Medellín-Nostalgie Escobar Junior macht Kasse mit Narko-Klamotten

Heiligenbilder, Drogenballaden, Banditenkult: Narko-Trash gehört in den mafiaverseuchten Gebieten Südamerikas zum Alltag. Jetzt betreibt auch der Sohn des kolumbianischen Drogenfürsten Pablo Escobar die Vermarktung des organisierten Verbrechens. Er verkauft T-Shirts mit Papas Konterfei.

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Durchtrainierte, aber durchweg kopflose männliche Models präsentieren die Kollektion "Poder-Poder" ("Macht-Macht") auf der Webseite der Firma "Escobar Henao". Dass die Anonymität der Dressmen gewahrt wird, ist mit Sicherheit kein Zufall: Das Unternehmen sitzt im kolumbianischen Medellín und gehört Juan Pablo Escobar, dem Sohn des berüchtigten Drogenfürsten, der 1993 erschossen wurde.

Die gesichtslosen Torsi auf der Website zeigen T-Shirts in gedeckten Farben (95 US-Dollar), dazu klassische Jeans (140 Dollar). Für Unmut sorgten seit Vorstellung der Kollektion vor allem die Motive auf den Hemden: Personalausweise sind da zu sehen, Kreditkarten, ein polizeiliches Führungszeugnis, ein Schülerausweis, und eine Parkerlaubnis fürs Parlament, ausgestellt auf den "ehrenwerten Herrn Pablo Escobar". Devotionalien eines gewalttätigen, mächtigen und sehr reichen Drogenhändlers stehen hier zum Verkauf. Narko-Schick für den Hausgebrauch, Mafia-Klamotten mit einem billigen Touch von Verruchtheit.

Er sei jahrelang mit der Idee einer Kollektion schwanger gegangen, sagte Escobar der Nachrichtenagentur AP. Etwa 10.000 T-Shirts sollen bereits produziert worden sein, außerdem 2000 Hosen. Verkauft wird die Kleidung in den USA, Mexiko, Spanien und Österreich. Aus Respekt vor den Opfern würden die Textilien zwar in Kolumbien produziert, aber dort nicht vertrieben. "Wir wollen keinen unserer Landsleute verletzten", sagte er der Zeitung "El Milenio".

Der Sohn des Drogenbosses wehrt sich mit Händen und Füßen gegen Vorwürfe, er wolle aus dem blutigen Erbe seines Vaters Profit schlagen. "Ich bin nicht stolz darauf, was mein Vater getan hat", sagte er der italienischen "Vanity Fair". Mit meiner Initiative kann ich seine Verbrechen nicht ungeschehen machen, aber ich möchte auch klarstellen, dass Sünden nicht vererbt werden."

Reinwaschen von den Sünden

Escobar Junior lebt mit seiner Mutter und einer Schwester seit 1994 in Argentinien. Er hat seinen Namen geändert in Sebastián Marroquín, vielleicht, um sich reinzuwaschen von all dem Blut, das am Namen seines Vaters klebt, um jede Verbindung zu kappen zur Welt der skrupellosen Rauschgifthändler.

Im Jahr 2009 spielte Marroquín die Hauptrolle in dem Dokumentarfilm "Die Sünden meines Vaters". Er bat die Opfer seines Vaters um Vergebung. Viele von ihnen empfinden den späten Klamotten-Kult um Pablo Escobar als Beleidigung. Marroquín solle lieber öffentlich machen, welche Verbindungen sein Vater zu korrupten Politikern und Unternehmern pflegte, forderte der Journalist Alfredo Serrano.

Jeder habe das Recht, sein Geld auf legale Art und Weise zu verdienen, sagte der ehemalige Justizminister Carlos Medellín Becerra, dessen Vater, ein Richter, bei einem mutmaßlich von Escobar finanzierten Attentat im Jahr 1984 ums Leben kam. Es sei aber nicht in Ordnung das Abbild eines Kriminellen dafür zu nutzen. "Das gehört sich weder für den Sohn von Escobar, noch für irgendjemand anderen. Wir müssen uns vor Augen halten, dass der Aufbau einer Gesellschaft in einem Land wie dem unseren auf der Basis von guten Beispielen erfolgen muss."

Während seiner Schreckensherrschaft an der Spitze des Medellín-Kartells soll Escobar allein 30 Richter- und Hunderte Polizistenmorde in Auftrag gegeben haben. Er kontrollierte große Teile des Kokaingeschäfts und hinterließ weit über zwei Milliarden Dollar. Das Vermögen wurde wegen des Verdachts auf Geldwäsche jahrelang eingefroren.

"Alles, was wir von Pablo Escobar haben, ist seine DNA"

Trotz seiner Skrupellosigkeit wurde der Kriminelle von vielen verehrt, auch weil er versuchte, mit dem Bau von "Häusern für die Armen" gute Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung zu machen. Nun scheint der Sohn auf denselben Pfaden der Wohltätigkeit zu wandeln. Ein Teil des Gewinns aus dem Verkauf der T-Shirts solle für Hilfsprojekte in Medellín zur Verfügung gestellt werden, sagt Marroquín.

Sachspenden und Geld würden an Nichtregierungsorganisationen gegeben - in der Regel anonym, weil es in der Vergangenheit vorkam, dass Spenden aus der Familie Escobar abgelehnt wurden. Vom riesigen Vermögen des Vaters hätten weder er noch seine Mutter oder die Schwester Manuela etwas bekommen, schwört der Designer: "Alles, was wir von Pablo Escobar haben, ist seine DNA."

Er sei sich bewusst, dass sein Geschäft durchaus etwas Paradoxes habe, schließlich sei das Bild seines Vaters sehr stark und noch immer ein Synonym für Gewalt. Es sei ihm deshalb umso wichtiger, zu betonen, dass sein Vater kein Vorbild sei, dem man folgen solle - im Gegenteil.

Im Interview mit dem "Focus" aus dem Jahr 1994 klang das noch anders. Da sagte der damals 16-jährige Juan Pablo: "Für mich war er der beste Vater der Welt - bescheiden, einfühlsam, freigiebig und karitativ. Ich kannte seinen Kampf. Ich habe ihn darin auch unterstützt. Es war ein Kampf gegen die Regierung und für die Menschenrechte in unserem Land."



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