Al Sharptons Grabrede auf Michael Brown Die Stimme der Schwarzen

Er hielt eine emotionale Grabrede auf den Teenager Michael Brown: Der streitbare US-Bürgerrechtler Al Sharpton setzt sich an die Spitze einer neuen Schwarzenbewegung - eine dramatische Wandlung für den einstigen Zündler.

REUTERS

Von , New York


Es ist die Predigt seines Lebens. Al Sharpton steht in der Kanzel, seine Stimme hallt durch die Kirchenränge. "Wir alle sind verpflichtet, darauf zu antworten", donnert er, und sein Finger sticht in Richtung des Sarges vor ihm. "Und wir alle werden das aufklären." Hunderte springen auf, sie toben, brüllen, heulen.

Friendly Temple Missionary Baptist Church in St. Louis: Die Beerdigung des im Vorort Ferguson von einem weißen Polizisten erschossenen schwarzen Teenagers Michael Brown wird zum politisch-religiösen Fanal. Ein charismatischer Redner nach dem anderen tritt auf die Bühne und peitscht die Massen auf.

Und dann: Al Sharpton. "Wir sollten heute nicht hier sitzen und so tun, als sei das alles in Ordnung", mahnt der Bürgerrechtler in seiner flammenden Grabrede. "Dieser junge Mann sollte seine zweite Woche im College sein."

Sharpton verurteilt die Polizei - und im gleichen Atemzug die Plünderungen zu Beginn der Proteste. "Amerika", ruft der Brooklyner Baptistenpriester, und die Kadenzen eines Martin Luther King schwingen durch seine Worte, "wie denkst du, dass wir aussehen?"

Er speckt 70 Kilo ab und verzichtet auf Goldkettchen

Der kontroverseste US-Schwarzenführer trägt ein neues Gewand. Er hat sich an die Spitze einer zuletzt führerlosen Bewegung gesetzt, die durch die Ereignisse von Ferguson Schärfe gewonnen hat. Der einstige Aufrührer, der die Kluft zwischen den Rassen lange nur vertiefte, hat darin seine Berufung gefunden: Stimme der entrechteten Schwarzen - und doch auch Hoffnungsträger einer nationalen Einheit.

Denn wenn Sharpton ruft, horcht Amerika auf. Eine dramatische Wandlung für den einstigen Polit-Paria. Allein optisch: Sharpton speckte 70 Kilo ab und tauschte seine mit Goldketten behängten Trainingsanzüge gegen Nadelstreifen.

Der alte Emissär schwarzer Rage hat sich zum Symbol einer neu entflammten Debatte gestylt. Mehr noch: Sharpton hat die höchste Stufe der hiesigen Einfluss-Leiter erklommen - "bevorzugter Rassenbeauftragter des Weißen Hauses", schreibt das Web-Magazin "Politico".

Schon vorige Woche war Sharpton in Ferguson. "Dies ist ein entscheidender Moment", rief er. Seine Präsenz half, die Gemüter zu beruhigen.

Er war der Tourneemanager von James Brown

Offiziell war er auf Wunsch von Michael Browns Großvater angereist. Inoffiziell aber kam er als Emissär von Präsident Barack Obama, der sich zum Thema Rassismus ja betont zurückhält.

Zwei Männer, zwei entgegengesetzte Naturelle: Der laute Sharpton, so heißt es aus dem Weißen Haus, habe das persönliche Vertrauen des leisen Präsidenten. "Er besitzt eine Glaubwürdigkeit, die sonst keiner hat", sagte ein Obama-Vertrauter zu "Politico".

Das war nicht immer so. Sharpton begann als Tourneemanager des Funk- und Soul-Pioniers James Brown, der seinerseits gerade wieder in den Schlagzeilen ist, dank eines bewegenden Biopics. Wie Brown spielte Sharpton lange und gerne die Rolle des zündelnden Außenseiters.

Die Liste seiner Kontroversen ist lang. 1987 verteidigte er die 15-jährige Tawana Brawley, die behauptete, von sechs Weißen vergewaltigt worden zu sein. Ein Gericht erklärte die Vorwürfe für erfunden, Sharpton wurde wegen Diffamierung verurteilt. Die Episode machte ihn schon früh zum Zerrbild, verewigt in Tom Wolfes Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten".

Keine Rassenunruhe, ohne dass Sharpton nicht zur Stelle war - und die Flammen anfachte. Manchmal buchstäblich: 1995 demonstrierte er in Harlem gegen den Laden eines weißen Geschäftsmanns. Ein Randalierer steckte den Laden später an, sieben Angestellte starben.

"Ich will ihm die Eier abschneiden"

Im Wahlkampf 1992 unterstützte Sharpton nicht Bill Clinton, den Hoffnungsträger der Demokraten - sondern den Bürgerrechtler Jesse Jackson, seinen älteren Mentor und späteren Rivalen. Sharptons politischer Aufstieg schien damit ein für allemal versperrt.

