Jahrestag des MH17-Absturz Zu viel Trauer für ein kleines Land

Ein Jahr danach verarbeiten die Niederlande den Schmerz der MH17-Tragödie. Es fällt ihnen nicht leicht, denn noch immer sind viele Fragen zu dem Absturz offen.

Trauer von Hinterbliebenen: Niederlande erinnern an MH17-Opfer
AP

Trauer von Hinterbliebenen: Niederlande erinnern an MH17-Opfer


Ein Abgeordneter des Senats. Ein Soldat. Der Türsteher eines Coffeeshops. Ein bekannter Aids-Forscher. In den Niederlanden erinnert man sich in diesen Tagen nicht an eine Zahl. Man erinnert sich an Freunde, Angehörige, Bekannte, an Kollegen, Nachbarn und Freunde von Freunden. Jeder kannte jemanden oder hatte zumindest von jemandem gehört, der am 17. Juli 2014 in der Malaysia-Airlines-Maschine saß, die über der Ukraine abstürzte. Es waren 192 Niederländer, die zusammen mit 106 weiteren Menschen an Bord von Flug MH17 ihr Leben verloren.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 30/2015
Was Allianz, R+V und Co. alles tun, um nichts leisten zu müssen

Die Niederlande sind ein kleines Land, das sich seit einem Jahr in einem großen Trauerprozess befindet. "So etwas haben wir noch nie vorher erlebt", sagt Victor Jammers von der nationalen Opferhilfe "Slachtofferhulp". Viele Mitarbeiter kamen sofort aus ihrem Urlaub zurück oder fuhren gar nicht erst weg. Rund 300 Therapeuten und Freiwillige halfen bei der Verarbeitung des Unglücks, das so viele so unvermittelt traf. Noch immer begleiten professionelle Trauerhelfer 200 Familien.

Das Symbol ihrer Trauer ist mittlerweile die Sonnenblume. Nach dem Unglück waren Bilder der Absturzstelle um die Welt gegangen, die zeigten, wie riesige Flugzeugteile, Metallsplitter und Trümmer aus den Feldern nahe Donezk ragten. Dazwischen die Sonnenblumen.

Nun sind sie auch zu einem Symbol der Hoffnung geworden. Ein Museum im Süden Amsterdams hat in diesen Tagen 5000 Sonnenblumen in einem weißen Raum zum Mahnmal gemacht. Am Flughafen Schiphol, wo Flug MH17 vor einem Jahr abhob, wurde darüber nachgedacht, bronzene Sonnenblumen als bleibendes Monument aufzustellen.

Ausstellung im Süden Amsterdams: Sonnenblumen als Mahnmal
DPA

Ausstellung im Süden Amsterdams: Sonnenblumen als Mahnmal

Die Blumen von der Absturzstelle blühen inzwischen sogar in Westeuropa, Australien und Malaysia. Ein australischer Kriegsreporter hatte im vergangenen Sommer Sonnenblumensamen in Donezk eingesammelt. Er schickte sie an die Familien der Opfer. Heute blühen sie.

Für die Niederlande war es eines der schwersten Unglücke der Geschichte. Statistiker haben berechnet, dass die Zahl der Todesopfer gemessen an der Bevölkerung höher war als für die USA am 11. September.

Doch auch ein Jahr später sind viele Fragen offen. Die letzten sterblichen Überreste wurden erst vor wenigen Wochen identifiziert. Noch immer ist ungeklärt, wer für die Katastrophe verantwortlich ist. "Es gibt ein unglaublich großes Bedürfnis nach Informationen", sagt Trauerbegleiter Jammers.

Die Ermittlungen laufen, der Nationale Untersuchungsrat der Niederlande (OVV), der die Ursachen federführend untersucht, hat bisher nur einen Zwischenbericht vorgelegt. Der endgültige Bericht soll in der ersten Oktoberhälfte veröffentlicht werden, ein Entwurf des Schlussberichts wurde aber bereits Anfang Juni an die Staaten geschickt, die sich an den Untersuchungen beteiligen.

Fotostrecke

16  Bilder
Flugzeugabsturz in der Ukraine: Das tragische Ende von Flug MH17

Hinweise: Boeing wurde von einer Buk-M1-Rakete abgeschossen

Der OVV hatte in seinem Zwischenbericht bereits festgestellt, dass MH17 mutmaßlich durch eine "Vielzahl hochenergetischer Objekte" zum Absturz gebracht wurde (hier finden Sie den Zwischenbericht auf Englisch). Nach Informationen des SPIEGEL kommen die Experten des internationalen "Gemeinsamen Ermittlungsteams", das den strafrechtlichen Aspekten nachforscht, zu einem ähnlichen Schluss. Die Untersuchung von Splittern in den Wrackteilen ergab demnach, dass die Boeing von einer Luftabwehrrakete des Typs Buk-M1 abgeschossen wurde. Laut SPIEGEL mehren sich zudem die Hinweise, dass prorussische Separatisten die Luftabwehrrakete abfeuerten.

Die Regierungen von Malaysia, Australien, Belgien, den Niederlanden und der Ukraine haben sich beim Uno-Sicherheitsrat in New York für ein Uno-Tribunal eingesetzt. "Die Schaffung eines Strafgerichtshofs unter Artikel 7 der Uno-Charta wäre ein starkes Signal, das die internationale Gemeinschaft keine Taten toleriert, die den Frieden und die Sicherheit gefährden", erklärte das belgische Außenministerium. Über den genauen Text wird zurzeit noch verhandelt, kommende Woche soll darüber abgestimmt werden.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat bereits mit Ablehnung reagiert. Eine solche Stelle sei voreilig und kontraproduktiv.

Während sie in New York über die Strafverfolgung diskutieren, werden in Utrecht am Jahrestag Hunderte Hinterbliebene zusammenkommen. Sie werden die Namen aller 298 Opfer vorlesen. Sie werden sich erinnern an den Soldaten, den Wissenschaftler, den Abgeordneten. Genau ein Jahr nach dem Absturz um 15.20 Uhr.

Multimedia-Spezial
Der Autor auf Twitter:

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

Was im neuen SPIEGEL steht und welche Geschichten Sie bei SPIEGEL+ finden, erfahren Sie auch in unserem kostenlosen Politik-Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von den politischen Köpfen der Redaktion.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.