Missbrauch an Odenwaldschule Mehr Opfer als bisher bekannt

Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule ist schlimmer als bisher bekannt: Laut Direktorin Margarita Kaufmann haben sich weitere Opfer gemeldet. Die Zahl der beschuldigten Lehrer ist auf acht gestiegen. Nun sollen noch mehr frühere Schüler befragt werden.

Goethehaus der Odenwaldschule: Acht frühere Lehrer stehen unter Verdacht
REUTERS

Goethehaus der Odenwaldschule: Acht frühere Lehrer stehen unter Verdacht


Heppenheim - Der Missbrauchsskandal an der renommierten Odenwaldschule im südhessischen Ober-Hambach weitet sich aus: Wie Schulleiterin Margarita Kaufmann am Donnerstag berichtete, hat sich die Zahl der beschuldigten Lehrer inzwischen von drei auf acht erhöht. Mittlerweile hätten sich 33 Missbrauchsopfer bei der Schule gemeldet, rund 40 Prozent davon seien ehemalige Schülerinnen.

Die Internatsleitung war bislang davon ausgegangen, dass in den siebziger und achtziger Jahren 24 Schüler sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren. Die Fälle sind jedoch verjährt.

Einige der beschuldigten Lehrer sind laut Kaufmann bereits ab 1966 an der Schule tätig gewesen. Der letzte habe das Internat 2001 verlassen. Sie kündigte an, die Schulleitung werde in den kommenden Wochen nun auch die ehemaligen Schüler anschreiben, die vor 1970 und nach 1985 die Odenwaldschule besuchten. Auf die erste Tranche von 900 Briefen an frühere Schüler habe die Schule eine Flut von Zuschriften und Anrufen bekommen.

Die Schulleitung zeigte sich nach den folgenden Gesprächen mit früheren Schülern "erschüttert und beschämt". Kaufmann sagte: "Wir haben die ehemaligen Schüler um Vergebung gebeten. Die Odenwaldschule hat große Schuld auf sich geladen." Nichts könne das Leid ungeschehen machen.

Eine ehemalige Schülerin hat laut Kaufmann erzählt, sie sei als Zehnjährige von ihrem Musiklehrer missbraucht worden, der sie in seine Wohnung zu Zusatzübungen bestellt habe. Beschuldigt worden sei auch der ehemalige Schulleiter - die Kinder mussten in sein Schlafzimmer kommen, wenn sie telefonieren wollten.

Die Odenwaldschule hatte die Pressekonferenz einberufen, um über neue Erkenntnisse zu ihren Missbrauchsfällen zu informieren. In der vergangenen Woche war erstmals bekannt geworden, dass Pädagogen des renommierten Internats Schüler als "sexuelle Dienstleister" eingeteilt hatten. Die Schulleitung bestätigte kurz darauf Missbrauchsfälle und versprach Aufklärung.

hut/dpa/apn

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Björn Borg 11.03.2010
1. Aufklärung ist unabwendbar
Zitat von sysopDer Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule ist schlimmer als bisher bekannt: Laut Direktorin Margarita Kaufmann haben sich weitere Opfer gemeldet. Die Zahl der beschuldigten Lehrer ist auf acht gestiegen. Nun sollen noch mehr frühere Schüler befragt werden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,683048,00.html
Wenn die ehemaligen und die heutigen OSO-Schüler den Ruf (oder sogar den Erhalt) Ihrer Schule retten wollen, dann müssen Sie erstens sich schonungslos selbst hinterfragen (was habe ich gesehen, was habe ich von anderen gehört, warum habe ich selbst nichts unternommen?), zweitens alles an die Öffentlichkeit bringen, das heißt mindestens an die derzeitige Schulleitung, sofern man ihr den Aufklärungswillen noch abkauft, drittens mithelfen aufzeigen, wo genau ein Schnitt gemacht werden kann, das heißt, ab welchem Zeitpunkt gab es solche Vorfälle nicht mehr an der Odenwald-Schule (oder gibt es sie bis in die jüngste Zeit?), viertens alle glaubwürdig als Täter beschuldigten Personen umgehend aus dem Schuldienst entfernen und ggf. suspendieren, fünftens alle Personen, denen man den Missbrauch nachweisen kann, strafrechtlich belangen (und zwar ungeachtet dessen, was sie vielleicht auch Gutes getan haben mögen), sofern dies juristisch noch möglich ist, und ebenso diejenigen, die nachweislich von dem Missbrauch gewusst und ihn gedeckt haben, sechstens Strukturen an der Schule hinterfragen (Lehrer als Familienoberhäupter!?), die so etwas möglich gemacht haben, siebtens solche Strukturen unverzüglich verändern, achtens unter den derzeitigen und zukünftigen Schülern ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es sich bei sexuellem Missbrauch eben nicht um harmlose Spielchen handelt, mit denen Lehrer Schüler(inne)n zeigen dürfen, dass sie sie mögen, neuntens neutrale Anlaufstellen schaffen für Schüler, die sich dennoch zukünftig bedrängt fühlen, und zehntens dieses möglicherweise erfolgreiche Rezept zur Abwehr und Vorbeugung gegen sexuellen Missbrauch an von Schutzbefohlenen auch an andere (Internats-)Schulen sowie in andere Bereiche der Gesellschaft hinein tragen. Nur wenn dies radikal in Angriff genommen wird, können die OSO-Schüler(innen) im April 2010 vielleicht doch noch stolz ihr hundertjähriges Jubiläum feiern.
HAJ 11.03.2010
2. Tradition wirkt, auch im Negativen
Es dauert sehr, sehr lange, eine Reputation zu erlangen, und blitzschnell geht sie verloren. Die Odenwaldschule wird nie wieder ihren früheren Ruf erlangen können. Niemand wird die Fälle von sexuellem Missbrauch vergessen können, wenn die Entscheidung darüber ansteht, ob er seine Kinder hinschickt. Tradition entsteht über Generationen, und man kann nicht einfach eine Episode löschen, insbesondere, wenn sie so kurze Zeit zurückliegt. Wir müssen mit Bedauern von der idealisierten pädagogischen Vision der Landerziehungsheime Abschied nehmen. Zu Recht treffen diese Zweifel aber auch andere Internate. Eltern können nicht sicher sein, dass sie unbekümmert ihre Erziehungsgewalt und -verantwortung weitgehend delegieren können. Es würde mich wundern, wenn die Odenwaldschule in 5 Jahren noch existiert, und gleiches gilt für die anderen genannten Internate. Ich kann es auch als Schüler, der sehr von seinem Internatsaufenthalt profitiert hat, nicht bedauern. Die Zeiten von Ideologie-geprägten Erziehungseinrichtungen sind passé.
MadMad 11.03.2010
3. ,,,
Die Fragmente der Pressekonferenz, die im Radio zu hören waren, waren sehr bedrückend. Da muss die Direktorin sich hinstellen und die Straftaten von Kollegen angeben und hat selbst nur Verachtung, Wut und Trauer im Kopf. Die Direktorin tut mir leid (auch wenn es ihr natürlich nicht so schlimm erging wie den Opfern). Wie soll es "ihrer" Schule nun ergehen ? Ich hoffe, dass man es schafft irgendwann wieder zur Tagesordnung überzugehen. Dabei darf man aber nicht vergessen die Täter zu bestrafen und die Opfer zu behandeln. Was sind die Täter nur für Menschen ?! MadMad von www.diemeinungen.de
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