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29. August 2013, 09:57 Uhr

Multimillionär Roland Paxino

Gefängnis Deutschland

Von , Frankfurt am Main

Multimillionär Roland Paxino ist ein erfolgreicher Unternehmer: Der 61-Jährige betreut Firmen in Iran und Russland, plant weitere in Indien und Asien. Doch seit Monaten sitzt er in Deutschland fest - wegen eines dubiosen Interpol-Haftbefehls aus Dubai.

Im schwarzen Rolls-Royce mit goldenem Dach gleitet Roland Paxino durch das siedendheiße Dubai. Er ist auf dem Weg zu Scheich Raschid, dem Prinzen von Adschman, dem kleinsten der sieben Emirate, etwa 20 Kilometer von Dubai entfernt. Im Palast des Prinzen, der eine funkelnde Rolex am Handgelenk trägt, spaziert Paxino durch dessen Gemächer. "Die Mischung aus Antik und Moderne ist genau mein Geschmack", sagt er damals. Später sitzen sie gemeinsam an der hoheitlichen Tafel, speisen und fachsimpeln über gemeinsame Geschäfte, so erinnert sich Paxino.

Sein Besuch im Palais liegt drei Jahre zurück. Fünf Jahre lang hat Paxino im Hilton in Dubai gelebt, in Apartments investiert, mit Scheichs Geschäfte gemacht, Millionen gescheffelt. Er kehrte der Stadt am Persischen Golf den Rücken, als die Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort zermürbend wurde. "Das ist ein Schurkenstaat", sagt Paxino.

Heute hat der 61-Jährige eine eindeutige Meinung zu Adschman, und sie manifestierte sich jäh: Mit Freunden reiste Paxino im vergangenen August nach Kroatien. Er wunderte sich über die nicht enden wollende Prozedur der Personenkontrolle. Plötzlich präsentierten die Grenzbeamten einen Haftbefehl - und nahmen ihn fest.

Barfuß in schwarzen Lackslippern sitzt Paxino in der Kanzlei seines Rechtsanwalts Oliver Wallasch in Frankfurt am Main - und erinnert sich an diesen denkwürdigen Moment. Es dauerte, bis er erfuhr, was ihm überhaupt vorgeworfen wurde: Er soll in Dubai einem Geschäftspartner einen Scheck über 100 Millionen Dollar ausgestellt haben, der nicht gedeckt war. In seiner Abwesenheit hatte ihn ein Gericht wegen Betrugs zur Höchststrafe von drei Jahren verurteilt. Zudem hatten die Vereinigten Arabischen Emirate gegen den Deutschen bei Interpol eine sogenannte Red Notice erwirkt.

Die Polizeiorganisation unterstützt mit seinen "roten Notizen" die internationale Fahndung und informiert regelmäßig die 190 Mitgliedstaaten über Verdächtige - mit dem Ziel ihrer Festnahme und Auslieferung. Eine Verhaftung anordnen kann Interpol jedoch nicht. Im Jahr 2009 veröffentlichte Interpol insgesamt 5020 Fahndungsaufrufe.

"Ich hatte solche Angst"

Wochenlang hockte Paxino mit einem anderen Gefangenen in einer fast fensterlosen Zelle in einem kroatischen Knast. Die deutsche Botschaft in Zagreb nahm Kontakt zu Paxino auf. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagt nur: "Der Betroffene wurde während seiner Haft in Kroatien von der deutschen Botschaft konsularisch betreut." Eine Formulierung, die erahnen lässt, wie alleingelassen sich Paxino mit dem Vorwurf gefühlt haben muss, denn er drängte darauf, eine Kopie des angeblichen Schecks einzusehen, doch in 60 Tagen Auslieferungshaft gelang es den kroatischen Behörden nicht, ein solches Dokument oder auch sonst irgendwelche Unterlagen zu besorgen.

Nur ein Vernehmungsprotokoll wurde ihm eines Tages vorgelegt: Von dem Mann, der den ominösen Scheck von Paxino entgegengenommen haben soll. Die Einvernahme umfasst sieben Fragen, von denen der Mann drei einsilbig mit "No" beantwortet, Nachfragen von den Ermittlern in Dubai erfolgten nicht. Die kroatische Staatsanwaltschaft sah keine Voraussetzungen für eine Auslieferung und ließ Paxino frei.

