Steigender Medienkonsum 585 Minuten Lebensausfall?

Es gibt viele Institutionen, die das Medienverhalten der Bürger beobachten. In einer Sache sind sich alle einig: Der Durchschnittsbürger konsumiert fast zehn Stunden täglich Fernsehen, Radio, Computer und Co. Haben wir nichts Besseres zu tun?
Fernsehzuschauer: Wo hört Freizeitgestaltung auf, wo beginnt Zeittotschlagen?

Fernsehzuschauer: Wo hört Freizeitgestaltung auf, wo beginnt Zeittotschlagen?

Foto: Corbis

Im Englischen gibt es eine hübsche Phrase, die man Leuten an den Kopf wirft, wenn man ihnen mitteilen will, dass das, was sie gerade tun, verschwendete Lebenszeit ist: "Get a life!" (etwa: "Fang an zu leben!")

Das ist abfällig gemeint und entsprechend unfair. Der Begriff Leben selbst beinhaltet ja keinerlei Zwang zur Sinnhaftigkeit. Was Leben von Nichtleben unterscheidet, ist erst einmal ein Stoffwechsel und die Fähigkeit zur Fortpflanzung. Es ist der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Paramecium aurelia, dem bekannten einzelligen Pantoffeltierchen, und Couch Potato, dem pantoffeltragenden Weltbürger, der das Gros seiner Lebenszeit in den TV-Konsum investiert.

Das klingt als Tätigkeit nicht sehr interessant, ist es aber als Verhalten und zwar vor allem für Marktforscher und Demografen. Sie beobachten den Medienkonsumenten mit verschiedenen Methoden. Manche befragen eine repräsentative Auswahl von Bürgern, manche beobachten sie mit Black Boxes, die die Nutzung von Fernseher oder Internet-Browser protokollieren. So gut wie alle Studien, national wie international, sind sich weitgehend einig, wenn es um die Quantität der Mediennutzung des deutschen Durchschnittsbürgers geht. Sie liegt im europäischen Schnitt - was in dem Fall allerdings keine gute Nachricht ist.

Bereits seit mehreren Jahren und jetzt gerade wieder zeigt die Navigator-Mediennutzung-Studie von SevenOne Media,  der Vermarktungsagentur von ProSieben und Sat.1, dass wir wir fast zehn Stunden am Tag mit medialen Inhalten verbringen. 585 Konsumminuten zählen die SevenOne-Marktforscher in der "werberelevanten Zielgruppe" von 14 bis 49 Jahren. Bei den Älteren, weiß man aus anderen Studien, verschieben sich zwar die Gewichtungen zwischen den Medien, tendenziell wächst der Medienkonsum aber sogar.

Bei den "Werberelevanten" sah er 2012 so aus:

Mediennutzung 2012

Medium Nutzungsminuten pro Tag Veränderung zu 2002 (gerundet)
Fernsehen 205 +9%
Radio 149 -7%
Internet 107 +350%
PC/Videospiele 38 +50%
Buch 33 -1%
Zeitung 19 -20%
Video/DVD 18 -16%
Zeitschrift 8 -50%
Teletext 3 >1%
Kino 3 >1%
Daten: SevenOne Media, bezogen auf Zielgruppe 14-49 Jahre

Unter dem Strich investierten wir 2012 damit rund 16 Prozent mehr Zeit in unseren Medienkonsum als vor zehn Jahren. Auch diese aktuelle Studie weist allerdings darauf hin, dass ein Teil dieser Zeit auf Doppelnutzungen entfällt, vor allem auf die Parallelnutzung von TV und Internet. Viel Unterschied macht das allerdings nicht.

Die ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation  (die allerdings die Zeit zwischen 24.00 Uhr und 5 Uhr nicht erfasst) kam im Oktober 2012 auf rund neun Stunden Medienkonsum am Tag, und auch das Statistische Bundesamt  macht ähnliche Angaben - es setzt nur die TV-Nutzungsdauer noch einmal 20 Minuten höher an, erfasst einige Medien dafür gar nicht.

Mediennutzung liegt damit deutlich vor unseren sonstigen Hauptbeschäftigungen: schlafen und arbeiten. Die ARD/ZDF-Studie dröselt das alljährlich ganz besonders detailliert auf. Sie teilt unseren Tag (gerundet) in 41 Prozent Freizeit, 30 Prozent Arbeit und 30 Prozent Regeneration.

Carpe diem: Freizeit ist keine zu füllende Lücke im Tag

Sie weiß, dass wir 222 Minuten am Tag (plus nicht erfasster Zeiten zwischen 24 und 5 Uhr) schlafen und 82 Minuten essen, uns aber nur 35 Minuten waschen. Sie weiß auch, dass wir 341 Minuten unserer Freizeit im Haus verbringen, aber nur 40 mit Freunden, Bekannten und Verwandten. Soziale Freizeit in Gaststätten - egal ob essend, tanzend, Musik hörend oder einfach nur gesellig - erleben wir schlappe acht Minuten. Dieser Teil unserer Freizeit entspricht also etwa der Zeit, die wir statistisch in Bus und Bahn verbringen (neun Minuten).

Kurzum: Wenn wir nicht schlafen oder arbeiten, spricht die statistische Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir auf dem Sofa sitzen. Da kann man die Frage schon mal stellen, ob sich das mit der Definition von Leben noch verträgt.

Denn natürlich hat auch dieser Begriff eine Doppelbedeutung. "Get a life!" ist keine Aufforderung, Stoffwechsel oder Fortpflanzung aufzunehmen, sondern etwas Sinnvolles zu tun. Etwas Erfüllendes, unser Leben Bereicherndes. Etwas zu erleben, an das man sich später auch erinnert.

Natürlich kann das auch bedeuten, dass man ein Buch liest, ein cooles Spiel spielt oder sich einen guten Film ansieht. Dabei ist es jedem überlassen, was "gut" bedeutet. Ich persönlich fand "Magnolia" einen phantastischen Film, obwohl er fürchterlich deprimierend ist. In meiner persönlichen Bestenliste steht er allerdings auch neben "Das Leben des Brian" und den "Coneheads".

Qualität ist subjektiv und eine Frage der Bedürfnisse. Dass der Tag 24 Stunden hat, 365 Tage in ein Jahr passen und wir alle im Schnitt nur 77 (Männer) bis 82 (Frauen) davon haben, kann dagegen ganz objektiv als Tatsache verbucht werden.

Was dazu einlädt, die berühmte Sinnfrage einmal ganz quantitativ zu stellen: Ist es sinnvoll, 152 Tage im Jahr mit dem Konsum von Medien zu verbringen?

Sicher zu dem Teil der Zeit, den wir bewusst investieren und daraus ein befriedigendes Erlebnis ziehen. Wir würden Medien nicht so viel Aufmerksamkeit widmen, wenn uns das nichts bringen würde. In der schieren Quantität sind 585 Minuten am Tag aber schlicht erschreckend. Freizeit kann man füllen. Oder man kann sie erfüllend verbringen, was auch immer das ganz subjektiv heißt. "Get a life!" ist eigentlich gar kein schlechter Ratschlag.

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