Fotostrecke

Meister Dortmund: Ein Stadt trägt Schwarz-Gelb

Foto: dapd

Meistereuphorie in Dortmund Stadt des Lächelns

Dortmund ist Deutschlands Fußballhauptstadt: Hunderttausende feiern die Meisterschaft des BVB, der Titel lässt Laune und Selbstbewusstsein in der Ruhrgebietsmetropole steigen. Ein Besuch bei Fans des Kultclubs - und eine Rundreise zu ihren wichtigsten Orten.

Es riecht nach Frittenfett. Auf dem Grill neben der Friteuse brutzelt leise ein halbes Dutzend Bratwürste vor sich hin. Im großen Schaufenster des "Pommes Rot-Weiss" hängen zwei schwarz-gelbe BVB-Fahnen, der Boden ist hell gefliest. Hinter der Theke steht Heidemarie Sas, 64. Ihre kurzen Haare sind dunkelblond gefärbt, die Besitzerin der Imbissbude trägt einen rot-weißen Kittel. "Wir sind alle ganz aus dem Häuschen", sagt sie. Weil Borussia Dortmund Deutscher Meister ist. Über dem Tresen preist ein gelbes, mit schwarzem Filzstift beschriebenes Stück Pappe die "Meister-Bratwurst aus Meisterhand" an. Sie kostet zwei Euro und verkauft sich bestens.

Der Imbiss befindet sich an historischem Ort. In diesem Haus an der Oesterholzstraße liegen die Wurzeln der Borussia. Am 19. Dezember 1909 gründeten 18 Männer dort, in einer Gaststätte mit dem Namen "Wildschütz", den BVB. Der erste Sportplatz des Clubs, Weiße Wiese genannt, lag in unmittelbarer Nähe, am Gelände der Hoesch-Werke.

"Wir sind alle am Borsigplatz geboren", heißt es in einer Fan-Hymne. Der Borsigplatz im Norden von Dortmund, keine hundert vom "Pommes Rot-Weiss" entfernt, ist die Wiege des Clubs, die Nordstadt nicht das schönste Viertel Dortmunds. Sie galt lange Zeit als das Schmuddelkind: Drogen, Prostitution, hohe Kriminalität, viele Ausländer. An den Fassaden vieler Altbauten bröckelt der Putz. Die aktuelle Heimat des Vereins, das Stadion, ist weit entfernt, gut fünf Kilometer weiter südlich. Doch wer sich auf die Spuren der BVB-Fans begibt, kommt am Borsigplatz nicht vorbei.

Die Häuser dort sind mit schwarz-gelben Flaggen, Schals und Plakaten geschmückt. In den Geschäften, von der Dönerbude bis zum türkischen Friseur, hängen große BVB-Poster. Am Borsigplatz strömen immer dann Menschen zusammen, wenn der Verein etwas zu feiern hat. So wie in der Nacht zum 1. Mai, als feststand, dass der Borussia der Titel nicht mehr zu nehmen ist. So wie am vergangenen Wochenende, als sich Hunderttausende zur offiziellen Meisterfeier auf den Straßen der Stadt trafen.

Mit dabei war auch Heidemarie Sas. Jetzt sitzt sie auf einem der einfachen Holzstühle in ihrer Imbissbude, die Ellenbogen auf die weiße Marmortischplatte gestützt. "Ich wusste zwar, dass dies das Gründungshaus ist, als ich 2003 den Laden aufgemacht habe", sagt sie, "hab mir aber nix dabei gedacht." Von Fußball hatte sie keine Ahnung. Erst als ganze Busladungen von Fußball-Touristen ihre Pommes an historischem Ort essen möchten, wird Heidemarie Sas die Bedeutung bewusst - und zum BVB-Fan. Mittlerweile hängen historische Bilder zur Gründungsgeschichte der Borussia an den Wänden, und die Wirtin erzählt ihren Gästen, wie alles begann.

Was aber bedeutet den Dortmundern der Titel ihrer Borussia?

Eine Antwort gibt Nassreddin Bejaoui, der gerade an der Imbissbude vorbeischlendert. "Endlich ist mal wieder was los am Borsigplatz. Die Leute kommen zusammen, Wildfremde unterhalten sich über Fußball und haben ein Strahlen im Gesicht", sagt er und strahlt dabei. Der 37-Jährige wurde in der Nordstadt geboren. Die Meisterschaft, sagt er, sei wichtig für die Bewohner der Nordstadt, vor allem für ihr Selbstbewusstsein.

