Urteil in Memmingen Frauen dürfen künftig am Fischertag Forellen fangen

Das Ausfischen des Stadtbachs in Memmingen ist eine Tradition, die jedes Jahr Zehntausende Besucher anzieht. Doch Frauen dürfen nicht mitmischen - das soll sich nach einem Gerichtsurteil nun ändern.
Männer mit Kescher beim Ausfischen des Stadtbachs: Eine männliche Tradition ist kein zulässiger Grund für Diskriminierung

Männer mit Kescher beim Ausfischen des Stadtbachs: Eine männliche Tradition ist kein zulässiger Grund für Diskriminierung

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

Seit knapp 30 Jahren ist Christiane Renz Mitglied des Memminger Fischertagsvereins. Doch am jährlichen Höhepunkt der Vereins- und Stadtgeschichte durfte sie als Frau bislang nicht teilnehmen: Das Ausfischen des Stadtbachs war Männern vorbehalten.

Das wird sich nun wohl ändern. Denn wie das Amtsgericht der Stadt im Allgäu am Montag urteilte, ist der Ausschluss von Frauen aus der Gruppe der Stadtbachfischer durch den veranstaltenden Verein eine unzulässige Diskriminierung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Richterin: Männliche Tradition kein zulässiger Grund für Diskriminierung

Bei dem Spektakel springen Männer mit Keschern auf einen Böllerschuss hin ins Wasser und versuchen, eine Forelle zu erhaschen. Zuschauer feuern sie an und nehmen die gefangenen Fische entgegen. Wer die größte Forelle fängt, wird Fischerkönig.

Richterin Katharina Erdt sagte bei der Urteilsverkündung der Nachrichtenagentur dpa zufolge, der gemeinnützige Verein mit rund 4500 Mitgliedern habe in Memmingen eine besondere soziale Machtstellung inne und sei an den Grundsatz der Gleichberechtigung im Grundgesetz gebunden.

Eine männliche Tradition sei kein zulässiger Grund für Diskriminierung. Der Vereinsvorstand hatte den Ausschluss von Frauen vom Höhepunkt des Volksfests mit Zehntausenden Besuchern mit der Wahrung eines jahrhundertealten Brauchtums begründet.

"Es gehen eben nicht immer alle Wünsche in Erfüllung"

Dem SPIEGEL hatte Michael Ruppert, 53, Erster Vorsitzender des Fischertagsvereins, gesagt, man lege großen Wert auf die "Detailtreue der Historie". Er fände es schade, dass sein familienfreundlicher Verein so schlecht dargestellt würde.

Ruppert sagte, er könne schon verstehen, dass Frauen beim Fischen mitmachen wollten. "Aber es gehen eben nicht immer alle Wünsche in Erfüllung. Das ist in meinem Leben ja nicht anders."

"Freue mich sehr, dass der Fischertagsverein endlich im 21. Jahrhundert ankommt"

Klägerin Renz begrüßte das Urteil. "Das Amtsgericht hat heute bestätigt, was längst klar sein sollte: Tradition kann einen Ausschluss von Frauen nicht rechtfertigen. Sonst stünden wir Frauen heute immer noch hinter dem Herd", sagte Renz. "Es ist natürlich schade, dass es dafür ein Gerichtsurteil gebraucht hat, aber ich freue mich sehr, dass der Fischertagsverein endlich im 21. Jahrhundert ankommt".

Der Verein Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF), der Renz in ihrer Klage unterstützt hatte, teilte mit: "Die heutige Entscheidung ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung. Auch in Vereinen hat willkürliche Geschlechterdiskriminierung keinen Platz". Das Urteil sei auch ein Signal an "viele andere Vereine, die Frauen weiterhin ohne plausiblen Grund ausschließen".

Die juristische Auseinandersetzung dürfte mit dem Urteil noch nicht beendet sein. Der Fischertagsverein hatte zuvor angekündigt, im Fall einer Niederlage die nächsthöhere Instanz anrufen zu wollen.

kko/lmd/dpa
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