Michael Kretschmer: »Hören Sie auf, so einen Unsinn zu erzählen!«

Michael Kretschmer: »Hören Sie auf, so einen Unsinn zu erzählen!«

Foto: Robert Michael / picture alliance / dpa
Peter Maxwill

Dialog mit »Querdenkern« Mit Rechten reden, aber richtig

Mutmaßliche Wut- und Reichsbürger haben Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer zu Hause besucht. Das Gespräch scheiterte, obwohl der Politiker alles richtig machte. Ein Lehrstück in vier Akten.

Tja, was hätten Sie getan? Da schaufelt man gerade den Schnee aus der Einfahrt, als ungefähr 30 Leute auftauchen und unverhohlen zum Streitgespräch auffordern. Ins Haus flüchten? Die Polizei rufen? Den Pulk mit der Schippe vertreiben?

Michael Kretschmer entschied sich am Sonntag in Großschönau bei Zittau fürs Gespräch. Der sächsische Ministerpräsident stellte die Schaufel zur Seite, zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch – und hörte erst mal zu. Ein fast halbstündiges YouTube-Video dokumentiert, was dann geschah.

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Die Empörung ist seither groß: Die grüne Landesjustizministerin Katja Meier bezeichnete den Vorfall am Wohnhaus des Regierungschefs als »Tabubruch« , Landtagspräsident Matthias Rößler von der CDU forderte Konsequenzen . Die »Süddeutsche Zeitung«  erkannte in der Aktion gar ein »Frühstadium jenes autoritären Furors, der ein Rudel Trumpisten in Washington die Treppen des Kapitols hinauftrieb«.

Stimmt alles. Und trotzdem lässt sich aus dem Vorfall mehr schöpfen als Empörung und Frust: Mag Kretschmer in der Pandemiepolitik noch so viele Fehler gemacht haben, in der Auseinandersetzung vor seinem Haus machte er so ziemlich alles richtig. Und das Video von dem Vorfall zeigt, wie auch Menschen ohne Regierungsverantwortung mit neurechten Pöblern, erzkonservativen Verwandten und pseudointellektuellen Verschwörungsideologen umgehen können.

1. Hallo erst mal: Konstruktiv und freundlich sein

Noch harmloser kann ein Gespräch kaum beginnen: »Guten Morgen«, schallt es Kretschmer wie aus einem Chor entgegen, man wünscht sich ein gutes neues Jahr, dann trägt ein Herr mit Brille und grauem Bart das Anliegen der Gruppe vor: »Wir möchten, dass der Lockdown so schnell wie möglich beendet wird, das ist unser Hauptwunsch.«

Kretschmer antwortet höflich und sachlich, es entwickelt sich ein zunächst vergleichsweise konstruktiver Wortwechsel, selbst die Polizei schreibt später von einer Konversation »ohne besondere Vorkommnisse« .

Warum sollte der CDU-Politiker dieses Gespräch gleich zu Beginn abbrechen? Selbst später, als die ersten Teilnehmer über ein »System der Angst und Panikmache« schwadronieren, gibt er nicht auf – und zwar zu Recht.

2. Warte mal: Auf Regeln des Dialogs pochen

Natürlich muss und darf man sich nicht alles bieten lassen, das tut Kretschmer auch nicht. Mehrfach fordert er dazu auf, sich gegenseitig ausreden zu lassen, bisweilen wird er auch lauter: »Ruhe«, fährt er im Lauf des etwa 20-minütigen Gesprächs etwa einen Mann an. »Bevor wir beide weiter reden, gehen Sie mal in ein Pflegeheim und erkundigen sich«. Als wenig später jemand behauptet, bislang sei niemand an Corona gestorben, wird Kretschmer noch deutlicher: »Hören Sie auf, so einen Unsinn zu erzählen!«

Es wäre mehr als nachvollziehbar, bräche Kretschmer dieses Gespräch nun entnervt ab, aber er bleibt standhaft – vielleicht, weil es zu diesem Zeitpunkt noch berechtigte Hoffnung darauf gibt, dass der Austausch an diesem Sonntagmorgen zumindest einigen Beteiligten etwas bringt.

Es wäre auch problematisch, solch ein Gespräch schon deshalb abzubrechen, weil das Gegenüber offenkundigen Unfug redet: Wie sollen Verschwörungsideologien eingehegt oder humanistische Ideale verbreitet werden, wenn niemand mehr dafür streitet und andere Menschen zu überzeugen versucht?

