Durch Gutachten belasteter Papst Benedikt XVI. will für Missbrauchsopfer beten

Das Missbrauchsgutachten von München belastet Benedikt XVI. schwer. Der 94-jährige emeritierte Papst lässt in einer ersten Reaktion sein Bedauern ausdrücken, schweigt aber zu den Vorwürfen.
Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (Archivbild): »Scham und Bedauern«

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (Archivbild): »Scham und Bedauern«

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Sven Hoppe / AP

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. bedauert nach den Worten seines Privatsekretärs Georg Gänswein den Missbrauch von Kirchenbediensteten an Minderjährigen.

»Der emeritierte Papst drückt, wie er es bereits mehrmals in den Jahren seines Pontifikats getan hat, seine Scham und sein Bedauern aus über den von Klerikern an Minderjährigen verübten Missbrauch aus (sic) und erneuert seine persönliche Nähe und sein Gebet für alle Opfer«, zitierte das Medienportal »Vatican News«  Gänswein.

Benedikt, der mit bürgerlichem Namen Joseph Ratzinger heißt, habe »bis heute Nachmittag« das Gutachten der Kanzlei Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) nicht gekannt und wolle es in den kommenden Tagen studieren und prüfen, teilte Kurienerzbischof Gänswein weiter mit. Benedikt XVI. lebt seit seinem Amtsverzicht in einem Kloster im Vatikan.

Vorwürfe gegen Ratzinger

Das Gutachten lastet dem heute 94-Jährigen Fehlverhalten im Umgang mit sexuellem Missbrauch in seiner Zeit als Erzbischof der Erzdiözese München-Freising an. Benedikt XVI. wies die Vorwürfe laut der verantwortlichen Anwaltskanzlei in allen Fällen zurück. Er habe umfangreich Stellung zu den Vorwürfen genommen und fehlende Kenntnis geltend gemacht. Das sei jedoch mit ihrer Aktenkenntnis schwer vereinbar, so die Juristen.

Besonderen Raum nahm der Fall des Priesters Peter H. ein, von den Gutachtern nur als X. bezeichnet. Dieser Geistliche aus Nordrhein-Westfalen soll vielfach Jungen missbraucht haben und wurde zur Amtszeit Ratzingers in dessen Bistum versetzt, wo er Jahre später rechtskräftig wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde und immer wieder rückfällig geworden sein soll.

»Zusammenbruch eines Denkmals«

Über die Aufnahme des Priesters in München war in einer Sitzung im Januar 1980 entschieden worden. In einer Stellungnahme an die Gutachter gab Papst Benedikt an, er sei bei dieser Sitzung nicht anwesend gewesen. Das habe sie überrascht, sagte Anwalt Ulrich Wastl stellvertretend für das Gutachterteam.

Er verwies auf die Kopie des Protokolls jener Ordinariatssitzung, in dem Benedikt nicht als abwesend geführt werde. Laut dem Protokoll berichtete Ratzinger in der Sitzung unter anderem von Gesprächen mit Papst Johannes Paul II., so Wastl. Er halte Benedikts Angabe, er sei in dieser Sitzung nicht anwesend gewesen, für »wenig glaubwürdig«.

Der Sprecher der Opferinitiative »Eckiger Tisch«, Matthias Katsch, sprach von einer »historischen Erschütterung« der Kirche. »Wir erleben hier den Zusammenbruch eines Denkmals«, sagte Katsch dem SPIEGEL in Bezug auf die Vorwürfe gegen Benedikt. Die Missbrauchskrise der katholischen Kirche sei endgültig in ihrem Zentrum angekommen – im Vatikan.

ptz/dpa