Ostdeutschland und der Mauerfall Die Grenze war offen - und dann?

Was bedeutete die "Wende" für den Alltag der Ostdeutschen? Historiker haben das untersucht und tun nun etwas Ungewöhnliches: Sie reisen durchs Land und diskutieren mit denen, um die es geht – offen und öffentlich.
Aus Meiningen berichtet Peter Maxwill
Meiningen im Süden Thüringens: Die Geschichte ernst nehmen - und die, die sie gemacht haben

Meiningen im Süden Thüringens: Die Geschichte ernst nehmen - und die, die sie gemacht haben

Foto: imagebroker/ imago images

Der Physiklehrer Wolfgang Fiedler war 27, als sein Heimatland verschwand. Und er weiß noch genau, was er nach dem Mauerfall tat, "um sich im neuen System zu orientieren": Jahrelang kaufte der Thüringer, der über Nacht Bundesbürger geworden war, die Zeitschrift "Test" der Stiftung Warentest. Bei jeder Anschaffung hielt er sich strikt an deren Empfehlungen - vom Auto bis zur Zahnpasta.

30 Jahre später sitzt Fiedler auf einem Podium in jener Schule, in der er seit damals unterrichtet, seit dem August 1989. Er sitzt da nicht, weil er besondere Fähigkeiten hat oder besonders viel weiß über den Mauerfall und die Wiedervereinigung. Fiedler sitzt auf diesem Podium einfach nur, weil er damals dabei war – vor, während und nach dem Systemwechsel.

Zusammen mit dem 57-Jährigen diskutieren an diesem Abend gut 30 andere Menschen in einer kleinen Aula des Henfling-Gymnasiums im thüringischen Meiningen. Viele Besucher sind Zeitzeugen wie er, andere waren damals noch sehr jung oder gar nicht geboren.

Und dann sind da noch diejenigen, die Fiedler aufs Podium gesetzt haben - ein paar Wissenschaftler. Denn dieser Abend ist Teil eines ungewöhnlichen Projekts: Jahrelang untersuchte ein vierköpfiges Historikerteam aus Potsdam, welche Auswirkungen die "Wende" auf den Alltag der Ostdeutschen hatte. Dafür sprachen sie auch mit Ostdeutschen, mit Leuten wie Physiklehrer Fiedler.

Statt ihre Ergebnisse nur auf Kongressen und in Büchern auszubreiten, planten die Forscher etwas anderes: eine "Dialogreise" durch den Osten . So touren sie in diesen Tagen in einem Bus durch Sachsen, Thüringen und Brandenburg. In Garrey an der Grenze zu Sachsen-Anhalt trifft man sich im Dorfsaal "Zum weißen Raben", in Leipzig soll im Zeitgeschichtlichen Forum diskutiert werden, in Kleinmachnow bei Berlin laden die Forscher in den Bürgersaal ein.

Die Dialogreise im Überblick

Ein Team aus vier Historikern hat seit 2016 untersucht, wie die Menschen in der ehemaligen DDR die letzten Jahre der SED-Diktatur, die friedliche Revolution und den Systemwechsel seit 1990 erlebt haben. "Die lange Geschichte der 'Wende'" setzt sich aus vier Teilprojekten zusammen, in denen es um die Themen Wohneigentum, Schule, Konsum und politisches Engagement vor Ort geht.

Den Wissenschaftlern geht es darum, Geschichte ernst zu nehmen – vor allem aber diejenigen, die sie erlebt, die sie gemacht haben. "Wir wollen ins Gespräch kommen", sagt Projektleiterin Kerstin Brückweh, die ebenfalls auf dem Podium sitzt. Die Forschungsergebnisse sollen mit Menschen diskutiert werden, die eigene Erinnerungen an die Wendejahre haben. Brückweh spricht von einem Perspektivwechsel.

Dabei helfen sollen Buchautor Christian Bangel und Fotografin Clara Bahlsen, die mit Fotos und Texten ihre Sicht auf die "Dialogreise" festhalten. Zudem wollen die Forscher neue Erkenntnisse und Fragen, die sie in den Debatten auf ihrer Tournee sammeln, ins Gesamtergebnis einfließen lassen. Alles zusammen soll im Herbst als Buch erscheinen.

Fotostrecke

Dialogreise durch den Osten: Ansichten aus dem neuen Deutschland

Foto: Clara Bahlsen

Dass die Reise in Meiningen beginnt, ist kein bloßer Zufall: Das fränkisch geprägte Städtchen, ein hübscher Ort mit knapp 25.000 Einwohnern, liegt im Süden Thüringens, keine 15 Kilometer sind es bis zur bayerischen Grenze. Wie war das damals, einen Steinwurf entfernt von der zerbröselnden Frontlinie zwischen Kapitalismus und Sozialismus?