Nassreddin Bejaoui steht vor dem Schaufenster der kleinen Bäckerei Grieger gegenüber vom "Pommes Rot-Weiss". In der Auslage gibt es eine BVB-Fanecke, mit alten, zum Teil vergilbten Autogramm- und Eintrittskarten, Plüschbären in ausgebleichten Borussia-Trikots und einem schwarz-gelb gepunkteten Fußball.

"Ne, ne, so geht das aber nicht", ruft eine Stimme aus der Backstube, "du kannst dich doch nicht ohne BVB-Schal fotografieren lassen. Hier, nimm den." Die Stimme klingt warm und freundlich, sie gehört Hanne Bürger. Wenige Sekunden später lächelt die 64-Jährige gemeinsam mit Nassreddin Bejaoui, der jetzt einen Schal trägt, in die Kamera.

Hanne Bürger hat das Schaufenster gestaltet, sie verkauft Brötchen - und im Moment besonders viele "Borussia-Sterne". Das süße Hefegebäck, ähnlich wie ein Berliner Ballen, mit schwarz-gelbem Zuckerguss kostet einen Euro und wurde nach dem Fan-Lied "Leuchte auf, mein Stern Borussia" kreiert. Hanne Bürger trägt ein Borussia-T-Shirt, eine Kette mit BVB-Wappen, sogar ihre Fingernägel sind schwarz-gelb lackiert. Um den Hals hat sie ein kariertes Tuch gebunden, mit einem Autogramm von Kult-Verteidiger Dede. Der Brasilianer verlässt Dortmund im Sommer nach 13 Jahren. "Das ist ein Typ, mein Liebling, der ist Borussia immer treu geblieben, hat keine Starallüren", sagt Hanne Bürger, "und ich find ja Männer mit Glatze toll."

Die nächste Station ist das Trainingsgelände des Clubs. Es liegt knapp fünf Kilometer weiter östlich, im Stadtteil Brackel, gesprochen: Braakel. Im angrenzenden Gewerbegebiet befindet sich ein Café der Bäckerei Grobe, ein unscheinbarer Neubau mit großer Außenterrasse. Dort ist ein Treffen mit "Itze" verabredet, für ihn ist es der wichtigste Ort in seinem Leben.

"Itze" heißt eigentlich Hans-Jürgen Schweers. Der 65-Jährige sieht ein bisschen so aus wie Fernsehkoch Horst Lichter: gezwirbelter Schnauzbart, kurz geschorenes Haupthaar und Nickelbrille mit kleinen Gläsern. Die Lokalpresse bezeichnet ihn als "Mega-Fan" - wegen seines 17 Jahre alten, mit jeder Menge Devotionalien vollgestopften BVB-Mobils. Auf der Motorhaube des schwarz-gelben Renault Twingos sind Autogramme aller Borussia-Spieler zu lesen, die Felgen ziert das BVB-Logo, am Rückspiegel baumelt ein kleines Porträtfoto von Ex-Dortmund-Stürmer Frank Mill - im Stil eines Heiligen-Bildchen. Mit dem Auto fährt "Itze" jeden zweiten Tag von Schwerte nach Brackel. Auch wenn die Fußballer gar nicht trainieren. So wie an diesem Tag.

"Itze", den Spitznamen bekam er einst im Sandkasten verpasst, sitzt dann mit seiner Frau Brunhilde, 62, und Gleichgesinnten auf der Terrasse und plaudert mit ihnen über den BVB. "Rentner halt", sagt er. Es ist ein Ritual: Auf der Terrasse isst "Itze" immer einen Windbeutel, trinkt einen großen Pott Kaffee dazu, ohne Milch und Zucker, und freut sich darauf, seine Idole zu treffen. "Die Spieler kommen alle hier vorbei. Und die kennen mich ja auch alle", sagt er. Sein silberfarbener, kreisrunder BVB-Ohrstecker mit Vereinsemblem glitzert in der Sonne.

