Migranten im DFB-Dress "Aus dem Traum muss Alltag werden"

Khedira, Boateng, Özil - nie zuvor kickten in der deutschen Elf so viele Spieler mit Migrationshintergrund. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Sportsoziologe Diethelm Blecking, warum solche Karrieren jahrzehntelang in Deutschland nicht möglich waren und was der DFB dazugelernt hat.

dpa

SPIEGEL ONLINE: Statt für Kohler, Matthäus, Brehme begeistern sich die Deutschen bei dieser WM für Khedira, Boateng und Özil. Niemals zuvor kickten in der deutschen Nationalmannschaft so viele Spieler mit Migrationshintergrund. Warum hat das so lange gedauert?

Blecking: Die Nationalmannschaft spiegelt mittlerweile die Realität einer Einwanderergesellschaft. Zuwanderer versuchen über Leistungssport aufzusteigen und Karriere zu machen, unser Bildungssystem verschließt ihnen diese Möglichkeit leider auf vielen anderen Ebenen.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum geschieht diese Entwicklung erst jetzt? Die Gastarbeiter kamen doch schon in den Sechzigern nach Deutschland?

Blecking: Das ist eine falsche Perspektive. Wir haben seit 1908 eine Nationalmannschaft und schon immer haben dort Zuwanderer mitgespielt: Abramczik, Adamkiewicz, Aogo, Asamoah, Owomoyela, Tilkowski, Trochowski…

SPIEGEL ONLINE: …genug, genug, wir haben es verstanden.

Blecking: Wir hatten mittlerweile über 100 Nationalspieler mit ausländischen Wurzeln, nur nahmen wir die lange Zeit nicht wahr. Jupp Posipal, der Held von '54, besaß zum Beispiel einen rumänischen Pass, und Rainer Bonhof, der Held von '74, einen niederländischen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch hat sich aber inzwischen unzweifelhaft etwas verändert. Elf der 23 derzeitigen deutschen Nationalspieler haben einen Migrationshintergrund, in der U19 sind es sogar zwei Drittel. Warum war das nicht schon früher möglich?

Blecking: Es musste erst zur Krise des deutschen Fußballs kommen, ehe sich etwas so Grundsätzliches ändern konnte. Nach dem schlechten Abschneiden bei der WM 1998 und der EM 2000 merkte man, dass ein Großteil der Talente in der Bundesrepublik unentdeckt geblieben war, ungefördert, und diese Verschwendung hat man damals unbedingt abstellen wollen. Seither ist viel passiert. Der DFB macht inzwischen eine vorbildlich professionelle Jugendarbeit, von der auch Migranten stark profitieren. Gleichzeitig gibt es auch einen gesellschaftlichen Diskurs über Integration.

SPIEGEL ONLINE: Sind denn Migranten vorher an einer großen Fußballerkarriere gehindert worden?

Blecking: Das ist wissenschaftlich noch nicht hinreichend untersucht worden, aber es gibt Anzeichen dafür, dass es so war. In Interviews ist immer wieder davon zu lesen, dass sich türkische Spieler in ihren Vereinen nicht ihren Leistungen entsprechend eingesetzt fühlten. Da hat wohl schon eine Art negativer Diskriminierung stattgefunden, man kann es auch Ausgrenzung nennen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ein Beispiel geben?

Blecking: Der erste Türke in einem hochklassigen deutschen Club war ein gewisser Çoskun Ta, türkischer Nationalspieler, der mit dem 1. FC Köln im Jahr 1960 um die Deutsche Meisterschaft spielte. In der entscheidenden Partie wurde er nicht eingesetzt, obschon er zuvor hervorragend aufgelegt war. Man sagte ihm, man könne es dem Publikum nicht zumuten, einen Türken auflaufen zu lassen. Diese informellen Ausgrenzungen im Fußball gab es jahrzehntelang immer wieder.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist nun Vergangenheit?

Blecking: Ich denke schon. Der DFB ist jedenfalls auf einem sehr guten Weg.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Erfolg dieser "bunten" Nationalmannschaft für das Verhältnis junger Migranten zu ihrer neuen Heimat Deutschland?

Blecking: Für die, die Fußball spielen, ist diese tolle WM unheimlich wichtig. Özil, Boateng, Trochowski - das könnten Rollenvorbilder werden.

SPIEGEL ONLINE: Und für die übrigen?

Blecking: Entscheidend wird sein, ob wir diesen auf dem Rasen gelebten kosmopolitischen Traum in den Alltag übersetzen können. In Frankreich hat man das nach dem WM-Titel 1998 auch gehofft, es aber nicht geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Was ist zu tun?