Karin Pritzel, Abiturjahrgang 1994, war damals Schülerin an Fiedlers Schule. Die strikten Regeln, darunter etwa eine Hausschuhpflicht, hätten sich nach der Wiedervereinigung schnell in Luft aufgelöst, sagt sie, sehr zum Gefallen der Schüler: "Das war eine rechtsfreie Zeit."

"Menschen wurden nicht richtig mitgenommen ins neue System"

Nach dem Abschluss sei sie dann erst einmal als Au-pair nach Detroit gegangen – und danach nie dauerhaft in ihre Heimatstadt zurückgekehrt; heute lebt sie in Radebeul bei Dresden. Sie habe die Enge des Tals, in dem Meiningen liegt, nicht mehr ertragen können. Nach der "Wende", sagt sie, sei in Ostdeutschland viel Frust entstanden. Warum? "Menschen wurden nicht richtig mitgenommen ins neue System."

Das Gespräch, moderiert von der Journalistin Nancy Fischer, nimmt nun etwas Fahrt auf. Physiklehrer Fiedler sagt, er habe die Phase unmittelbar nach dem Mauerfall als "die demokratischste Zeit" in Erinnerung. Er schildert Kampfabstimmungen mit mehreren Kandidaten auf Elternabenden, schwärmt von der damaligen Lust auf Demokratie und Meinungskampf. Wenn es heute in der Schule darum gehe, ob jemand ein Amt übernehmen könne, schauten alle zu Boden.

Fiedler hat auch eine Anekdote parat, als es um den angeblichen Konsumrausch vieler Ostdeutscher nach der Grenzöffnung im Westen geht: Seine Schwiegermutter etwa habe beim Griechen in Bayern alles auf den Kopf gehauen – "und das war eine besonnene, wohl kalkulierte Entscheidung", behauptet er. Denn sie sei wie so viele davon ausgegangen, dass die Grenze nur für wenige Tage offen bleibe.

Es sind solche Anekdoten, die diesen Abend so reizvoll machen. Weil es nicht bloß um die politischen Fehler der Einheit geht, um die Rolle der Treuhand oder den Rechtsruck in Ostdeutschland. Es geht um die Alltagsgeschichte von Millionen Menschen aus der Perspektive einiger derjenigen, die sie erlebt haben.

Die Forscher um Brückweh haben gute Gründe, ihr Projekt so volksnah zu gestalten. Im Zeitalter von Fake News und gesellschaftlicher Polarisierung sind Wissenschaftler ähnlich wie Journalisten und Politiker zum Ziel einer neuen Form des Zorns geworden: Immer mehr Menschen, gerade auch in den ostdeutschen Bundesländern, fühlen sich bevormundet und ignoriert.

Die Dialogreise ist daher auch eine Werbetour – für wissenschaftlich belegte Evidenz, für den Austausch von Argumenten und Erfahrungen. Dazu passt, dass die Forscher für ihr Projekt eine ganze Reihe von Zeitzeugen um ausführliches Feedback gebeten haben: Leute, die 1989 noch Kinder waren. Einen Ostdeutschen, der seit 1990 im Westen lebt. Vertreter der Opposition in der DDR.

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Die Reise zum Riss: Berichte aus einem gespaltenen Land

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Für die Wissenschaftler steht ein zentrales Ergebnis schon jetzt fest: dass 1989 keine "Stunde Null" war, kein plötzlicher Wendepunkt im Leben von Millionen Menschen. Sondern dass sich vorher ebenso wie nachher Dinge gewandelt haben, zum Guten wie zum Schlechten.

Hätte es etwa Pegida womöglich nie gegeben, wenn Anfang der Neunziger einiges anders gelaufen wäre? Zu dieser Meinung scheint jedenfalls Physiklehrer Fiedler zu tendieren, der nach seinem Podiumsauftritt umringt von anderen Besuchern auf dem Schulflur steht. "Demokratie", sagt er, "hat man in der DDR nicht gelernt."

Einiges sei ihm in den Gesprächen dieses Abends klarer geworden, sagt Fiedler, auch nach 30 Jahren. Gelohnt habe sich die Teilnahme an der Dialogreise für ihn allemal - "weil man ja nur im direkten Gespräch die Möglichkeit hat nachzufragen." Dann zieht Fiedler weiter, verschwindet zwischen all den diskutierenden Menschen.

Wer sich schon immer gewünscht hat, dass Wissenschaft nahbarer und transparenter wird, enger am Geschehen und den Menschen: An diesem Abend in Meiningen ist all das erstaunlich gut gelungen.

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