#MeToo Zeit, mich zu ändern

Wie verbreitet sexualisierte Gewalt in unserer Gesellschaft ist, zeigt #metoo. So richtig klar wurde Benjamin Maack das erst, als Bekannte den Hashtag benutzten und er merkte: Ich war ahnungslos.

#MeToo: Sexualisierte Gewalt ist allgegenwärtig
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#MeToo: Sexualisierte Gewalt ist allgegenwärtig


Manchmal - ganz selten - begegnen wir etwas, das unseren Blick auf die Welt, unsere Gesellschaft, die Menschen um uns herum verändert. Bei mir war es ein Hashtag.

Harvey Weinstein ist überall. Seit zwei Wochen gibt es Berichte von Frauen, die beschreiben, wie er seine Macht nutzte, um sie sexuell zu belästigen. Und noch immer finden neue Schauspielerinnen den Mut, ihre verstörenden Erlebnisse mit dem Produzenten zu schildern. Was den Frauen da passiert ist, ist schrecklich - und sehr weit weg.

Jetzt nicht mehr.

Vergangene Woche tauchte #MeToo - "ich auch" - in den sozialen Medien auf. Ein Hashtag, mit dem Frauen signalisieren können, dass auch sie schon sexualisierte Gewalt erlebt haben. Auch in meiner Timeline erschien #MeToo. Ein Mal, zwei Mal. Es war mir nie in den Sinn gekommen, dass es Frauen in meinem Umfeld gibt, die davon betroffen sein könnten. Wie ignorant ich war. Schon bald waren es etliche Posts. #MeToo, #MeToo, #MeToo. Frauen, die ich gut kenne. #MeToo. Gute Freundinnen und liebe Bekannte. #MeToo.

Auch ich bin ein Teil dieser Gewalt

Auch eine Frau aus dem Literaturbetrieb nutzte den Hashtag - und ich erschrak. Ich erinnerte mich daran, wie wir uns vor ungefähr einem Jahr bei einer Lesung getroffen hatten. Es gibt Abende, da bin ich nicht dafür gemacht, anderen Menschen zu begegnen. Das war so einer. Ich saß auf der Bühne und betrank mich maßlos, um es auszuhalten. Ich bin nicht stolz darauf und es ist keine Entschuldigung. Jedenfalls saßen wir später gemeinsam in einer Runde und ich machte einen geschmacklosen, sexistischen Witz in ihre Richtung. Ich weiß nicht mehr, wie er lautete. Ich weiß, dass er mich blöder dastehen ließ als sie. Und ich erinnere mich, dass ich ihn am liebsten sofort wieder ungeschehen gemacht hätte.

Als ich nun ihr #MeToo sah, wurde mir klar: Auch ich bin ein Teil des Problems. Ich schrieb ihr eine E-Mail, in der ich mich entschuldigte und sagte, dieser Spruch tue mir bis heute leid - und dass ich aus der Sache gelernt hätte.

Sie schrieb zurück, dass sie sich daran gar nicht mehr erinnern könne. Und, dass der Zwischenfall auch wirklich zu vernachlässigen sei, bei all dem Hinterntätscheln, den Aufträgen, die man nur bekommt, wenn man auch eine Essenseinladung annimmt, den Fotos von Penissen, die Männer ihr geschickt hätten.

Wie ich mich verändern werde

Vielleicht hätte ich "Puh" denken können. Dass ich gar nicht so schlimm bin. Dass ich im Vergleich ja noch zu den Guten gehöre. Aber es geht hier nicht darum, blöde Witze mit handfesten sexuellen Übergriffen zu vergleichen und dann zu denken, dass man mit seinem Sexismus ja noch ganz gut dasteht.

Es existiert strukturelle Gewalt in unserer Gesellschaft. Eine offenbar alltägliche Gewalt gegen Frauen, die von Männern ausgeht. Das darf nicht sein. Ich erinnere mich an diese eine Situation und frage mich zugleich, wie oft ich ein Teil dieser Gewalt war, ohne es überhaupt zu bemerken. Und ich schäme mich dafür, wie lange ich das nicht erkannt habe.

Es gibt zu diesem Thema auch ein Hashtag, dem sich Männer anschließen können - #howIwillchange, wie ich mich ändern werde.

Zuerst dachte ich: Ich möchte bei meinen Äußerungen noch aufmerksamer, empathischer und selbstkritischer sein, was möglicherweise mitschwingen könnte.

Dann dachte ich: Nein. Das ist nicht genug. Es lässt zu viel Raum für Ausreden und Rechtfertigungen. Ich war betrunken, ich habe die Situation falsch eingeschätzt, das ist mir ja nur so rausgerutscht.

