrer, ich habe Angst"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Das Perfide ist die Öffentlichkeit, sagt Pastor Schmidt. Dass alle, die in der Nähe sind, zuhören können, wie es immer wieder geschieht. Und dass niemand helfen kann, wenn Piraten vor der Küste Somalias ein Schiff kapern. Matrosen, Offiziere und der Kapitän sitzen dann an den Funkgeräten und hören die Schreie ihrer Kollegen, die Angst in den Stimmen, die nervösen Rufe der Entführer, die Schüsse und immer wieder den gleichen Funkspruch: "Kommt nicht hierher, bleibt weg. Piraten überall."

Dann starren die Mannschaften gemeinsam aufs Radar, sie sehen, wie die Schnellboote der Piraten über den Monitor auf einen dunklen Punkt zurasen. Wie dann das gekaperte Schiff aus der üblichen Fahrrinne ausschert und sich seine Positionsmarke gespenstisch langsam aufs somalische Festland zubewegt.

Sie können nicht helfen, nur hoffen, dass es sie selbst nicht erwischt. Die Matrosen gehen dann wieder an die Arbeit, behalten die Maschine im Auge, putzen, streichen, kochen, schlafen und landen irgendwann bei Christian Schmidt im Hafen von Singapur. Er hört dann einen Satz, er kommt nicht schnell und längst nicht alle bringen ihn über die Lippen. "Ich habe Angst, Pastor."

Christian Schmidt war mal evangelischer Landpastor in Unterfranken, seit drei Jahren lebt er als Seemannsgeistlicher in Singapur. "Mein Sprengel ist jetzt der Hafen", sagt er, "und die Seeleute sind meine Gemeinde." Der Missionsdienst der Bayerischen Landeskirche hat den 44-Jährigen in die lutherische Gemeinde entsandt, sein Dienstherr ist der Bischof von Singapur, der Deutschen Seemannsmission ist er verbunden.

Somalia ist der Alptraum der Seefahrer

Morgens wirft er einen Blick ins Schiffsregister, prüft die Website der weltweit tätigen Transportgewerkschaft ITF, die Besatzungslisten veröffentlicht, und verfolgt die Routen der ankommenden Schiffe. Rund 1200 Schiffe liegen in Singapur vor Anker, unmöglich, dass Pastor Schmidt alle besucht. Aber er weiß, welche von ihnen den Suezkanal passiert haben. "Suez bedeutet auch immer Somalia", sagt Schmidt. Und Somalia ist der Alptraum der modernen Seefahrt.

Seit Somalia als Staat nicht mehr existiert, blüht die Piraterie vor der Küste des Landes. Die Seeräuber passen große Containerschiffe ab, rasen mit Schnellbooten los und kapern sie. In der ersten Jahreshälfte zählte das International Maritime Bureau 84 Angriffe und 27 Kaperungen. Damit hat sich die Zahl der Vorfälle erhöht, obwohl die USA und die EU Flotten in das Gebiet entsandt haben.

Wenn Pastor Schmidt in Singapur auf die Schiffe kommt, deren Besatzung von Piraten angegriffen wurde oder auch nur Zeuge einer Entführung wurde, beginnt jedes Mal ein heikler Prozess. Fragt er direkt nach der Angst, reagiert niemand. Zu groß ist die Sorge, vor den Kameraden das Gesicht zu verlieren.

Schmidt fängt dann an zu plaudern, nach der Familie zu fragen und versucht dabei, die ersten Signale zu empfangen. "Ein Tanker-Matrose saß mal 18 Stunden mit seiner Mannschaft im Sicherheitsraum seines Schiffes, während draußen die Piraten plünderten und schossen", sagt er. "So was steht man alleine nur sehr schwer durch, da braucht man Hilfe."

"That's seafarer's life"

Aber auch dieser Seemann hielt das Thema lange zurück und sprach mit dem Pastor erst, als sie alleine waren. "Die Angst liegt ganz weit unten vergraben", sagt er, "die Männer sind nicht leicht zu knacken. Sie inszenieren sich als harte Jungs, die nichts umhaut, lachen drüber. 'That's seafarer's life' ist so ein Spruch, den ich ständig höre", sagt Schmidt.

Wenn sie dann reden, kann Schmidt nicht viel mehr tun, als zuzuhören. "Mein Kapital ist die Zeit, die ich mir für die Männer nehmen kann", sagt er. "Das sind die oft gar nicht mehr gewohnt, dass einer einfach mal ohne auf die Uhr zu schauen zuhört." Trotzdem muss die Seelsorge schnell gehen, der Zeitplan in der Containerschifffahrt wird immer enger, mancher Aufenthalt im Hafen dauert nur vier Stunden, mehr als 14 sind es eigentlich nie. "Ein Schiff verdient nur Geld, wenn es fährt."

Schmidt ist nach Hamburg gekommen, um an der Weltkonferenz der Internationalen Seefahrtsmissionen (ICMA) teilzunehmen, die in diesen Tagen zusammentritt. Alle fünf Jahre findet sie in einer großen Hafenstadt statt, zuletzt in New Orleans. Damals redeten die Delegierten über den Glauben, die Mission und die Chancen der Ökumene. Heute geht es fast nur noch um Piraten, und die Weltkonferenz macht Weltpolitik: Dass Seeleute besser auf Piratenüberfälle vorbereitet werden müssten, sagte die Generalsekretärin der Deutschen Seemannsmission in die Mikofone der Journalisten, und dass es die "längst überfällige Aufgabe" der Bundesregierung sei, ihren Seehandel sicher zu machen.

Pastor Schmidt regelt die letzten Dinge

In seinen Jahren in Singapur hat Christian Schmidt gelernt, dass sich die Situation so schnell nicht ändern wird. Er prüft die Schiffsrouten, sucht nach den Hilfsbedürftigen und schenkt ihnen seine Zeit. "Eigentlich bräuchten die Menschen, die ich treffe, psychologische Trauma-Nachsorge, aber sie finden dafür keine Gelegenheit."

Er hat sich einen gewissen Pragmatismus zu eigen gemacht, auch in Glaubensdingen. Wenn auf einem Schiff im Hafen ein Matrose von den Philippinen stirbt und sein katholischer Kollege nicht kommen kann, dann regelt Pastor Schmidt aus Unterfranken die letzten Dinge. Er borgt sich von der katholischen Gemeinde ein ausreichend großes Weihwasserfläschchen und segnet das Schiff aus, auf dem der Mann gestorben ist. "Ohne diese Prozedur würden die Seeleute unter keinen Umständen weiterfahren", sagt Schmidt.

Er sprenkelt dann das ganze Schiff mit dem Weihwasser ein, jede Kajüte, die Küche, jeden einzelnen Kühlschrank, um die bösen Geister zu vertreiben, vor denen sich die abergläubischen Seeleute fürchten. "Ich habe mit dieser Zeremonie kein Problem", sagt er, der Protestant, der in vierter Generation Pastor in Franken war. Er hat als kleiner Junge noch erlebt, wie sein Vater verstorbene Gemeindemitglieder mit den Füßen voran aus den Häusern tragen ließ. "Damit der Tote als Geist den Weg zurück zum Haus nicht wiederfinden kann."

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