Blecking: Wir erleben jetzt eine virtuelle Gemeinschaft, alle freuen sich, Jung und Alt, Arm und Reich, das ist aber eine sehr flüchtige Angelegenheit. Es kommt daher darauf an, ob über diesen Erfolg bald schon Geschichten erzählt werden, ob es Künstler, Wissenschaftler, Journalisten geben wird, die diesen Traum des "bunten" Deutschlands in den Alltag überführen.

SPIEGEL ONLINE: Wird das gelingen?

Blecking: Ich bin vorsichtig optimistisch.

Das Interview führte Jörg Diehl

insgesamt 116 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
meisterschlau 24.02.2015
1. Auf Thema antworten
die spitzenleistung zur em2000 mit ribbeck/stielike war das fanal schlechthin. da ist die rentertruppe im dfb endlich aufgewacht. bis auf den kleinen einbruch bei der 2m2004 ging es für die NM eigentlich stetig auf-und vorwärts.
kurtwied, 24.02.2015
2. Fehl-Analyse.
Er sagt doch, dass es schon immer Migranten im Team gab - und am Tiefpunkt z.B. 2000 kann ich mich noch an einen eingebürgerten Brasilianer im Deutschen Sturm erinnern - dass muslimische Migranten so lange keine Rolle gespielt haben, hatte mit dem mangelnden Willen dieser Migrantengruppe zu tun, sich mit Deutschland zu identifizieren. Man wollte Türke etc. bleiben. Die Qualiätssteigerung hat allerdings mit der Nachwuchsförderung zu tun - und da immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund in unserer Gesellschaft sind, spiegelt sich das auch bei den jungen Talenten wieder.
c++ 07.07.2010
3. und was sagt uns das jetzt?
Richtig, Nationalspieler mit Migrationshintergrund gab es schon immer, über 100. Warum jetzt auch Farbige und Moslems? Na, weil es sie früher hier nicht gab. Der Anteil der Nationalspieler mit Migrationshintergrund wächst, weil der Anteil in der jungen Bevölkerung wächst. Dass die alten Herren vom Fussballverband einige Jahre brauchten, um dies zu realisieren, verwundert nicht. Und dass der Anreiz größer ist, über Sport zu Wohlstand zu gelangen statt durch Bildung, liegt nicht am bösen Bildungssystem, da irrt der Soziologe. Aber so pflegen nicht nur die alten Herren vom DFB ihre Vorurteile.
tom_vander 07.07.2010
4. Unnötige Hervorhebung
In sämtlichen Organen unserer Gesellschaft wird dieses Thema so oft wiederholt, dass der gemeine Bürger gelangweilt und manchmal genervt ist! Es gibt auch genügend positive Beispiele, in denen Einwanderer ihre Chancen in einem Land wie Deutschland gut nutzten! Immer nur Alle Probbleme auf das System zu schieben, ist dieselbe Polemik, wie andersherum. Jetzt muss auch noch der Fussball herhalten, um dieses Thema breit zu treten. Man wird sich wundern, wenn es wie ein Bumerang zurück kommt. das optimale wäre, wenn eine Abgrenzung, der erfolgreich integrierten Mitglieder einer Mannschaft schon durch diese Begriffstrennung vermieden würde.
hatem1 07.07.2010
5. Aufstieg
Klar haben Migranten in der Nationalmannschaft Signalwirkung: Man kann es schaffen. Nur wird dieser Traum für die wenigsten Wirklichkeit werden. Allein schon, weil es im Nationalteam nur 11 Spieler gibt...;-) Was ich allerdings auf Kreis- und Bezirksliga-Ebene erlebe, ist ein anderes Bild: Da spielen zum Teil ethnisch homogene Mannschaften, schon an den Clubnamen ablesbar und es gibt oft Zoff und Gewalt auf dem Spielfeld, meist geht es um die "Ehre". Ob so Integration erreicht wird, wenn Migranten sich selber abschotten, wage ich zu bezweifeln. Völlig unverständlich allerdings ist folgende Aussage aus dem Interview: "Zuwanderer versuchen über Leistungssport aufzusteigen und Karriere zu machen, unser Bildungssystem verschließt ihnen diese Möglichkeit leider auf vielen anderen Ebenen." Dürfen türkischstämmige Schüler in Deutschland kein Gymnasium besuchen? Ist es arabischstämmigen Schülern verboten, Abitur zu machen? Gibt es ein Studierverbot für Kinder afrikanischer Väter?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.