Leitartikel in Deutschland Die Meinungsmacker

Deutsche Zeitungen sind voll von klugen Kommentaren, wegweisenden Ideen, schlauen Volten. Doch eine Auswertung überregionaler Blätter beweist: Fast immer stammen sie von Männern. Was ist mit der weiblichen Hälfte der Bevölkerung? Ein Plädoyer.
Tageszeitungen: Eher die leisen Töne anschlagen

Tageszeitungen: Eher die leisen Töne anschlagen

Foto: dapd

Wenn es jemand wissen muss, dann die oberste Behörde im Staat. Das Frauenministerium hat ihrer Klientel gleich eine ganze Broschüre gewidmet, und wer nachlesen will, wie es um die "Frauen in Deutschland" bestellt ist, muss bis zu Seite 51 blättern. Dort, im Kapitel "Frau und Beruf", steht, dass Frauen in den Medien als Show- und Quizmasterinnen "signifikant auf dem Vormarsch" sind. Herzlichen Glückwunsch, liebe Chromosomen-Genossinnen, möchte man sagen, wir haben es geschafft. Die Showtreppe blinkt erwartungsfroh, jetzt muss die Lösung auf die Fragen der Emanzipation nur noch eingeloggt werden.

Die Ulla Kock am Brinks, Carmen Nebels und Sonja Zietlows haben uns als blond gesträhnte Heilsbringerinnen den Weg gewiesen, mitten ins Scheinwerferlicht. Dort darf sinnentleert geplaudert und ein guter Eindruck gemacht werden.

Weniger schön ist das, was sich im Journalismus tut. Nämlich viel zu wenig. "In den überregionalen Zeitungen sind Frauen in Spitzenpositionen so gut wie nicht vertreten", schreibt das Ministerium, und konstatiert nüchtern, was seit einem offenen Brief von 350 Journalistinnen Ende Februar an die Chefredakteure des Landes wieder heftig debattiert wird. In den Sesseln der Chefredaktionen der überregionalen Zeitungen sitzen fast ausschließlich Männer.

Männer bestimmen, was in der Zeitung steht.

Wer aber schreibt, was in der Zeitung steht? Die Quoten-Debatte, so wichtig und richtig sie ist, verstellt den Blick darauf, dass es allein mit Führungsmacht nicht getan ist. Es braucht auch Meinungsmacht.

Die Versuchsanordnung: Drei Wochen in Deutschland, Ende Februar bis Mitte März, die acht größten überregionalen Zeitungen, ihre Leitartikel. Und eine lange Liste für die Auswertung. Eine eins für männliche Autoren, eine zwei für weibliche.

Das Ergebnis: Frauen haben weder Macht noch Meinung.

Nur rund 18 Prozent aller Leitartikel sind von Frauen verfasst*. Und die Quote wird nur durch eine gerettet: die "tageszeitung" ("taz"). Rechnet man sie und ihre zahlreichen Kommentarschreiberinnen heraus, bieten die großen deutschen Zeitungen in mickrigen 14 Prozent der Fälle eine weibliche Sicht der Dinge.

Es braucht eine andere Sicht der Dinge

Dass die sich lohnt, dass Frauen und Männer verschieden sind, anders kommunizieren und offenbar anders denken, wird kaum jemand bestreiten. Zumindest nicht diejenigen, die im Rahmen der Quotendebatte den Frauen vorhalten, sich nicht ausreichend in den Vordergrund zu drängen - anders als die Männer. Eher die leisen Töne anzuschlagen - anders als die Männer. Ganze Seminare beschäftigten sich damit, die Frauen zu mehr Männlichkeit zu erziehen: immer auf die Eins, immer aus den Vollen.

Auch leisere Töne können klug sein und lesenswert und pointiert, berechtigt und bereichernd. Nur gibt es sie kaum.

Wer als Journalistin möglichst wenig zu sagen haben möchte, sollte - wenn nicht bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") - bei der "Welt" anfangen. Gesucht werden hier Mitarbeiterinnen, die sich lieber zurückhalten, im Verborgenen wirken und ein Gespür dafür haben, dass es - wenn es wichtig wird - angebracht ist, den männlichen Kollegen den Vortritt zu lassen.

Bei der "FAZ" sind auf der Seite eins zwischen dem 23. Februar und dem 15. März 39 Leitartikel erschienen, zweimal durfte eine Frau ran. Das entspricht einer Quote von fünf Prozent und dem letzten Platz, was die Geschlechtervielfalt der Autoren angeht. Der "kluge Kopf dahinter" gehört fast immer einem Mann.

Die "Welt" schafft bei ähnlichem Output acht Prozent. Die "Bild" setzt ebenfalls darauf, dass vor allem die Männer die Meinung bilden, nur zweimal durfte eine Frau schreiben, das entspricht zehn Prozent der Kommentare.

Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) kommt auf 13 Prozent, was immer noch weit unter dem Durchschnitt liegt. Der "Tagesspiegel" lässt immerhin jeden vierten Leitartikel von einer Frau schreiben. Genau so hoch liegt der Anteil bei der "Frankfurter Rundschau" (FR).

Bei der "taz", die als einzige der Zeitungen von einer Frau geleitet wird und wo sowieso immer alles anders ist, herrscht - sensationell - Gleichberechtigung. Ein Tusch auf 52 Prozent Kommentatorinnen, die es sehr wohl schaffen, über Datenschutz, Wahlen, Unternehmenspleiten und Bürgerkriege zu schreiben (statt nur über Handtaschen, Faltencremes und Kinderbetreuung, Themen, bei denen man Frauen gerne ein originäres Interesse unterstellt).