Ein paar Monate trieb sich Paxino in Kroatien herum und floh schließlich bei Dunkelheit von Split, der größten Stadt Südkroatiens, mit einem Boot übers Meer hoch nach Slowenien, wo ihn ein Freund mit dem Auto aufnahm und bei Nacht und Nebel über Österreich nach Deutschland fuhr. "Als Deutscher ist er wegen des Auslieferungsgesuchs nirgendwo so sicher wie in seinem Heimatland", sagt Wallasch, Paxinos Rechtsanwalt.

Im Falle einer Festnahme droht Paxino die Auslieferung nach Dubai und dort ein unfaires Verfahren. Denn Wallasch hat inzwischen herausgefunden, dass Paxino den besagten Scheck persönlich am 25. April 2011 in Dubai übergeben haben soll. Doch Paxino hatte das Land bereits am 22. Dezember 2010 verlassen und seither nicht mehr betreten. Seine Pässe belegen das. "Niemand auf dieser Welt hat bislang den Scheck oder eine Kopie gesehen: weder die Frankfurter Staatsanwaltschaft, noch Interpol oder das Bundeskriminalamt", konstatiert Wallasch. Dennoch wurde Paxino in Abwesenheit in Dubai verurteilt.

"Diese Red Notice ist virulent", sagt Wallasch. "Herr Paxino ist in der Bundesrepublik gefangen, solange die Red Notice gültig ist. Sie ist für ihn außerhalb Deutschlands gleichzusetzen mit einem großen Gefängnis."

Vorsicht vor der "Herrscherfamilie"

Es sollte eigentlich auch in Deutschlands Interesse sein, dass die Red Notice gegen Paxino aufgehoben wird, denn sie behindert ihn in seinen Geschäften: Er arbeitet für die Firma Doobacco, die in Deutschland Marktführer in Sachen Tabak und Liquids für die E-Zigarette ist. Allein für die letzten zwölf Monate hat das Unternehmen 593.934 Euro Tabaksteuer gezahlt und etwa 400.000 Euro Umsatzsteuer abgeführt. Paxino betreut Produktionen in Europa, Iran und Russland und plant weitere Standorte in Indien und Asien. Er werde gebraucht, sagt er, und er könne nicht um die Welt reisen, wie er müsste.

"Ich bin ein Schaffer, Arbeiten ist mein Lebenselixier", sagt der Unternehmer, der sein Chemiestudium in Freiburg nach dem Vordiplom hinschmiss, eine Werbeagentur gründete und seither immer neue Firmen aufbaut und sie abstößt, sobald sie genug Gewinn abwerfen. "Wenn ich den Erfolg erreicht habe, wird es mir langweilig", sagt er und lacht kurz auf. Dabei ist ihm das Lachen längst vergangen: Sein Fall zeigt, wie das zweifelhafte Vorgehen eines Justizsystems die Freiheit eines Menschen einschränken kann. Und wie machtlos er demgegenüber ist.

Paxino könne entweder "persönlich oder vertretend durch einen Rechtsbeistand bei den Behörden in Dubai seinen Fall neu verhandeln lassen und eine Aufhebung beantragen", erklärte Interpol. Er könne sich aber auch direkt an das CCF, eine Art Komitee, das die Interpol-Akten verwaltet, wenden. Das hat er längst getan, der Antrag wurde mittlerweile abgewiesen. Begründung: Man könne nicht in die Akten in Dubai schauen, ansonsten habe man nichts Rechtwidriges feststellen können.

Von deutschen Behörden kam keine Unterstützung mehr. Paxino hat sich mittlerweile über seinen Anwalt an Außenminister Westerwelle gewandt - und auf den Fall der norwegischen Staatsangehörigen hingewiesen, der zuletzt in Deutschland für Schlagzeilen sorgte und ein Schlaglicht auf den Rechtsstaat Vereinigte Arabische Emirate wirft.

Aus Dubai - über Mittelsmänner des Scheichs - hat Paxino Nachrichten erhalten: Man könne alles regeln. Idealerweise mit einer Zahlung in Höhe von zwei Millionen Dollar, dann sei "die Sache" aus der Welt geschafft.

Paxinos Rechtsbeistand in Dubai - immerhin mit Kanzlei auch in New York - hat den Fall nun hingeschmissen. Gegen die "Herrscherfamilie" vorzugehen, sei weder erfolgsversprechend noch ratsam für einen Anwalt, der weiter in diesem Land sein Brot verdienen wolle.

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