3. Moment mal: Vorsichtig sein

Kretschmer bemüht sich tapfer, die zunehmend aufgebrachte Meute zu einem zivilisierten Gespräch zu bewegen. »Gibt es jemanden, der noch eine ernsthafte Frage hat? Oder gibt es nur noch Schreihälse?«, fragt er einmal, und tatsächlich kommt es daraufhin erneut zu einer Debatte.

Warum aber lässt Kretschmer sich all das bieten, an einem Sonntag vor dem Haus seiner Familie? Einerseits ist das seit Langem sein Stil, immer wieder sucht er das Gespräch auch mit vehementen Gegnern seiner Politik. Andererseits erkennt er an diesem Morgen offenbar, dass keine akute Gefahr von den ungebetenen Gästen ausgeht: Die Leute stehen auf der Straße, niemand geht Kretschmer körperlich an, weder Waffen noch sonstige potenziell gefährliche Gegenstände sind zu erkennen.

Später sagt Kretschmer der Nachrichtenagentur dpa, er habe die Situation nicht als bedrohlich empfunden: »Es ist mir wichtig mit den Menschen zu reden, in der Hoffnung, sie zu überzeugen.« Trotzdem beendet Kretschmer schließlich das Gespräch, aus gutem Grund.

4: Stopp mal: Abstand halten zu Extremisten

Eine Situation, die auf keiner Aufnahme zu erkennen ist, führt zum Ende des Gesprächs: Kretschmer spricht eine Frau darauf an, dass sie sich gerade ein Halstuch in den Farben der Reichskriegsflagge ins Gesicht ziehe und wirft ihr vor, »Reichsbürgerin« zu sein. Ein Mann behauptet, das habe nicht mit Nazis zu tun, woraufhin Kretschmer abwinkt und geht.

Mag sein, dass der Ministerpräsident früher hätte erkennen können, was für Leute sich da vor seinem Haus versammelten. Auf einem Plakat etwa stand folgender Spruch: »Wer Völkermord betreibt, hat das eigene Lebensrecht verwirkt!« Die Konsequenz, die der CDU-Politiker schließlich zog, war jedenfalls die einzige richtige: Mit Verschwörungsgläubigen und Extremisten ist Dialog unmöglich, weil sie nicht am Austausch von Argumenten interessiert sind, sondern nur an der Verbreitung ihrer Ideologie. Es ist deshalb brandgefährlich, solchen Menschen eine Bühne zu bieten, sie zu Diskussionen einzuladen oder ihnen ein Mikrofon hinzustellen.

Michael Kretschmer hat die Menschen vor seinem Haus nicht eingeladen, er hat ihnen ihre Unwahrheiten nicht durchgehen lassen und das einzige Richtige getan: Er beendete das Gespräch.

Kretschmer hat sich damit im Grunde an die Regeln gehalten, die in ähnlicher Form seit Langem in den Nutzungsbedingungen und Netiquetten von Onlineforen und sozialen Medien festgehalten sind: diskutieren ja, aber nur bis zu bestimmten Grenzen. In der realen Welt sind diese Regeln noch wichtiger als im Internet: Rechte Freaks auf Facebook lassen sich mit einem Klick stumm schalten, rechte Freaks auf der Familienfeier nicht.

Der Vorfall im sächsischen Großschönau zeigt auch, woran die seit Jahren schwelende Debatte über das »Reden mit Rechten« krankt: Die einen fordern maximale Dialogbereitschaft von allen Seiten, die anderen halten jeden Dialogversuch mit Rechten für toxisch. Die Wahrheit aber ist komplexer, weil für den Umgang mit bewaffneten Neonazis oder rechtsextremen Berufspolitikern natürlich nicht das Gleiche gelten kann wie für den Plausch mit dem erzkonservativen Großonkel an Weihnachten.

Manche Menschen sind für rechte Propaganda empfänglich, aber auch sachlichen Argumenten gegenüber aufgeschlossen – um sie geht es. Damit sie für die Demokratie nicht verloren gehen, braucht es mehr ungemütliche Dialoge. Michael Kretschmer ist mit diesem Vorsatz diesmal gescheitert. Aber den Versuch war es definitiv wert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.