Merkel und Obama Dinner-Diplomatie in der Downing Street

Lag es an Jamie Olivers erfrischender Minzsauce oder den diplomatischen Fähigkeiten der beiden Staatsleute? Beim G-20-Dinner in London durfte Kanzlerin Angela Merkel neben US-Präsident Barack Obama sitzen - und amüsierte sich trotz politischer Differenzen offenbar prächtig.


London - Sollte die Sitzordnung den Einigungsprozess beschleunigen? Trotz elementarer inhaltlicher Differenzen in Sachen Finanzkrise saß Bundeskanzlerin Angela Merkel beim G-20-Dinner am Mittwochabend neben US-Präsident Barack Obama - und hatte offenbar richtig Spaß. Die Kanzlerin schäkerte und lachte, Obama strahlte sein sympathisches Gewinnerlächeln.

Für das Drei-Gänge-Menü des Starkochs Jamie Oliver waren frische Zutaten aus allen Ecken des Königreichs herbeigeschafft worden - einschließlich der Bio-Eier von Prinz Charles' Gütern. Als Hauptgang gab es langsam gebratenes walisisches Lamm in Minzsauce, dazu Pilze, Spargel und Kartoffeln von der britischen Kanalinsel Jersey. Als Vorspeise servierte Oliver nordwalisischen Lachs, Meerkohl und Meerfenchel sowie Ziegenkäse aus Hertfordshire. Zum Dessert lockte eine Bakewell Tart.

Merkels Gatte fehlte beim G-20-Gipfel in London - Chemieprofessor Joachim Sauer hatte es offenbar vorgezogen, der "First-Lady-Riege" auf dem hochkarätigen Treffen fernzubleiben. Die Kanzlerin genoss das Treffen trotzdem.

Auch dem US-Präsidenten schien es auf dem Dinner so gut zu gefallen, dass er als einer der letzten den Amtssitz des britischen Premierministers Gordon Brown verließ. "Es war ein wundervolles Abendessen", sagte Obama vor Journalisten, als er sich zusammen mit seiner Frau Michelle zurückzog.

Sein französischer Kollege Nicolas Sarkozy hingegen war unter den ersten, die wieder aufbrachen. Immerhin blieb er über den ersten Gang hinaus - hatte er doch gedroht, den Gipfel vorzeitig zu verlassen, sollten seine Vorschläge zur Rettung aus der Krise sich nicht durchsetzen. Premierminister Gordon Brown sagte dazu diplomatisch: "Ich bin zuversichtlich, dass Präsident Sarkozy noch bei uns sein wird, wenn wir das Dinner beenden." Immerhin: Das Menü sollte dem Franzosen gemundet haben.

Sarkozy und Merkel hatten sich gemeinsam gegen weitere milliardenschwere staatliche Konjunkturprogramme ausgesprochen und wollen erst einmal die Wirkung der bereits veranlassten Maßnahmen abwarten. Deutschland habe bereits einen "Riesenbeitrag" geleistet, sagte Merkel. Die beiden beschlossenen Konjunkturpakete im Volumen von 80 Milliarden Euro müssten nun erstmal umgesetzt werden und wirken können. "Frankreich und Deutschland werden mit einer Stimme sprechen", hatte Sarkozy erklärt. Beide Länder appellierten eindringlich an die Kollegen, nationale Interessen zurückzustellen und keine verwässerten Beschlüsse zu fassen.

Den USA und Großbritannien wird vorgeworfen, durch ihre Finanzpolitik die Hauptschuld an der herrschenden Krise zu tragen. Beide Staaten vertreten traditionell eine liberale Position in Handelsfragen und standen über Jahre einer strengen Marktregulierung skeptisch gegenüber.

ala/dpa/Reuters/AP



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