Forderung von Expertenkommission Bischöfe sollen Missbrauchsopfern Milliarden zahlen

Bei der Vollversammlung der deutschen Bischöfe wird auch der Missbrauchsskandal diskutiert. Eine Expertenkommission fordert nach SPIEGEL-Informationen bis zu 400.000 Euro Schmerzensgeld - pro Person.

Kruzifix (Archiv): In Fulda trifft sich die Deutsche Bischofskonferenz zu ihrer Herbstvollversammlung
Kai Pfaffenbach/ REUTERS

Kruzifix (Archiv): In Fulda trifft sich die Deutsche Bischofskonferenz zu ihrer Herbstvollversammlung

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Bei der am heutigen Montag beginnenden Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda wird das Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche weit oben auf der Agenda stehen. Pünktlich zu dem alljährlichen Treffen hat eine vom Episkopat eingesetzte unabhängige Arbeitsgruppe aus 28 Expertinnen und Experten einen Katalog mit 37 Vorschlägen erarbeitet, mit denen das bisherige Opfer-Entschädigungsverfahren verbessert und weiterentwickelt werden soll.

Der Arbeitsgruppe gehören Vertreter aus Kirche und Gesellschaft an, darunter Psychiater, Juristen und acht Betroffenenvertreter. Die Empfehlungen, die dem SPIEGEL vorliegen, sind beachtlich. Demnach fordert die Expertenkommission, dass Missbrauchsopfer künftig eine Grundentschädigung in Höhe von 10.000 Euro erhalten sollen. Zudem sollen die Betroffenen Anspruch auf ein darüber hinausgehendes Schmerzensgeld haben, das bei bis zu 400.000 Euro liegt - pro Person.

Angesichts der Fallzahlen ergäben sich daraus kirchliche Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe. In den vergangenen Jahrzehnten wurden laut der 2018 veröffentlichten Missbrauchsstudie der Bischöfe insgesamt 3677 Kinder und Jugendliche durch 1670 katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz missbraucht. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein, Experten sprechen von bis zu 100.000 Betroffenen.

"Die Kirche muss auch für die Folgen des Missbrauchs die Verantwortung übernehmen"

An den bisher von der Kirche gewährten Entschädigungsleistungen von in der Regel maximal 5000 Euro gibt es seit Langem Kritik. Viele Missbrauchsbetroffene haben infolge psychischer Belastungen und Erkrankungen berufliche Probleme. "Es geht nicht nur um die Anerkennung des Leides der Betroffenen. Die Kirche muss auch für die Folgen des Missbrauchs die Verantwortung übernehmen", sagt Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenenorganisation "Eckiger Tisch" und Angehöriger der Arbeitsgruppe.

Bereits Anfang Juni hatten Betroffenenvertreter bei einem Treffen mit der Bischofskonferenz die Summe von 300.000 Euro pro Opfer gefordert. Vorvergangene Woche nannte dann auch der Missbrauchsbeauftragte des deutschen Episkopats, Bischof Stephan Ackermann, diese Summe gegenüber dem "Trierischen Volksfreund" und stellte damit höhere Entschädigungen für die Opfer in Aussicht.

Nach dem Wunsch der Arbeitsgruppe soll künftig auch die deutsche Ordensobernkonferenz an den Reformplänen beteiligt werden. Das sei schon deshalb unerlässlich, weil "ein erheblicher Teil der Taten in Einrichtungen von Orden verübt wurde". Ferner sollen auch jene Betroffene anspruchsberechtigt sein, die bereits Entschädigungszahlungen erhalten haben. Und auch Angehörige und Hinterbliebene von Opfern könnten künftig Ansprüche geltend machen.

Weil es immer wieder Klagen über die Intransparenz des Entschädigungsverfahrens gibt, soll nach dem Wunsch der Arbeitsgruppe eine interdisziplinäre Expertenkommission über die Gewährung der Zahlungen entscheiden. Gleichzeitig soll ein unabhängiger Entschädigungsfonds eingerichtet werden, der alle Diözesen und Orden unter einem Dach vereint und "nicht weisungsgebunden" zur Kirche arbeitet. Der kirchliche Einfluss "auf die Besetzung, insbesondere der Gremien, die die Plausibilität von Entschädigungen prüfen", sei einzuschränken, so die Experten.

Am morgigen Dienstag wird die unabhängige Arbeitsgruppe ihre 37 Vorschläge den Bischöfen bei der Vollversammlung präsentieren. Erst danach werde man sich zu den Empfehlungen äußern, sagte ein Sprecher der Bischofskonferenz dem SPIEGEL. Betroffenenvertreter Katsch fordert: "Die Kirche muss für ihr eigenes systemisches Versagen und Verschulden geradestehen."



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