Jetzt ist mir klar, dass es viel einfacher ist: Ich will keinen sexistischen Mist mehr von mir geben.



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rennflosse 23.10.2017
1. Nachdenken
"Jetzt ist mir klar, dass es viel einfacher ist: Ich will keinen sexistischen Mist mehr von mir geben." Es wäre besser gewesen, Sie hätten diesen Artikel nicht von sich gegeben. Sich für einen Witz zu entschuldigen, an dessen Inhalt man sich vor lauter damaliger Besoffenheit nicht mehr erinnern kann, ist so ziemlich das Dämlichste, was jemand tun kann. Uns hier alle mit dieser Begebenheit zu penetrieren, eine sexistische Beleidigung männlicher und weiblicher Leser. Ich bin nämlich nicht so. Und der ganze Zusammenhang, aus dem dies gerissen wurde, ist das "in den Dreck ziehen" auch des allerletzten netten und harmlosen Komplimentes. Ist nun jeder, der einer Frau höflich die Tür aufhält, ein Sexist, weil er ihr nicht zutraut, die Tür auch alleine öffnen zu können? Ich bin bereit, Frauen absolut genauso wie (andere) Männer zu behandeln und keinen Unterschied mehr zu machen. Und zwar von dem Moment an, wo Frauen auf jegliche weiblichen Verhaltensweisen und Attitüden verzichten. Ansonsten lasst mich bitte mit diesem Mist in Ruhe.
agt69 23.10.2017
2. Na ja
Die Tatsache, dass sich die Betroffene gar nicht mehr an den Vorfall erinnern kann, zeigt doch sehr deutlich, dass die Sache nicht so wild war, wie sie dem Autor jetzt - unter dem Eindruck des momentanen Sexismus Hypes - vorkommt. Es passiert immer wieder mal, dass Leute im Rausch Dinge sagen, die sie besser nicht gesagt hätten, weil sie andere damit verletzen, kränken oder beleidigen. Sexistische Bemerkungen sind nur ein Teil davon. Sie sind weder schlimmer noch harmloser als sonstige blöde Sprüche. Nichts wofür man sich mehr schämen muss als für andere Taktlosigkeiten. Der Autor sollte sich besser vornehmen, seine Zunge unter Alkoholeinfluss im Zaum zu halten, anstatt sich als mieser Sexist vom Schlage eines Weinstein zu fühlen.
stefan.martens.75 23.10.2017
3. Was mir einfällt
In True Detektives gibt es einen guten Witz, wenn rassistische Witze im Umfeld gerissen werden. Wie nennt man einen schwarzen, der ein Flugzeug fliegt? Pilot, Du rassistisches ........! könnte man für den Fall sexistischer Witze im Umfeld leicht abwandeln. :-) Die übliche Reaktion der meisten ist betretenes Schweigen oder Haha. Konfrontation dürfte da zielführender sein.
coralie.berger-leroc 23.10.2017
4. Guter Kommentar
Ein guter und auch mutiger Beitrag. Das eigene Verhalten zu überdenken, ist ja die Grundlage für eine überfällige gesellschaftliche Veränderung. Wir kommen schon ein ganzes Stück weiter, wenn Männer anfangen, das Thema auf sich selbst zu beziehen und nicht nur auf prominente Beispiele wie Weinstein zu projizieren.
coralie.berger-leroc 23.10.2017
5. Was für Verhaltensweisen denn
Zitat von rennflosse"Jetzt ist mir klar, dass es viel einfacher ist: Ich will keinen sexistischen Mist mehr von mir geben." Es wäre besser gewesen, Sie hätten diesen Artikel nicht von sich gegeben. Sich für einen Witz zu entschuldigen, an dessen Inhalt man sich vor lauter damaliger Besoffenheit nicht mehr erinnern kann, ist so ziemlich das Dämlichste, was jemand tun kann. Uns hier alle mit dieser Begebenheit zu penetrieren, eine sexistische Beleidigung männlicher und weiblicher Leser. Ich bin nämlich nicht so. Und der ganze Zusammenhang, aus dem dies gerissen wurde, ist das "in den Dreck ziehen" auch des allerletzten netten und harmlosen Komplimentes. Ist nun jeder, der einer Frau höflich die Tür aufhält, ein Sexist, weil er ihr nicht zutraut, die Tür auch alleine öffnen zu können? Ich bin bereit, Frauen absolut genauso wie (andere) Männer zu behandeln und keinen Unterschied mehr zu machen. Und zwar von dem Moment an, wo Frauen auf jegliche weiblichen Verhaltensweisen und Attitüden verzichten. Ansonsten lasst mich bitte mit diesem Mist in Ruhe.
Was für "jegliche weibliche Verhaltensweisen und Attitüden" meinen Sie denn konkret?
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