Bei SPIEGEL ONLINE gibt es keine regelmäßig erscheinenden Leitartikel, aber bis auf eine Ausnahme wurden alle Kommentare im Zeitraum von Männern verfasst.

Also: Klappe halten, weiterackern? Auf keinen Fall! Es muss sich etwas ändern.

Nicht aus Empathie. Nicht aus Nettigkeit. Nicht wegen so etwas schwabbeligem wie Gerechtigkeit. Nicht wegen schlechtem Gewissen - sondern wegen schlechter Auflagen. Die Qualitätsmedien des Landes können es sich nicht leisten, 50 Prozent der potentiellen Zielgruppe abzuweisen.

Wer ausschließlich Männer die Welt erklären lässt, erklärt sie auch nur Männern.

63 Prozent der "FAZ"-Leser sind Männer, 62 Prozent der "Welt"-Leser. Zeitungen, die auch Leitartikelschreiberinnen zu Wort kommen lassen (und zwar nicht nur das eine Mal im Jahr, wenn es die Gender-Debatte auf den Kommentarthron schafft) haben mehr Frauen in der Leserschaft.

Das Potential von Frauen zu erkennen, ist nicht nett - es ist notwendig

Es ist überlebenswichtig zu erkennen, dass Frauen in Deutschland nicht nur seit 94 Jahren wählen dürfen, sondern sich auch für Politik und ja, tatsächlich auch Wirtschaft, interessieren. Frauen brauchen Zeitungen nicht nur, um Schnittblumen darin eingewickelt vom Wochenmarkt nach Hause zu tragen.

Allen Bedenkenträgern sei gesagt, dass Zeitungsforscher längst herausgefunden haben, dass für Frauen bei ihrer Auswahl nicht entscheidend ist, welches Thema ein Text behandelt. Ja, sie lesen sogar Texte aus dem Sport-Ressort, sogar über Fußball. Entscheidend ist die Aufbereitung. Mehr Kontext, mehr Gefühl, mehr Personen, mehr Relevanz, mehr Abwägung. Nicht nur die Zahlen, sondern auch ihre Bedeutung. Nicht nur Zitate, sondern auch ihre Einordnung. Nicht nur die These, sondern auch die Antithese.

Die Erfolgsgeschichte der "Zeit" zeigt, wie das gelingen kann. Auf der Titelseite finden neben Krieg auch Kinder, Küche, Kirche statt. Von den acht Leitartikeln im untersuchten Zeitraum wurden drei von Frauen geschrieben, die Leserschaft besteht zur Hälfte aus Frauen.

Der Anteil der Frauen in den Redaktionen ist weit größer als in den Führungsetagen. Und die Quotendebatte zeigt, wie dehnbar die Zahlen sind. Chefredakteure haben sich alle Mühe gegeben, die eine oder andere Frau aus den angestaubten Ecken des Impressums ins Rampenlicht der Statistik zu schieben. Dabei geht es nicht allein um Positionen, sondern um Einfluss. Die Leitartikel sind die Showtreppe der Printmedien, also rauf da! Das ist ein Appell an die schreibwilligen Frauen und ihre Vorgesetzten.

Männliche Kommunikation ist oft klarer, für Subtext lässt manches große Ego wenig Platz, aber auch für Selbstzweifel. Frauen tappen regelmäßig in die Rechtfertigungsfalle. Der Kollege vertritt sonnenköniggleich eine Meinung, die qua Pluralis Majestatis ohnehin mehrheitsfähig ist. Die Kollegin argumentiert, wägt ab, denkt laut, und am Ende wird ihr unterstellt, keine Meinung zu haben. Warum sonst so viele Worte?

Wenn also die Chefredakteure des Landes klagen, in ihren Redaktionen fänden sich keine karrierewilligen und -fähigen Kolleginnen, auch keine, die in der Lage wären, einen Leitartikel zu schreiben, so stellt sich die Frage, ob sie vielleicht allzu sehr damit beschäftigt sind, nach ihresgleichen zu suchen.


*Als Leitartikel wurden die so überschriebenen oder andernfalls die zwei bzw. drei exponiertesten Kommentare auf den Meinungsseiten oder der Seite eins definiert. Zwischen dem 23.02.2012 und dem 15.03.2012 wurden die Leitartikel der folgenden Zeitungen ausgewertet:

  • "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ"): 39 Leitartikel, zwei von Autorinnen, fünf Prozent
  • "Süddeutsche Zeitung" (SZ): 38 Leitartikel, fünf von Autorinnen, 13 Prozent
  • "Die Welt": 38 Leitartikel, drei von Autorinnen, acht Prozent
  • "Die Zeit": acht Leitartikel, drei von Autorinnen, 38 Prozent
  • "Der Tagesspiegel": 19 Leitartikel, fünf von Autorinnen, 26 Prozent
  • "Frankfurter Rundschau" (FR): 19 Leitartikel, fünf von Autorinnen, 26 Prozent
  • "tageszeitung" ("taz"): 19 Leitartikel, zehn von Autorinnen, 52 Prozent
  • "Bild": 19 Leitartikel, zwei von Autorinnen, zehn Prozent

Von insgesamt 199 Artikeln wurden 35 von Autorinnen verfasst, das entspricht 18 Prozent. Die Stichprobe erhebt nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein. Sonntagszeitungen wurden nicht berücksichtigt.

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