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13. Januar 2018, 13:06 Uhr

#MeToo-Debatte

Sag's noch mal, Catherine Deneuve

Ein Debattenbeitrag von

Catherine Deneuve und 99 weitere Frauen sorgen sich in einem offenen Brief um das Flirten. Gut so! Denn nur, wenn wir immer weiter debattieren, wird sich etwas ändern.

In einem Gastbeitrag in der Zeitung "Le Monde" fordert Catherine Deneuve eine "Freiheit zu belästigen". 99 Frauen schließen sich dort der französischen Schauspielerin an. #MeToo habe, so heißt es in ihrem offenen Brief, eine "Kampagne von Denunziation und öffentlicher Anschuldigung" ausgelöst. Die Unterzeichnerinnen warnen vor dem "Klima einer totalitären Gesellschaft" und sehen die "sexuelle Freiheit" gefährdet, befürchten einen "Hass auf Männer und Sexualität" - und sorgen sich um das Flirten.

Sekunde mal. Kennen wir das nicht alles schon? Haben wir uns vor ein paar Wochen nicht über ähnliche Ansichten fürchterlich geärgert? Oder uns irre darüber gefreut, dass sich mal jemand traut, sie laut zu äußern?

Wie also auf diesen Beitrag reagieren? Wie das letzte Mal: "Endlich sagt jemand die Wahrheit über #MeToo" schreibt etwa Kathrin Spoerr auf Welt.de - reiht dann Argumente der #MeToo-Kritiker mit einer Souveränität aneinander, die zeigt, was alle wussten: Dass nicht "endlich" jemand diese "Wahrheit" sagt, sondern mal wieder. Barbara Kostolnik vom WDR kommentiert den "Irrtum der Madame Deneuve". Sie weist auf einige Denkfehler hin, die aufmerksame #MeToo-Unterstützer vermutlich auch schon bemerkt hatten. Auch das: Alles schon gehört.

Nach der Wut und den Kämpfen kommt Veränderung

Trotzdem sollten uns dieser Brief und die Reaktionen darauf nicht ermüden. Denn hinter den Gipfeln der ersten Aufregung, den wütenden Diskussionen und den Kämpfen um Deutungshoheit kommt die Veränderung.

Erinnern sie sich noch, wie alles anfing? Mit Weinstein. Mit den Anschuldigungen. Fast täglich: neue aufwühlende Nachrichten, neue Betroffene. Dann bald: neue Beschuldigte, erste Konsequenzen.

Erinnern sie sich, wie Alyssa Milano dafür sorgte, dass das Thema mit #MeToo die engen Grenzen Hollywoods verließ? Wie die Debatte in etlichen Ländern entflammte, Millionen Stimmen laut wurden? "Ich auch". In Kanada, in China, in Vietnam, in den arabischen Ländern. Und unter anders lautenden Hashtags in weiteren Staaten: #balanceTonPorc ("verpfeif' dein Schwein") in Frankreich, #QuellaVoltaChe ("damals, als") in Italien, #stilleforopptak ("Ruhe bitte! Aufnahme") in Norwegen. Fast täglich kamen neue Stimmen und Argumente, neue Forderungen und neue Meinungen hinzu. Ein atemloser Dauerlauf von Enthüllung zu Enthüllung, von Aufreger zu Aufreger. Eine heftige Zeit. Und eine wichtige.

Wer entscheidet, wann alles gesagt ist?

Die ganz große Aufregung hat sich gelegt. Das Meiste scheint gesagt. Über Vergewaltigung und sexuelle Gewalt gab und gibt es dabei glücklicherweise nie zwei Meinungen. Sie wird auch in dem aktuellen Brief verurteilt. Doch darüber, wo die Grenze zur sexualisierten Gewalt verläuft, wird weiterhin gestritten. Dennoch: Würde die Halbwertszeit von Themen immer noch in Redaktionskonferenzen entschieden, wären solche Debatten noch immer allein von Medien mit Sendezeit und aufwendigen Vertriebskanälen abhängig, vermutlich wäre #MeToo schon aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Zum Glück ist das nicht so. Nur ein paar Tage ist es her, dass der Brief in "Le Monde" erschienen ist, schon wurde er auf Dutzenden Newsseiten und Blogs in etlichen Ländern, auf Facebook und Twitter verbreitet, kommentiert, kritisiert, verlacht und gelobt. Es zeigt: #MeToo ist noch lange nicht vorbei. Und es zeigt: Wie wichtig ein Thema ist, wird nicht mehr von wenigen diktiert, die meinen zu wissen, wann alles gesagt ist. Das wird mit jedem Tweet, jedem Post, jedem Blog-Eintrag, jedem Like von Millionen entschieden.

Und das ist gut. Denn das Thema betrifft Milliarden. 100 Prozent der Menschen erleben Sexualität in unterschiedlichsten Formen und Kontexten. Sexualität und alles, was damit zusammenhängt, ist das Privateste, was wir haben und teilen, das Persönlichste und vielleicht das Verletzlichste. Sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt gehören zu den größten Tabu-Themen unserer Gesellschaft.

Deshalb ist es eine große Chance, dass so viele Menschen den Mut gefunden haben, unter #MeToo mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Nur deshalb haben wir jetzt die Gelegenheit, darüber zu sprechen, unseren Umgang miteinander zu hinterfragen und zu verändern. Doch eben weil Sexualität so intim und fragil ist, ist es vollkommen illusorisch, zu erwarten, dass irgendwann alle ein und dieselbe Meinung vertreten. Aber das muss eine Debatte aushalten. Und eine Gesellschaft auch.

Weiter debattieren, weiter nachdenken

Also vielen Dank an Deneuve und die anderen Unterzeichnerinnen. Denn es hilft, Ansichten zu diesem ungeheuer wichtigen Thema immer wieder zu äußern. Auch jene, die uns nicht gefallen. Denn so lange wir über #MeToo debattieren, denken wir darüber nach. Und je öfter wir Argumente und Gegenargumente austauschen, desto selbstverständlicher werden sie Teil unseres Blicks auf die Welt - und desto mehr verändern sie unser Handeln.

Einige sagen, es hat sich noch nicht genug verändert. Und andere, dass sich grad viel zu viel verändert. Dass sich in den letzten Monaten etwas verändert hat, wird niemand bestreiten können.

Auch nicht jene, die sich noch immer lautstark ums Flirten sorgen. Selbst den Renitentesten dürfte mittlerweile klar sein, dass nicht alle dieselbe Vorstellung von einer angemessenen Annäherung haben - und haben müssen.

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