Ein Schönwetter-Fan, ein Anhänger, der nur bei Erfolg zu seinem Club steht, ist "Itze" nicht. Sein erstes BVB-Spiel war ein Debakel. 1978 ging Dortmund 0:12 gegen Borussia Mönchengladbach unter, die höchste Niederlage, die je ein Verein in der Bundesliga kassiert hat. "Itze" war im Stadion und geht bis heute hin. "Weil die Stimmung einfach einmalig ist, mit all den super Fans." Er kaufte sich eine Dauerkarte, wurde Mitglied im Fanclub "Treue Borussen". Mittlerweile arbeitet er sogar für den BVB, als Ordner bei Heimspielen. Sein Gesicht wird auf jede achte Eintrittskarte des BVB gedruckt. Man kennt ihn in der Fanszene. "Mein Mann lebt und stirbt für Borussia", sagt seine Frau. Sie findet das okay.

Vom Geschehen auf dem Rasen sieht "Itze" bei den Spielen kaum etwas, er sitzt mit dem Rücken zum Spielfeld vor der Tribüne. "Kein Problem", sagt er und lacht, "ich weiß trotzdem immer genau, wo der Ball ist, weil ich das Spiel in den Gesichtern der Leute lesen kann."

In der abgelaufenen Saison konnte "Itze" vor allem "Freude pur" in den Gesichtern erkennen. "Wie im Märchen. Da hat doch kein Mensch mit gerechnet. Platz fünf vielleicht - aber Meister? Ne."

"Itze" hat früher in einer Gießerei gearbeitet. Er gehört zu dem Typ Malocher, der das Bild vom Ruhrgebiet prägt. Obwohl der Strukturwandel längst in vollem Gange ist.

Kohle, Stahl, Bier und BVB - das waren lange Zeit die Konstanten in Dortmund mit seinen knapp 600.000 Einwohnern. "Kohle, Stahl und Bier sind verschwunden, aber der BVB ist geblieben", soll Vereinspräsident Reinhard Rauball gesagt haben, als sein Verein 100 Jahre alt wurde. Die Stadt sieht den Club mittlerweile als den "Image-Treiber schlechthin".

Doch fast hätte Dortmund auch ihn verloren.

In der Saison 2004/05 bangte der Verein angesichts einer horrenden Schuldenlast von knapp 120 Millionen Euro um die Existenz. Die damalige Führung hatte den Club durch kostspielige Transfers an den Rand des Ruins getrieben.

Die letzte Station der Rundreise ist das Kreuzviertel. Das von vielen Cafés und Kneipen geprägte Viertel liegt nur knapp einen Kilometer vom Stadion entfernt. Viele Studenten und Akademiker leben dort. Eine der beliebtesten Fankneipen ist das "Barrock". Davor steht ein rund vier Meter hoher Fahnenmast mit großer BVB-Flagge, im Eingangsbereich ist das Vereinswappen im Boden versenkt. Durch die Fenster fällt am Abend kaum noch Licht, die Einrichtung ist rustikal, vor dem Tresen stehen schwere Barhocker aus dunklem Holz, an den Wänden hängen mehrere Flachbildfernseher.

Mats Hecking, 25, kellnert im "Barrock". Er trägt eine randlose Brille, kurze dunkelblonde Haare und ein schwarzes Hemd. Der junge Mann könnte glatt als BWL-Student durchgehen. Er hat die schweren Zeiten seines Clubs nicht vergessen und versucht, die Bedeutung der Meisterschaft einzuordnen. "Dieser Titel ist nicht erkauft, sondern erspielt", sagt er, und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: "Ja, das trifft es glaub ich sehr gut."

Mats Hecking steht hinter dem Tresen - und gerät rasch ins Schwärmen, wenn er über den BVB spricht: attraktiver Fußball, viele junge Spieler, viele aus Dortmund oder der Umgebung. "Die Spieler haben eine ganz besondere Beziehung zur Stadt und den Fans. Das sind nicht bloß Angestellte des Clubs", sagt er. Ein Beispiel: Nachdem die Meisterschaft perfekt war, fuhr ein Spieler mit seinem Privatwagen durchs Kreuzviertel, hielt auf der Kreuzung vor dem "Barrock", hüpfte auf den Wagen und rief den verdutzten Fans zu: "Wer ist Deutscher Meister?"

Im Kreuzviertel wird gern laut und kräftig gefeiert. "Die Atmosphäre ist aber eigentlich immer friedlich, Pöbeleien gibt es kaum", sagt Mats Hecking. In der Nacht der spontanen Meisterfeier seien die Zapfhähne nur zum Fasswechsel geschlossen worden. Feierbiere verkaufen sich besser als Frustbiere. "Die Laune der Gäste ist in letzter Zeit deutlich besser geworden", sagt er und lacht. Seine offensichtlich auch.