Dann kam Obama. Eigentlich hatte der Jackson als Bürgerrechtsberater erkoren. Doch der ließ sich erwischen, wie er über den Kandidaten herzog: "Ich will ihm die Eier abschneiden."

Sharpton füllte die Lücke. Obwohl sich Obama ihrer unterschiedlichen Art bewusst war, wie die "New York Times" kolportiert: "Reverend, meine Thematik ist ein bisschen anders als Ihre", habe er schon 2004 zu Sharpton gesagt. "Ich will versuchen, alle Amerikaner zu einen."

Daraus wurde bekanntlich wenig - und Sharpton sah seine Stunde kommen. Vor allem dank des Flankenschutzes von Obamas Top-Beraterin Valerie Jarrett fand er im Weißen Haus langsam wieder Rückendeckung.

Es half, dass er seinen Stil milderte, sein Erscheinungsbild änderte und seit 2011 seine eigene Talkshow im Kabelsender MSNBC hat. Inzwischen ist Sharpton ein häufiger Gast der Obamas, etwa bei ihren Super-Bowl-Partys.

Es war denn auch Jarrett, die ihn drängte, nach Ferguson zu fahren. Erst kannte er den Ort gar nicht: "Ferguson, wo ist das denn?" Heute kennt es die ganze Welt - und ihn.

Chronologie

insgesamt 9 Beiträge
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Zhukov45 25.08.2014
1. Lachhaft
Der "einstige Aufrührer"? Totaler Schwachsinn. Sharpton ist immer noch der selbe. Er mag zwar abgespeckt haben und trägt keine Goldketten mehr, aber sonst ist immer noch alles beim alten.
gandhiforever 26.08.2014
2. Schoen, dass
Al Sharpton zur Maessigung aufruft, Pluenderungen verurteilt. Ohne die Ermordung von Michael Brown durch Darren Wilson haette es diese verwerflichen Pluenderungen alllerdings nicht gegeben. Wo bleibt auf der anderen Seite die Maessigung der Hannity-Fans? Als da friedliche Demonstranten mit erhobenen Haenden "D'ont shoot" riefen, hatten die Rassisten eine Antwort bereit. Sie riefen "Shoot". Wo wurde hier im Spiegel uebrigens erwaehnt, dass der Todesschuetze vor Ferguson in einer Polizeieinheit in der Naehe taetig war, die aufgeloest wurde, weil ihre Vorgehensweise untragbar beworden war? Wo wurde erwaehnt, dass die Jugend dieses Mannes alles andere als harmonisch war, er nicht gerade gute Voraussetzungen mitbracht fuer den Dienste mit der Waffe? Hier in den Foren haben viele Deutsche, die sich gar nicht vorstellen koennen, was fuer Leute hier in den USAbei der Polizei zugelassen werden, Partei fuer Darren Wilson ergriffen. Wilson hat sich uebrigens bisher bewusst nicht zu dem Fall geaeussert, auch wenn es Berichte gegeben hat, die sich auf ihn beriefen. Da hat ein Wilson-Gleichgesinnter sich fuer die Sache Wilsons stark gemacht, in dem er Sachen erfand, Sachen, die wilson entlasten, Brown belsaten sollten. Auch wenn meine letzten Abschnitte sich nicht mehr mit Sharpton befassen, hoffe ich doch, dass der Beitrag freigeschaltet wirde, denn zuviel wurde basierend auf zu wenig in den betreffenden Foren geaeussert.
berndnyc 26.08.2014
3. Interessanter NY Times Artikel
Dieser Artikel erschien heute in der NY Times: http://www.nytimes.com/2014/08/25/nyregion/a-slimmed-down-sharpton-savors-an-expanded-profile.html?module=Search&mabReward=relbias:s,{"1":"RI:11"}&_r=0 Irgendwie erscheint mir der Spiegel Artikel abgeschrieben...Plagiat ohne Zitierung?
seemann56 26.08.2014
4. Die Stimme der Schwarzen ???
Sharpton (und seine organisation National Action Network) hat sicherlich eine wichtige funktion aber die Stimme der Schwarzen in den USA ist (und war schon immer) weit vielfaeltiger als der Artikel anbietet. Von der NAACP zur national urban league, von der Moral Monday und den Dream Defender ist die groesste und einflussreichste organization neben der AME kirche immer noch der legal defense fund, gegruendet von thurgood Marshall. Was neu ist dass alle diese organizationen sich gegenseitig unterstuetzen und dass immer mehr frauen an der Spitze dieser organizationen stehen. Genau wie blues, rap, gospel und jazz die vielfaeltikeit der Schwarzen Musik darstellen ist auch die Stimme der Schwarzen Bewegung recht vielfaeltig und es waehre ein Fehler sie einseitig auf Sharpton fixierend zu sehen
richard_toni3 26.08.2014
5. Politiker
Also wie es im Artikel steht ist dieser Al sharpton auch nur ein Politiker der jede Gelegenheit nutzt um Wähler zu gewinnen
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